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Stuttgart

ZERREIßPROBE ZWISCHEN KUNST UND LEBEN

Marco Goecke choreografiert „Nijinsky“ bei Gauthier Dance in Stuttgart



Wie Flügel werden die Arme hochgereckt, die sprechenden Hände dramatisch abgeknickt. So übersetzt Goecke den inneren Kampf Nijinskys in Bewegung.


  • "Nijinsky" von Marco Goecke; Rosario Guerra und Luke Prunty Foto © Regina Brocke
  • "Nijinsky" von Marco Goecke; David Rodriguez und Garazi Perez Oloriz Foto © Regina Brocke
  • "Nijinsky" von Marco Goecke; Rosario Guerra Foto © Regina Brocke

Es gibt nicht viele Choreografen, deren charakteristische Handschrift man bereits in den ersten Minuten in jedem ihrer Stücke deutlich erkennt - einer von ihnen ist Marco Goecke. Der Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts hat sich mit seinem eigenwilligen Stil unaufhaltsam in die internationale Tanzszene hochgearbeitet. Wo immer der Vorhang sich öffnet für eines seiner Stücke, darf man darauf gefasst sein, dass nicht die Tänzerbeine die Hauptrolle spielen, sondern die Arme; dass nicht nur die Gesichter Gefühle ausdrücken, sondern auch die nackten Rücken. Wie Flügel werden die Arme hochgereckt, die sprechenden Hände dramatisch abgeknickt. Immer wieder schwingen Arme und Hände schneller als die menschliche Wahrnehmung und lehren das Publikum, dass den eigenen Augen nicht zu trauen ist.

Auch in seiner jüngsten Kreation „Nijinsky“ für Gauthier Dance in Stuttgart ist Goecke dieser Linie treu geblieben. Mit seinem bewährten Team (Ausstattung Michaela Springer, Licht Udo Haberland) hat er auf jeden Ausstattungszauber verzichtet, der sich unschwer zum Thema „Nijinsky“ denken ließe. Auf einer leeren Bühne – weißer Tanzteppich, schwarze Stoffwände – agieren die Tänzer in schwarzen Hosen, die Männer mit blankem Oberkörper, die Damen mit hautfarbenen Bustiers. Die Farbe Rot setzt einen kurzen dramatischen Akzent, ein pelzbesetzter Mantel kennzeichnet den Impresario Diaghilev. Musikalisch geben Chopins beide Klavierkonzerte den Ton an.

Vaslav Nijinsky war der Superstar der internationalen Tanzszene des beginnenden vorigen Jahrhunderts mit einem Lebenslauf, wie man ihn dramatischer nicht hätte erfinden können. Vieles davon ist Tanzgeschichte geworden; sein „Sacre du printemps“ (UA 1913 in Paris) gilt als der Theaterskandal schlechthin. Viel davon hätte sich als spektakuläre Kulisse für ein traditionelles Handlungsballett verwenden lassen; Marco Goecke interessierte an dem legendären Tänzer freilich etwas ganz anderes: der Konflikt, der ihn buchstäblich in den Wahnsinn einer schizophrenen Erkrankung trieb. Und so war es sicher nützlich, dass Hausherr Eric Gauthier den roten Handlungsfaden eingangs kurz erläuterte – so ganz ohne Erklärung hätte er sich wohl nicht so leicht erschlossen.

Nijinsky war ein Ausnahmetalent – ein hoher Anspruch an den Italiener Rosario Guerra in der Titelrolle. Marco Goecke gibt ihm Gelegenheit, zu glänzen, und noch mehr Gelegenheiten, sich spektakulär innerlich zu zerreißen. Denn was Goecke aus dem Lebensweg Nijinskys herausdeutet, ist neben seinem Ausnahmetalent als Künstler die innere Zerreißprobe der sexuellen Orientierung: „Bist Du Junge oder Mädchen?“ – diese Frage wird laut gestellt und im Tanz vervielfältigt. Goecke lässt es in diesem Punkt drastisch zugehen, eher sexuell handgreiflich als sublim erotisch. Obwohl es in seiner Choreografie einige Frauenrollen gibt, bleiben die Männer in Nijinskys Leben weitaus stärker im choreografischen Fokus. Die letzten 40 Lebensjahre werden im extremen Zeitraffer abgehandelt; am Ende malt der schizophrene Vaslav rastlos und verzweifelt Kreise auf den Tanzboden.

In einer Kompanie hat Eric Gauthier - selbst früher charismatischer Solist am Staatstheater – einige große Begabungen um sich geschart. Sie machen, natürlich, einen großen Teil an der besonderen Wirkung dieses Abends aus. Das Premierenpublikum rieb sich nach 80 intensiven Minuten die Augen – und spendete reichlich Beifall.

Veröffentlicht am 20.06.2016, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2015/2016

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