HOMEPAGE



München

SO EIN BISSCHEN FAMILIENATMOSPHÄRE

Simone Sandronis „The Passenger“ und DanceWorks Chicago im Münchner Prinzregententheater



Jugendlicher Enthusiasmus und reife Erfahrung treffen an diesem Abend aufeinander. Gekrönt wird dann alles noch durch die Verleihung des Lejeune-Ballettpreises an Peter Jolesch.


  • "The Passenger" von Simone Sandroni; Peter Jolesch, Judith Turos und Ivan Liška Foto © Wilfried Hösl
  • "The Passenger" von Simone Sandroni; Peter Jolesch und Martina Balabanove Foto © Wilfried Hösl
  • "The Passenger" von Simone Sandroni; Ensemble Foto © Wilfried Hösl
  • "The Passenger" von Simone Sandroni; Ivan Liška Foto © Wilfried Hösl
  • "The Passenger" von Simone Sandroni; Judith Turos und Ivan Liška Foto © Wilfried Hösl
  • "The Passenger" von Simone Sandroni; Peter Jolesch, Judith Turos und Ivan Liška Foto © Wilfried Hösl
  • "The Passenger" von Simone Sandroni; Judith Turos Foto © Wilfried Hösl

Irgendwie scheint die 2009 verstorbene Tanztheaterlegende Pina Bausch mit ihrem wissenden stillen Lächeln auf diese Tanzfestwoche herabzuschauen. Ihr vom Staatsballett erworbenes Stück „Für die Kinder von gestern, heute und morgen“ (2002), das den Auftakt machte, hat einige Ensemblemitglieder sehr befruchtend aus dem klassischen „Dornröschen“-Schlaf geweckt. Und in Bauschs reifes Bekenntnis: „Das hat nicht aufgehört, mein Tanzen“ stimmten gerade Ivan Liška, Peter Jolesch und Judith Turos ein: Der scheidende Staatsballettchef, sein Charaktertänzer und seine Ballettmeisterin – alle drei sogenannte Altersgrenzen wegtanzend – wurden denn auch in „The Passenger“, Simone Sandronis Hommage an das Trio, vom Premierenpublikum im Münchner Prinzregententheater herzlich gefeiert.

‚Wo das Tanzen beginnt’, nämlich im jugendlichen Bewegungsfeuer, zeigten vorab die DanceWorks Chicago in sechs kurzen Arbeiten. Von den fünf beteiligten Choreografen kennt man hierzulande nur den Argentinier Demis Volpi, seit 2013/14 Hauschoreograf am Stuttgarter Ballett. Sein pointiert gestisches „Self-Portrait of a Woman“, von Imani English still verträumt getanzt, verrät den europäischen Einfluss auf ihn. Die anderen fünf Stücke zu soften US-Musiken und -Songs, unter anderem von George & Ira Gershwin und Louis Armstrong mit seinem Orchester, strahlen durchweg eine erkennbar amerikanisch lockere Lebens- und Tanzfreude aus. Greg Blackmons feines Männerduo für Jimi Loc Nguyen und Julien Valme erinnert in der musikalisch-elastischen Paarbewegung an den Stil des frühen Alvin Ailey American Dance Theaters. Und Taylor Mitchell und Joshua Manculich scheuen in ihren Sextetten nicht die Nähe zu revuehaftem Showdance und heiter-hüpfigem Vaudeville. Die DanceWorks verstehen sich als Labor, als echte ‚TanzWerker’. Von daher auch die Frische, der Enthusiasmus, auch so eine Art Happy-Family-Gefühl, mit dem durchgehend getanzt wird.

So ein bisschen etwas von Familienatmosphäre hat auch die Uraufführung „The Passenger“. Sandroni entwarf für Liška, Jolesch und Turos behutsam markante Armbewegungen: hoch und weit gerundet, auch pfeilgerade waagerecht oder in der Schräge wie Laban'sche Raum-Vektoren. Die drei streben aufeinander zu und voneinander weg, umkreisen sich. Lassen sich schließlich ein auf einen Pas de trois, in dem Judith Turos von den beiden Männern geführt und gehoben wird. Zu sanften elektronischen Klängen von Alva Noto und Ryuichi Sakamoto ist das ein ruhiges harmonisches Tanzgeschehen. Nirgends ein Ehrgeiz zu technischen Kunststückchen. Was kein Verlust ist.

