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Regensburg

DELPHISCH NEBULÖSER GO-GO-TANZ IM KÄFIG

Junge Tänzer der Regensburger Kompanie stellen in der Tanz.Fabrik! vier eigene, spannende und poetische Choreografien vor



Bei aller Unterschiedlichkeit von Themen und Bewegungssprachen der immerhin sieben Uraufführungen fällt ins Auge, dass bestimmte Ausdrucksformen und Gesten sich doch wiederholen.


  • Tanz.Fabrik!vier Foto © Juliane Zitzelsperger
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Macht, Gewalt, Zwang. Mann gegen Frau, Frau gegen Mann. Alle gegen jeden, der ausschert. Es herrscht eine spannungsgeladene, ziemlich düstere Atmosphäre in „Channel-11“, einer Choreografie von Alessio Burani. Der Tänzer der Regensburger Tanzkompanie hat in seinem Stück für die diesjährige Tanz.Fabrik Eindrücke einer Reise nach Jerusalem verarbeitet. Bei der Premiere im Velodrom wirkte es wie ein Fanal, ein Aufruf genau hinzuschauen und hinzuhören, wenn Nachrichten über die Bildschirme und Leinwände flackern. Burani hat seine packende Choreografie multimedial aufgebaut. Neben einer verstörenden Musik aus bedrohlichem Geknister, unbestimmbaren Geräuschen und heftigen Sounds, lief hinter den Tänzern eine Videoprojektion mit Bildern aus Krieg, Aufmärschen und Nachrichtenalltag ab. Sie kommentierte das Geschehen auf der Bühne, auf der sich die Tanzenden in Gruppenbildern zu riesigen tierartigen Körpern formten. Einzelne, die daraus ausbrachen und ihren individuellen Ausdruck finden und tanzend ausleben wollten, wurden unnachgiebig zurückgeholt. Sie unterliegen dem Druck und dem Einfluss der Gruppe.

Eine weitere Arbeit für das gesamte Ensemble choreografierte die seit zwei Jahren in Regensburg tanzende US-Amerikanerin Simone Elliott. „Jarred“ beginnt ebenfalls sehr düster, aber ein kurzes Solo evoziert eine völlig andere Stimmung. Die Bühne ist in ein fahles Licht getaucht, Nebelschwaden wabern darüber. Der Tanz ist in eine unwirkliche Stimmung getaucht, aus einer teils gehetzt laufenden Gruppe löst sich ein Paar, das aber nicht recht vorwärts oder seitwärts kommt. Klagendes Sirenengeheul und Standbilder der Ratlosigkeit zeigen an, dass es wohl keinen Ausweg gibt aus dieser inneren Einengung.

Bei aller Unterschiedlichkeit von Themen und Bewegungssprachen der immerhin sieben Uraufführungen fällt ins Auge, dass bestimmte Ausdrucksformen und Gesten sich doch wiederholen. Da ist sicher der Einfluss das Tanzchefs, Yuki Mori, spürbar.

Zwei eher gradlinige, poetische Stücke steuerten die Französin Pauline Torzuoli mit „The Moon Ate The Dark“ und Yosuke Kusano mit seiner Hommage an die „Drei-Mohren-Strasse, 93047 Regensburg“ bei. Kusanos heiter-vergnügliche Liebeserklärung an die Straße, die ans Theater angrenzt, hat „einfach irgendwann kommen müssen.“ Begeistert unterstrich Intendant Jens Neundorff von Enzberg bei der anschließenden Premierenfeier seine Einschätzung. Die sensible Erzählung vom Aufeinandertreffen ganz unterschiedlicher Menschen zerfasert allerdings gegen Ende in einer zerstückelnden Projektion schnell geschnittener Fotos der Drei-Mohren-Strasse. Torzuolis Duett zeigt ein wundervolles, zärtlich-eigensinniges Spiel aus Annäherung und Souveränität, Intimität und Eigenart mit einem aufgerollten Teppich. Hinreißend getanzt von ihr selbst und Kusano. Sie scheinen damit ihre Arbeit, das tägliche harte Tanz- und Körpertraining, ins Leben hinein zu verlängern.

Ein weiteres, unter die Haut gehendes Duo hat die Moskauerin Sadagyul Mamedova mit „Something to remember…“ geschaffen. Angeregt von Yann Arthus-Bertrands Dokumentarfilm „Human“ geht sie mit den beiden Tänzerinnen Harumi Takeuchi und Tiana Lara Hogan der Frage nach, was der Mensch wirklich zum Leben braucht. Mit beeindruckender Formensprache bringt Mamedova ihre Antwort ungeschminkt und unpathetisch – allerdings untermalt von pathetischen Streichern – zum Ausdruck. Es braucht das Gegenüber, den anderen Menschen, um Sehnsüchte, Verzweiflung, Resignation, aber auch Streit und tiefe Zuneigung zu leben. Es ist die vielleicht eigenständigste Choreografie mit einer Körpersprache, die zugleich kraftvoll und leicht ist und sich direkt ins Gefühlszentrum senkt. Eine eigene und eigensinnige Sichtweise zeigte auch Tsung-Hsien Chen, jüngstes Mitglied der Kompanie, mit seiner Choreografie „Somewhere Nice“ für drei Tänzer. In einem innig-spielerischen Miteinander rollen sie ineinander sitzend über die Bühne, mal oben, mal unten, mal ja, mal nein. Schließlich dürfen sie auch einmal kopfstehen, um alles aus anderer Warte zu betrachten. Brausender Beifall zeigte, dass hier wohl ein Publikumsliebling entstanden ist.

Die vielleicht rätselhafteste Choreografie hat der Turiner Simonefrederick Scachetti mit „3Dream“ auf die Bühne des Velodroms gebracht. Zwischen einer Art Go-go-Tanz in von oben beleuchteten Käfigen – eingesperrten Seelen – und ‚schwarzen’ Frauen irren zwei Tänzer umher. Ängstlich und draufgängerisch suchen sie nach Möglichkeiten, „Erfahrungen aus (ihrem) alten Leben mit in eine neues zu nehmen“. So steht es im Programmheft. Im großartigen Tanz bleibt diese Aussage eher delphisch nebulös.

Alles in allem: großartiger Tanz an einem ereignisreichen, spannenden Abend!

Weitere Vorstellungen: Mittwoch, 06. Juli und Freitag, 15. Juli, jeweils 19.30 Uhr im Velodrom, Karten telefonisch oder online unter www.theaterregensburg.de

Veröffentlicht am 06.07.2016, von Michael Scheiner in Homepage, Kritiken 2015/2016

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