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Leipzig

„UNDO, REDO AND REPEAT“

Ein ungewöhnliches Tanzfonds-Erbe Projekt von und mit Christina Ciupke und Anna Till



„undo, redo und repeat“, das ist ein Abend von verführerischer, subversiver Zärtlichkeit in der Leipziger Schaubühne Lindenfels.


  • "undo, redo and repeat" von Christina Ciupke und Anna Till Foto © Renata Chuiere
  • "undo, redo and repeat" von Christina Ciupke und Anna Till Foto © Dieter Hartwig
  • "undo, redo and repeat" von Christina Ciupke und Anna Till Foto © Dieter Hartwig
  • "undo, redo and repeat" von Christina Ciupke und Anna Till Foto © Renata Chuiere
  • "undo, redo and repeat" von Christina Ciupke und Anna Till Foto © Dieter Hartwig
  • "undo, redo and repeat" von Christina Ciupke und Anna Till Foto © Helene Altenstein

Als Tänzerinnen könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Christina Ciupke, „die Kleine, Schmale, Starke“, wie sie Irene Sieben beschreibt, ist von individueller Präsenz ohne sich dem Zuschauer aufzudrängen. Das tut auch die etwas höher gewachsene Anna Till nicht, deren Stärke die nur scheinbar spielerische Bewegung ist. Nach den gut 75 Minuten, in denen das Projekt „undo, redo and repeat“ den stets mitbewegten Zuschauer in seinen Bann zieht, ist klar, diese beiden Künstlerinnen haben sich gesucht und gefunden, und das ist gut so.

Ihre Art der Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen des Tanzes anhand von choreografischen Momenten, die in ihrer Auswahl alles andere als willkürlich, aber auch nicht immer tanzgeschichtlich ganz korrekt sein mögen, ist von besonderer Art. In ihrem Projekt haben sie sich mit choreografischem Material von Mary Wigman, Kurt Jooss, Dore Hoyer, Pina Bausch und William Forsythe beschäftigt. Dabei geht es nicht darum, in üblicher Weise historische Choreografien zu rekonstruieren, nachzutanzen. Es geht zunächst darum, die ausgewählten Protagonistinnen und Protagonisten der Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts mit den Augen von Zeitzeugen zu sehen. Dann werden Augenblicke dieser Schilderungen, Beschreibungen, Interpretationen oder Assoziationen zu eigenen Positionen, die wiederum in der Bewegung auf den Zuschauer zu und mit ihm, im mehrfachen Wechsel der Blickwinkel und Sichtachsen, zum Erleben des Augenblicks werden.

Es beginnt leise, sehr behutsam. Christina Ciupke und Anna Till betreten den Raum, die Schaubühne Lindenfels in Leipzig, ein ehemaliger Ballsaal von morbidem Charme. Als beträten die Tänzerinnen jene Räume Mary Wigmans, die ihnen Irene Sieben aus eigener Erinnerung eröffnet hat, gleiten sie in Kreisbewegungen bei minimalen Veränderungen und leichten Variationen in wunderbarer Selbstverlorenheit dahin. Rhythmen der Bewegung, Schläge der Herzen, Gleichmaß des Atems bestimmen das Kreisen, eröffnen mit dieser ersten Variante einer vergegenwärtigten Erinnerung den Raum für weitere. Aus der Ferne vernimmt man die Stimme von Irene Sieben, genau verstehen kann man nicht, ob sie Anweisungen gibt, ob sie korrigiert, ob sie sich erinnert. Im nächsten Kapitel vergegenwärtigter Erinnerungen wird der Kreis konkret. Mit schwarzer Zeichenkohle wird er gezogen. An vier Stellen von Kreuzen markiert. Ein Medizinball, ein Kinderroller. Die Tänzerinnen haben sich umgezogen, Röcke mit tiefen Kellerfalten. Richtig, „Vor Ort“ von Reinhild Hoffmann, 1997 in Berlin uraufgeführt, als das Hebbel-Theater noch nicht HAU hieß. Reinhild Hoffmann hat ihr Solo mit beiden Tänzerinnen im Studio als Duo erarbeitet. Reinhild Hoffmann, in Essen bei Kurt Jooss ausgebildet, bezieht sich auf den Lehrer, für den die Qualität der Bewegung zählt.

