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Gießen

TANZART OSTWEST IN GIEßEN ÜBERTRIFFT ALLES BISHERIGE

Low Budget Tanzfestival zeigt enorme Spannweite des Bühnentanzes



Das einwöchige Festival fand mit einer kontrastreichen und beeindruckenden Gala seinen Abschluss.


  • "Glaub an mich" von Rosanna Hribar Foto © Rolf K. Wegst
  • "You will be Removed" von Johannes Wieland Foto © Rolf K. Wegst
  • The Second Part of "...Down" von Xuannian Foto © Rolf K. Wegst
  • "Tangata" von Ricardo Fernando Foto © Rolf K. Wegst
  • "Hamlet Omelett" von Susanna Curtis Foto © Rolf K. Wegst
  • "P. S. Susanna Curtis" von Simone Sandroni Foto © Rolf K. Wegst

Die 14. TanzArt ostwest in Gießen war etwas politischer als sonst, zumindest in der Moderation von Ballettdirektor Tarek Assam während der Tanzgala am Pfingstsonntagabend im restlos ausverkauften Stadttheater Gießen. Da war vom Tanzjahr 2016 zu hören, von der Internationalität der Tanzszene und vom Bemühen weitere Theater-/Ballettschließungen abzuwenden, wie sie in Hagen derzeit wieder drohen. Assam hat das TanzArt-Netzwerk stetig vergrößert, was die Zahl der neuen Teilnehmer eindrucksvoll belegt; es gibt immer mehr Anfragen als terminlich berücksichtigt werden können.

Die TanzArt ostwest wurde vor 18 Jahren von Ballettdirektoren gegründet, die ohne Zusatzfinanzierung den gegenseitigen Austausch abseits von Konkurrenzdenken in Gang bringen wollten. Dass eine low budget Produktion nicht gleichbedeutend mit niedriger Qualität ist, das wurde in dieser Woche vor und an Pfingsten in Gießen einmal mehr bestätigt. Auch die ursprüngliche Absicht der Initiatoren, dem Publikum das große Spektrum des heutigen Bühnentanzes zu präsentieren, wurde reichhaltig erfüllt mit Beiträgen, die von konventionell und solide, über ideenreich und witzig bis außergewöhnlich und atemberaubend reichen.

Es hat sich bewährt, dass Assam nach vielen Gesprächen die Entscheidung traf, etwas weniger Gruppen einzuladen (29 in 2016 statt 34 in 2015), dafür aber einzelnen mehr Zeit einzuräumen. Vor allem die freien Gruppen, die teils von weit her anreisen, zeigen gern mehr als nur einen 10-minütigen Ausschnitt. Diese Beiträge waren vor allem in den Spätabendvorstellungen auf der taT-Studiobühne zu erleben. Einige seien exemplarisch erwähnt:

An Intensität plus Humor kaum zu überbieten sind die beiden Vorstellung der Curtis & Co. Dance Affairs aus Nürnberg, 2004 gegründet von der Tänzerin, Choreografin und Clownin Susanna Curtis. Sie präsentierte ein getanztes Selbstporträt, das in der Porträtserie von Simone Sandroni entstand. Sandroni ist seit dieser Spielzeit am Theater Bielefeld, die Portrait Series (P.S.) erarbeitet er seit einigen Jahren mit Tänzern und Tänzerinnen, die aufgrund ihres Alters nicht mehr in Ensembles tanzen. Zwischen Kleidungsstücken und Mikrofonständern erzählt Susanna Curtis auf Deutsch, später auf Englisch, von ihrem privaten und beruflichen Leben. Immer gewürzt mit britischem Humor und veranschaulicht mit sparsam-präzisen Bewegungen aus Ballettrollen und Tanzstilen. So persönlich ist Tanz selten.

Die zweite Vorstellung ist eine Curtis-Choreografie, die mit dem Titel „Hamlet Omelett“ am Theater Bielefeld Premiere hatte. Ein großartiger Paolo Fossa mimt und tanzt Hamlet in verschiedenen Versionen: als Groteske, Slapstick, Operette, Therapie, Drama mit Tiefgang. Und das mit wenig Requisiten. Fossa trainiert die Tanzkompanie Gießen, seitdem er mit ihr vor genau einem Jahr den Tanzkrimi „Der Tag, an dem der Goldfisch starb“ erarbeitet hat. Diese Hamlet-Version prägt sich ein, komisch und klug zugleich, das sollte sich kein Tanz- und Shakespeare-Fan entgehen lassen.

Ein weiteres biografisch angelegtes Stück brachte Choreograf Massimo Gerardi aus Dresden mit, wo er die Gruppe SubsTanz leitet. Der Tanz von Yuya Fujinami, fulminant begleitet von Sebastian Rehnert am Kontrabass, pendelt zwischen Identitäten, der eigenen und der von anderen Tänzern in der Migration. Erinnert wird an den vergessenen Tänzer Kuni Masami und sein Leben im Europa der NS-Zeit. Neben asiatischen Anklängen verblüffte er mit kurzen Sequenzen von verschiedenen Stilen des zeitgenössischen Bühnentanzes, Pina Bausch, Mats Ek und William Forsythe, waren dabei, Wigman und Laban, aber auch seine Stationen an deutschen Theatern wurden performt.

Die Gala begeisterte mit ihren tänzerisch-musikalischen Kontrasten: Von konventionell-liebreizenden Handlungsballetten in historischen Kostümen, über temperamentvolle Choreografien des zeitgenössischen Tanzes, sei es zu Klassischer oder zu Blues’n’Rock-Musik, bis hin zu einer witzigen Steppeinlage auf Socken in den längst eingemottet geglaubten Trainingsanzügen mit den drei Streifen. Am Ende erfreute das komplett angereiste Ballett Hagen mit „Tangata“, ihrer Interpretation von Astor Piazolla.

Aus dem Rahmen fielen zwei Choreografien: mal wieder die Kasseler mit ihrem sprunggewaltigen, von aggressiver Dynamik beherrschtem „You will be removed“ und das komplette Gegenteil aus Berlin/Beijing mit Sogwirkung: ein in die Langsamkeit und ein behutsames Miteinander führendes Pas de Deux von Xuannian, das sind Xuan Shin und Niannnian Zhou, jetzt in Berlin lebende, einstige Mitglieder von LTDX-Dance aus Beijing. Die Tanzkompanie aus Gießen war aktiv dabei, nach den beiden Site-Specific-Projects am Bahnhof und in der Notaufnahme (siehe eigener Bericht: http://tanznetz.de/blog/27552/tanz-im-bahnhof-und-in-der-notaufnahme) zeigten sie während der Gala auch Auszüge aus der laufenden Produktion „Penelope wartet“ und dem Studiobühnenstück „Glaub an mich“ (Chor. Rosanna Hribar), das von einer Jury zur Tanzmesse Hannover eingeladen wurde.

Es war wieder ein rauschendes Tanzfestival, für eine gute Woche stand Gießen im Zentrum der TanzArt-Szene. Denn das große Wiedersehen gehört selbstverständlich dazu, für die Tanzkompanie Gießen selbst ist es immer auch eine Wiederbegegnung mit ehemaligen Tänzern und Choreografen.

Veröffentlicht am 17.05.2016, von Dagmar Klein in Homepage, Tanzjahr 2016, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "TanzArt ostwest in Gießen übertrifft alles Bi ..."



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