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Hamburg

DREI MAL TANZEN

Limited Edition – das Format für NachwuchschoreografInnen auf K3



Teresa Hoffmann, Katharina Roll und Patricia Carolin Mai blicken von verschiedenen Seiten auf Choreografie und überraschen dabei mit sehr unterschiedlichen Zugängen.


  • "K3 - Limited Edition" Foto © Thies Rätzke
  • "K3 - Limited Edition" Foto © Thies Rätzke
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Teresa Hofmann: „Relational Masquerade“

Eine Tänzerin (Teresa Hoffmann) und ein Tänzer (Mark Carerra) joggen auf die Bühne. Zu metallischen Schlägen aus dem Lautsprecher ziehen sie symmetrische Raumwege über den weißen Tanzboden. Joggen als Alltagsbewegung, joggen als Sport, joggen als Chorografie – schon beim Auftritt der beiden scheinen Themen von „Relational Masquerade“ durch, die im Laufe des Stücks auf immer neue Weise verhandelt werden: Wann ‚demaskiert’ sich eine (Alltags-)Bewegung zum Tanz? Wo beginnt das Erzählpotenzial von Bewegungsabfolgen und ab wann verweist eine Bewegung ‚nur’ auf sich selbst und nicht über sich hinaus? Aus einem Spiel der beiden TänzerInnen wird ein ‚tatsächliches’ Spiel, in dem Moment in dem sie durch dribbelnde Bewegungen das vorherige ‚Sich-im-Weg-Stehen’ zur körperlichen Praxis des Basketballspielens decodieren. Eine Bewegungsabfolge von schöpfenden und pendelnden Arm- und Rumpfbewegungen wandelt sich zu einer arbeitssamen Abfolge von Putzpraktiken – wobei eine winkende Hand im nächsten Moment eine imaginäre Fensterscheibe wischt. So changieren die Bewegungen zwischen ihren Bedeutungen hin und her. Zwischendurch scheint etwas Vertrautes auf, dann scheint es wieder verloren – so als wäre man als ZuschauerIn mit auf der Suche nach der Bewegung und deren Bedeutungen, die die PerformerInnen in ihren stetigen Transformationen durchlaufen. Die weiße leere Bühne füllt sich nach und nach mit den verschiedenen Positionen eines/verschiedener Feldspiele und lässt das TänzerInnenteam aus allen Perspektiven daran teilnehmen: Mal sind sie die SpielerInnen selbst, dann das jubelnde Publikum, schließlich die PlatzanweiserInnen und sogar die Grenzen zum Objekt überschreiten ihre Körper, wenn sie als ‚Bälle’ über die Bühne kugeln.

Katharina Roll: „1:2,5“

Ebenso spielerisch zeigt sich das Solo von Katharina Roll, die sich in einem figurativen Austausch mit einer/m imaginären Anderen begibt. Auf dem schmalen Bühnenstreifen, der zwischen den Publikumsreihen platziert und von oben mit Glühbirnen schwach beleuchtet wird, durchläuft sie verschiedene Phasen der Begegnung: Mal ist da Jemand, mit dem sie neckende Hänseleien austauscht, dann wird das Spiel zum Kampf und schließlich zu einem sanften, freundschaftlichen Wiedersehen. Innerhalb eines Passepartouts verschiedener Tanztechniken aus Ballett, Modern, Mime Corporeal und Butoh kommuniziert sie auf verschiedenen Ebenen mit diesem anderem Menschen, der durch ihre Präsenz im Bühnenraum erscheint. Wenn dann der hermetische Raum, den sie in ihrer Begegnung aufbaut, kurz durchlässig wird und sich das Publikum selbst angesprochen fühlt, schimmert etwas Dialogisches durch, das Roll auch auf auditiver Ebene mit dem Live-Gitarristen fortführt und das den Abend zu einem Stück über Begegnungen im Allgemeinen werden lässt.

Patricia Carolin Mai: „Ready to Snap”

Das kraftvollen Duett „Ready to Snap“ nimmt den physischen Zustand des Moments kurz vor dem Zuschnappens/Losstartens zum Ausgangspunkt und Untersuchungsgegenstand der Bewegungsstudie. Nicht die Suche nach der Bewegung, sondern das ‚In-Bewegung-Sein’ erscheint hier als Startlinie von der aus die Körper der beiden Tänzerinnen (Patricia Carolin Mai und Lotta Timm) in dynamische Renn-, Sprung- und Pendelbewegungen ausbrechen, innehalten und wieder losrennen, springen, spurten und repetitiv gegen die Wand klatschen. Der Körper wird zum Garanten verschiedener Extremzustände, in die sich die TänzerInnen selbst oder gegenseitig pushen. Die präzisen Abfolgen verschiedener Posen, die der Körper in solchen Situationen einnimmt, wechseln sich ab mit dem Versuch, sich selbst an die eigenen Grenzen der körperlichen Belastbarkeit zu bringen: der rasende Atem von Mai und Timm treibt beide Körper noch mehr an, lässt sie noch schneller werden und legt sich zusammen mit den begleitenden Live-Geigentönen (Sound: Hanna Naske) wie ein virtuoser Soundtrack über die zuweilen exzessive Körperlichkeit.

An einer Stelle halten sich beide Tänzerinnen gegenseitig den Mund zu, greifen sich am Nacken und drücken sich gegenseitig hinauf und hinunter und plötzlich ist da nicht nur die eine physische, sondern auch eine erzählende Ebene, eine Beziehung, die sich zwischen beiden Tänzerinnen aufbaut und von einem Gefühl des Tragens oder Getragenwerdens berichtet, einem sich gegenseitig Fordern, Anfordern, vielleicht auch Überfordern und Weitertreiben, obwohl es eigentlich nicht mehr weiter geht.

Am Ende stehen beide Tänzerinnen einfach nur da und schauen ins Publikum. Die hautfarbenden Kostüme (Louise Tresvaux du Fraval) bilden einen Kontrast zu den erröteten Körpern, die Spuren der zuvor erlebten Anstrengung tragen. Die Bewegungen, die vorher als kraftvolle Explosionen durch die Körper getrieben wurden, sind nun nur noch ganz leicht, wie eine Erinnerung des eigenen Körpers an das was zuvor geschah, wie ein leichtes Nachhorchen des Zustandes kurz vor – oder kurz nach ‚dem Zuschnappen’. Die Kippbewegungen der Oberkörper gehen nun in eine Verbeugung über, werden zu einer Art Erlösung, die auf das Erleben von Extremzuständen folgt und die durch den Applaus des Publikums eingeleitet wird.

Veröffentlicht am 22.06.2016, von Anna Wieczorek in Homepage, Kritiken 2015/2016

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