Rundum glücklich ist man jedoch nicht. Der Choreograf, der ursprünglich vom New Dance, einem Power-Stil, herkommt, ist ein großes Risiko eingegangen. Hier wäre es ja, womit Sandroni offensichtlich weniger vertraut ist, auf die Arbeit an der Geste ‚ganz von innen heraus’ angekommen. So wie man es in Bauschs „Für die Kinder“ – gecoacht von langjährigen Bausch-Tänzern – zumindest bei einigen Staatsballettlern gerade erlebt hat. Und wenn sich schließlich zehn junge Ensemblemitglieder zum Trio dazu gesellen, nach Begrüßung und kurzer Umarmung aber alleine zu der „Passenger“-Ballade von Musikikone Iggy Pop ein bisschen herumwippen, vermisst man letztlich ein choreografiertes Miteinander der jungen und älteren Generation. Das Stück wirkt so flüchtig und unfertig.

Vermutlich hatte der jahrelang als freier Kompaniechef arbeitende Sandroni, seit Beginn dieser Saison zum ersten Mal Tanzchef an einem festen Haus, dem Theater Bielefeld, für diese ehrenwerte, als Abschiedsgeschenk für Liška gedachte Aufgabe nicht genug Zeit. Die Chance bleibt, nochmals in Ruhe daran zu arbeiten. Dem Publikum hat der Abend gefallen und es nahm auch hörbar Anteil an der anschließenden Verleihung des mit 5000 Euro dotierten Lejeune-Ballettpreises durch die Botschafterin des Bayerischen Staatsballetts Irène Lejeune. Als sie Peter Jolesch als den diesjährigen Preisträger ansagte, erklang von der Tribüne herab freudig zustimmendes Echo von seinen Fans, die ihn jahrzehntelang in vielen Rollen (rund 100 waren es) gesehen haben und natürlich von den Schülern und jung gebliebenen 50plus-Damen, die er im Rahmen des Staatsballett-CAMPUS-Programms unterrichtet. Weiter so!

Veröffentlicht am 19.04.2016, von Malve Gradinger in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 4167 mal angesehen.



Kommentare zu "So ein bisschen Familienatmosphäre"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    VON HIPHOP BIS HOGHE

    Das Theater im Pumpenhaus Münster feiert den Juni als Tanz-Monat
    Veröffentlicht am 22.06.2018, von Marieluise Jeitschko


    NACH REIFLICHER ÜBERLEGUNG

    Martin Schläpfer zum neuen Direktor des Wiener Staatsballetts berufen
    Veröffentlicht am 22.06.2018, von Pressetext


    {UN][SPLIT}

    Micro Performance and Macro Matters
    Veröffentlicht am 21.06.2018, von Anzeige



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DANCEFIRST 2018

    Internationales Tanzfestival im Veranstaltungsforum Fürstenfeld

    Vom 19. Juni bis zum 25. Juli 2018 können Besucher dort gleich mehrere erstklassige Tanzaufführungen im Veranstaltungsforum erleben.

    Veröffentlicht am 12.06.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    BESTLEISTUNG

    Die Palucca Hochschule für Tanz Dresden zeigt in der Semperoper ihre beste Leistungsschau seit Jahren

    Veröffentlicht am 01.06.2018, von Rico Stehfest


    VON GANZEM HERZEN ENTERTAINER

    Ben Van Cauwenbergh feiert Jubiläum

    Veröffentlicht am 17.06.2018, von Marieluise Jeitschko


    AUGENSCHMAUS

    "Ballett-Akademie en scène" im Prinzregententheater München

    Veröffentlicht am 10.06.2018, von Sabine Kippenberg


    EINDRUCKSVOLL

    "100°C" des Semperoper Ballett Dresden

    Veröffentlicht am 04.06.2018, von Boris Michael Gruhl


    CREATING DANCE IN ART AND EDUCATION

    Tanzpädagogik/ Choreografie Berufsbegleitende Weiterbildung am UdK Berlin Career College ab Oktober 2018

    Veröffentlicht am 20.04.2018, von Anzeige



    BEI UNS IM SHOP