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Ludwigshafen

DUNKLES DRAMA UND KÜHLE ANALYSE

„Hubbard Street Dance“ mit einem ehrgeizigen Programm in Ludwigshafen



So richtig in ihrem Element war die Kompanie bei zwei Choreografien der angesagten Kanadierin Crystal Pite. Mit William Forsythe konnten sie dagegen nicht wirklich punkten.


  • "Second to Last" von Alejandro Cerrudo Foto © Todd Rosenberg
  • Hubbard Street Dance Chicago in "The Impossible" Foto © Todd Rosenberg

Die Kompanie aus Chicago hält seit längerem Kontakt auf Augenhöhe mit der zeitgenössischen europäischen Tanzszene. Der künstlerische Leiter Glen Edgerton war früher in gleicher Funktion beim Nederlands Dans Theater tätig; dasselbe gilt für den Hauschoreografen Alejandro Cerrudo. Für die diesjährige Deutschlandtournee (mit Stationen nicht nur in Ludwigshafen, sondern auch beim Heilbronner Tanzfestival) konnte sich Hubbard Street Dance die Aufführungsrechte gleich zweier Stücke von William Forsythe sichern: für das 2002 uraufgeführte 20-Minuten-Stück „N.N.N.N“ und das legendäre „Quintett“ aus dem Jahr 1993.

Aber ausgerechnet beim „Quintett“– das eigentlich für Ovationen des Publikums gut ist - schwächelte das ansonsten überzeugende Ensemble beim ersten Gastspielabend im Pfalzbau. Vielleicht kein Wunder: Was fünf legendäre Forsythe-Tänzer in Zusammenarbeit mit ihrem Mentor damals auf die Bühne stemmten, war eine furiose Antwort auf das Wissen um die unheilbare Krebserkrankung von Forsyths Frau. Zu blass geriet den Gästen aus USA das Stück, das als hoch emotionale Eloge an den ewigen Kreislauf des Lebens Tanzgeschichte geschrieben hat.

Viel überzeugender gelang ihnen das analytisch kühle Quartett „N.N.N.N.“, in dem nur der Atem und gelegentlich aufblitzendes Gemurmel vier TänzerInnen zusammenhält – über immer schneller werdende Bewegungsfolgen hinweg. Von einzelnen Körperteilen ausgehend, scheint die Energie in den Körpern der Tänzer regelrecht zu explodieren, bis sich überraschende kurze Momente der perfekten Gemeinsamkeit wie Inseln in einem reißenden Strom finden.

Dass sie auch so richtig romantisch schön tanzen können, bewiesen die Hubbard Tänzer in dem zehnminütigen Stück „Second to Last“, mit dem Hauschoreograf Alejandro Cerrudo seinen künstlerischen Fingerabdruck hinterließ: eine hinreißende Folge beinahe zu schöner kurzer Duos zu Musik von Arvo Pärt.

So richtig in ihrem Element waren die Gäste bei zwei Choreografien der angesagten Kanadierin Crystal Pite, hierzulande bekannt durch ihre Residenzzeit am Frankfurter Mousonturm. Ihre Stücke sind geprägt von einer dramatischen Emotionalität, die sich in ihrem hoch anspruchsvollen Bewegungsvokabular widerspiegelt. „A Picture of You Falling“ ist ein witziger Fünf-Minuten-Leckerbissen, ein Solo über Hinfallen und Aufstehen.

Zum Abschluss des Programms gab es ein durchweg spannendes Abenteuer großer Gefühle, denen sieben TänzerInnen in dunklen legeren Zweiteilern (zu Brahms-Sonaten für Cello und Klavier) nachspürten. Angeregt von einem Wintergedicht des Poeten Mark Strand schickt sie in „Solo Echo“ ihre Protagonisten vor einer Glitzerwand rieselnder Schneekristalle auf dramatische Selbsterkundung. Dabei agiert jeder Einzelne immer in Relation zu einer starken Gruppe, die Gegenpart, Rückhalt und Widerstand bietet.

Veröffentlicht am 07.05.2016, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Dunkles Drama und kühle Analyse"



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