HOMEPAGE



Heidelberg

WENN ES IN DER KUNST UM TOD UND LEBEN GEHT

Die Heidelberger Choreografin Jai Gonzales im Gespräch über ihr jüngstes Projekt „OPENstage“



Im neuen Format der „OPENstage“ kommen Künstler unterschiedlichster Sparten zusammen. Darüber, und wie der Dichter Ossip Mandelstam zum Thema des nächsten Treffens wurde, spricht Isabelle von Neumann-Cosel mit der Initiatorin.


  • Jai Gonzales bei OPENstage Foto © Günter Krammer
  • Jai Gonzales bei OPENstage Foto © Nils Herbstrieth

Frau Gonzales, Ihre neue Veranstaltungsreihe in der Hebelhalle führt Künstler aus unterschiedlichsten Sparten – Tänzer, Sänger, Musiker, Schauspieler - in einer interdisziplinären Improvisation vor Publikum zusammen. Woran hängt das künstlerische Gelingen dieses Konzepts?
An der künstlerischen Reife aller Beteiligten und ihrer Fähigkeit, Verantwortung für ihre eigene Kreativität im gemeinsamen Raum – der Bühne – zu tragen und sich auf die Impulse anderer einzulassen; am Vertrauen darauf, dass durch „OPENstage“ ein Netz entsteht, das nicht nur die Akteure auf der Bühne, sondern auch das Publikum tragen kann.

Wie sind ihre bisherigen Erfahrungen mit den praktischen Ergebnissen dieser ‚wohlvorbereiteten Improvisation’?
Das Format ist für mich eine große Bereicherung. Hier im Rhein-Neckar-Raum leben und arbeiten viele herausragende Künstler, und dieses gemeinsame Tun setzt intensive Energien frei. Nach der letzten Veranstaltung wollten die Zuschauer gar nicht mehr nach Hause gehen…

Aber der begrenzte Zeitrahmen von einer Stunde ist ein wichtiges Kriterium, um die Intensität des Abends nicht auszudünnen – bei Ihnen laufen trotz aller Freiheit für die Künstler dann doch die Fäden des gemeinsamen Tuns zusammen. Das gilt in besonderem Maß für die letzte Veranstaltung der Reihe am kommenden Sonntag, die dem Dichter Ossip Mandelstam gewidmet ist. Ein erstaunliches Thema… Was fasziniert Sie daran besonders?
Die Heidelberger Ebert-Gedenkstätte zeigt eine Ausstellung über Ossip Mandelstam, der übrigens eine biografische Verbindung zur Heidelberger Universität hat. Ich habe bei meiner Annäherung an das Thema ein besonderes Augenmerk auf das persönliche und künstlerische Verhältnis von Mandelstam und seiner Frau Nadeschda gelegt.

Mandelstam gilt als DIE poetische Stimme gegen Stalin; aber seine Frau Nadeschda war ebenfalls Künstlerin von beeindruckendem literarischem Rang; ihre autobiografischen Schriften haben ihr Weltruhm eingebracht.
Sie hat erst nach Mandelstams Tod selbst veröffentlicht. In der gemeinsamen Ehezeit, die geprägt war von dauernder Angst, Verstecken, Verfolgung und Verbannung, hat sie sich ganz in den Dienst der Kunst ihres Mannes gestellt. Als er nicht mehr veröffentlichen durfte, hat sie all seine Gedichte auswendig gelernt und so überhaupt erst der Nachwelt erhalten.

Das spricht für eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft der besonderen Art, in der Verantwortung und Für-einander-da-sein Fragen von Tod und Leben waren.
Ich finde es faszinierend, wie bedingungslos sich Nadeschda Madelstam für ihren Mann eingesetzt hat, ohne sich selbst aufzugeben.

Ihre Choreografien kreisen vielfach um die zentralen Themen der Eigenverantwortung und des Sich-Einlassens auf das Gegenüber, um bedingungsloses Vertrauen ohne Selbstaufgabe.
Das sind zentrale Themen jeder persönlichen und jeder künstlerischen Beziehung, die hier am Beispiel der Mandelstams augenfällig werden können. Ich vertraue auf die Synergien aller Beteiligten bei „OPENstage“ am Sonntag.

Veröffentlicht am 10.06.2016, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Themen

Dieser Artikel wurde 1738 mal angesehen.



Kommentare zu "Wenn es in der Kunst um Tod und Leben geht"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    BEWEGUNG, MUSIK, LICHT

    Fotoblog von Dieter Hartwig
    Veröffentlicht am 19.07.2018, von Dieter Hartwig


    40 JAHRE TANZFABRIK BERLIN

    Fotoblog von Dieter Hartwig
    Veröffentlicht am 19.07.2018, von Dieter Hartwig


    UNTER „RIVERS“ GURGELT DIE DONAU

    Regensburger "CiRR – Choreographers in Residence Program"
    Veröffentlicht am 16.07.2018, von Michael Scheiner



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ROMÉO ET JULIETTE

    Roméo et Juliette von Sasha Waltz wieder an der Deutschen Oper Berlin zu sehen.

    »Roméo et Juliette« ist die erste Arbeit von Sasha Waltz, die sie für ein großes Ballettensemble schuf.

    Veröffentlicht am 29.05.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    ESKALATION AM TANZTHEATER WUPPERTAL

    Intendantin Adolphe Binder entlassen, Geschäftsführer Dirk Hesse hört zum Jahresende ebenfalls auf

    Veröffentlicht am 13.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    TO WHOM IT MAY CONCERN

    Adolphe Binder reagiert in einem offenen Brief auf ihre Entlassung

    Veröffentlicht am 14.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    TANZ DER EINSAMKEIT

    "La Strada" im Gärtnerplatztheater München

    Veröffentlicht am 15.07.2018, von Boris Michael Gruhl


    SYMBOLTRÄCHTIG

    Die "Tanz.Fabrik! sechs" in Regensburg

    Veröffentlicht am 08.07.2018, von Michael Scheiner


    GRANDIOSER AUFTAKT

    Die Kibbutz Dance Company 2 eröffnet das Münchner Festival THINK BIG! für junges Publikum im Muffatwerk

    Veröffentlicht am 14.07.2018, von Boris Michael Gruhl



    BEI UNS IM SHOP