Jooss, Hoffmann, Ciupke&Till eine Weitergabe des Weitergegebenen, eine Veränderung und doch eine Rückbesinnung, Erinnerung und Aufbruch. Wenn eine der Tänzerinnen, auf der Seite liegend auf der Stelle wie in Kind Roller fährt, dann mutet dies an wie ein Bild der gekippten Welten des Expressionismus. Wenn auf einer großen Wand die Tänzerinnen in dunkelblauen, ins Schwarze changierenden Kleidern zu sehen sind, dann öffnen sich die Horizonte der Wahrnehmung unendlich weit. Manchmal meint man, bei den Tänzerinnen auch die Haltungen der Hände Nijinskys zu erkennen.

Wir verändern unsere Positionen als Zuschauer. Die Tänzerinnen auch. Der Tänzer Martin Nachbar hat sie teilhaben lassen an seiner nunmehr fast 15-jährigen Beschäftigung mit Dore Hoyers „Affectos Humanos“ aus dem Jahre 1962. Es geht um einen Moment. Um den Schluss des Tanzes „Angst“ aus Dore Hoyers Zyklus, wenn die Hilfe suchenden Hände der Tänzerin in flatternder Hilflosigkeit in die Höhe gehen, wenn sich das Angstflattern vom Körper löst. Im Wechsel aus Tanz der einen und dem Zuschauen der anderen Tänzerin vollzieht sich der Augenblick eines Menschen, kurz bevor er sich aufgibt. Dore Hoyer nahm sich 1967 das Leben. In der Beschäftigung mit Pina Bausch lief es anders. Christina Ciupke und Anna Till haben Erinnerungen von 19 Menschen zusammengetragen, die sich an unterschiedliche Stücke von Pina Bausch erinnern, deren Erinnerungen sich mischen mit eigenen Erfahrungen, die sich in denen der Erinnerungen spiegeln lassen oder umgekehrt. Der tänzerische Umgang mit diesen liegt in der Kraft der Wiederholung. Samuel Becketts Dramaturgien des Kreislaufs ohne Ausweg, George Taboris Theorie des konstruktiven Scheiterns blitzen auf. Und schon haben uns als Zuschauende die eigenen Kreisläufe der Erinnerungen im Griff, den Rhythmus geben die knallenden Absätze der Tänzerinnen vor, besänftigende Präzision der Wiederholung, was wie ein Widerspruch erscheint und doch als Abbild existenzieller Unausweichlichkeit angenommen werden kann.

Von hier ist es ein Schritt nur in die Körperwelten eines William Forsythe. Ihm wird der weiße Tanzboden in zwei Bahnen extra ausgerollt, am Ende aber auch wieder eingerollt. Der ehemalige Forsythe-Tänzer Thomas McManus hat den Tänzerinnen die Aufgabe gestellt, Bilder zu finden, die menschliche Körper zeigen, von denen auf jeden Fall Bewegungsimpulse ausgehen. Im Ergebnis sehen wir die von den Tänzerinnen kommentierten Abstraktionen auf eben jener eigens ausgerollten schmalen, vorgegebenen Fläche. Das Spiel mit den Schatten erweitert die vom Grundriss her begrenzten räumlichen Dimensionen. Das ist es vielleicht, die Erweiterungen der Dimensionen, einmal die der erinnerten Vorgaben, dann die der eigenen Auseinandersetzungen damit und letztlich die der Wahrnehmungen bei den Zuschauern.

„undo, redo und repeat“, das ist ein Abend von verführerischer, subversiver Zärtlichkeit.

Veröffentlicht am 08.06.2016, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2015/2016

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