KRITIKEN 2015/2016



München

AN DER SCHNITTSTELLE VON LEBEN UND KUNST

„On/Off stage – A Perform(d)ance” von Katrin Schafitel und Katja Wachter im Schwere Reiter



So bleibt Langeweile aus. Unsinn hatte selten so viel Sinn.


  • „On/Off stage – A Perform(d)ance” von Katrin Schafitel und Katja Wachter Foto © Franz Kimmel

Verquere Idee: Ein Stück, gemacht wie Malen nach Zahlen. Dazu da, um aus der Rolle zu fallen. „On/Off stage – A Perform(d)ance“ lautet der Titel. Und er beschreibt das am 7. April im Schwere Reiter uraufgeführte Werk recht genau. Katja Wachter und Katrin Schafitel, die beiden Tanz und Sprache gern verlinkenden Erfinderinnen, tun nämlich eineinhalb Stunden so gut wie nichts anderes als geflissentlich unaufgeregt zwischen zwei Zuständen des Präsentseins zu variieren: dem der privaten Person in Probensituationen und ihrem künstlerisch agierenden Pendant.

„On“ ist das Zauberwort, mit dem Katja Wachter sich in ihre erste (und jede folgende) Aufführungssituation schaltet. Ein Signal auch fürs Publikum, nach Vorbereitungs-Wurschtelei besser auf die Vorstellung zu achten. Was dann kommt, ist jede Menge Nonsens und gut getimter Klamauk. Einfallsreicher, clever ausgedachter Quatsch – am intensivsten, wenn Glieder der Protagonisten sich tänzerisch verknoten, Zentrum eines Duetts ein Eimer ist oder ein Paar sich gegenseitig immer rhythmischer die T-Shirts in die Hose stopft und dabei breitbeinig ins Drehen gerät. Motiviert durch die Frage, wie Realität zu Bühnendarstellung, Performance zu Tanz und normales Handeln theaterwirksam wird.

Wachter liest Opus-Zahlen von einem Blatt. Es folgt Text. Wie auf Kommando betritt beim Wort „Entrance“ Katrin Schafitel das mit Alltagsutensilien umstellte Plateau. Verbeugungen in Serie mit Variationen des Arm- und Gesichtsausdrucks sind ihr Ding. Bis der Oberkörper plötzlich nicht mehr in die Senkrechte schnellt. Mit über den Boden streifenden Fingern beginnt ihr Body zu tanzen. So wie der ihrer Kollegin, sobald eine Art epileptischer Drang sie in zackig-weichen Bewegungen vom Mikro am Stehpult wegbrechen und hinein in den Raum federn und torkeln lässt. Choreografisch kann man den Betrachter so verführen!

Gemeinsam skandieren die Tänzerinnen einzelne Buchstaben, hantieren mit Essen oder dick eingecremten Händen, was skurrile Geräusche verursacht wie an anderer Stelle das vorgebliche Zuzeln an Orangen. Die Inspiration zu diesen dadaistisch-absurden Szenen und diversen Aktionen, in die die Zuschauer eingebunden werden, entstammen dem „Fluxus Performance Workbook“: einer Sammlung verschiedenster „Event scores“ (Anleitungen) bekannter Künstler der Fluxus-Bewegung, die in den 1960er Jahren eng mit Musik und Happenings verbunden war.

Schafitel und Wachter gehen lebhaft mit der trockenen Vorlage um. Sie meinen es ernst mit ihrer Collage, arbeiten aber zugleich mit viel situativem Witz. Warnen vor einer gefährlichen Aktion und bewerfen sich daraufhin mit Federn und Ballons. Das sorgt für Heiterkeit, die anhält, wenn der Saal sich unerwartet verdunkelt und die zuvor aus Tüten gekippten Plüschtiere doch noch in die Stuhlreihen fliegen. Von dort mogelt sich einer, dessen Handy wiederholt klingelt, ins Geschehen. Special Guest des zweiten Aufführungsabends am 8. April ist der Münchner Schauspieler Matthias Renger. Seiner spontanen Imitation von Wachters Solo zuzusehen, bereitet Vergnügen. Mit weiteren persönlichen Akzenten mischt er den Abend auf. So bleibt Langeweile aus. Unsinn hatte selten so viel Sinn.

Veröffentlicht am 12.04.2016, von Vesna Mlakar in Kritiken 2015/2016

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