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Bremen

FLUCH UND SEGEN DER FAMILIE

„The Maidenhair Tree & The Silver Apricot“ von Samir Akika und Unusual Symptoms



Nach seinen vorangegangenen Arbeiten „Die Zeit der Kirschen“ und „Einer flog über das Kuckucksnest“, in denen es mehr um die Adaption von (Film-)Erzählungen für das Tanztheater ging, konzentriert sich Akika wieder auf die Bilder aus dem eigenen Erlebnisraum. Und dabei gibt es viel Tanz und Virtuosität!


  • „The Maidenhair Tree & The Silver Apricot“ von Samir Akika Foto © Theater Bremen
  • „The Maidenhair Tree & The Silver Apricot“ von Samir Akika Foto © Theater Bremen
  • „The Maidenhair Tree & The Silver Apricot“ von Samir Akika Foto © Theater Bremen

von Martina Burandt

Maidenhair Tree ist die englische Bezeichnung für den Ginkgo-Baum, der in der asiatischen Alltagsmythologie als Spender von Lebenskraft und als der Wohnort von Geistern gilt. Wie der Ginkgo-Baum wächst auch ein Familienstammbaum, zunehmend und sich immer neu verästelnd, in die Breite. Samir Akika hat sich den Ginkgo als poetisches Symbol für sein neues Tanztheaterstück gewählt, das sich intensiv und ideenreich um das Thema Familie dreht. Dafür hat er sein Ensemble mit fünf jungen Gasttänzern sowie einer dreiköpfigen Band verstärkt.

Gemeinsam mit seinem Ensemble übersetzte Akika fiktionale und reale familiäre Strukturen in Bewegungsgeschichten. Kontrastreich und dynamisch zeigen sie innere wie äußere Konflikte, die in dieser Lebensform aufeinander treffen.

Das Publikum ist noch nicht vollständig, da beginnen die, wie Partygäste gekleideten Tänzerinnen und Tänzer ihr Spiel. Stühle und Tische sind am Bühnenrand aufgetürmt; darauf hockt das Tanzensemble wie eine Affenfamilie auf einem Felsen: die Männer in schwarzen Anzügen und die Frauen in weißen und silbernen Kleidern und einer trägt eine Elefantenmaske. Im Hintergrund befindet sich die Band (Jayrope, Simon Camatta und Stefan Kirchhoff). Wie ein Nummerngirl zeigt der Elefant dem Publikum unbeschriebene Blätter und ganz allmählich beginnt das Spiel.

Zuerst nur ein Tänzer, dann tanzt ein Duo zu melodischen, fast sphärischen Klängen. Und während ihr Tanz immer mehr zum Kampf wird, schauen die anderen zu, als seien sie distanzierte Zeugen eines privaten Streites oder Mitglieder einer psychotherapeutischen Familienaufstellung. Nach und nach mischen sich immer mehr Paare ins Geschehen. Doch mutiert auch ihr Gesellschaftstanz zunehmend zum kunstvollen Kampf.

Traumhaft, zuweilen surreal und subtil erscheinen die Bilder, wenn dazu Nebel aufsteigt. Doch genauso schnell, wie sich aus den Solos dann Duos entwickeln und wieder Gruppenchoreografien, wechselt die Stimmung. Im Zusammenspiel mit der Musik wird es plötzlich rockig, laut und fordernd, wechselt zu lässigem Reggae, zu Jazz und Elektro oder wieder zurück zu sanfteren Stimmungen und Themen. So ergeben die Musik und der Tanz, in unterschiedlichen Techniken von Modern zu Streetdance mit Kampftanz-Elementen, eine perfekte Einheit - choreografisch ineinander geschachtelt wie ein Schweizer Uhrwerk. Zudem bringen die Gesichter der Gäste im zehnköpfigen Ensemble der Energie der Kompanie eine neue Note.

Akika/Unusual Symptoms setzen für diese Choreografie unglaublich viel Energie ein. Für Gefühle wie Wut, Abneigung, Konkurrenz, Gruppenzwang, Liebe, Verbundenheit, Hass, Angeberei, Verzweiflung, Einsamkeit, Konformismus oder Ausgrenzung finden sie immer wieder neue Bilder. Nie übernimmt hierbei eine Person aus dem „Familienzusammenhang“ nur eine Rolle, sondern jeder kann hier alles sein und immer wieder ändern sich die Verhältnisse und Beziehungen und alles bleibt unbestimmt, assoziativ und immer authentisch.

So vermögen diese soghaften, schnellen Bilder seine Betrachter in die eigene Kindheit hineinzuziehen. Da sieht man plötzlich ein Hinkelsteinspiel, einen Geschwisterstreit, eine Trennung oder ein Eifersuchtsdrama und dann ist man wieder bei der anfänglichen Party, wo sich dieselbe „Familie“ zu flotten Jazzklängen als eine ausgelassene Swing-Tanz-Truppe zeigt und im nächsten Moment wieder als ein unsicheres Grüppchen, das sich wie auf dünnem Eis bewegt. Neben dem Thema Familie, bildet die abwechslungsreiche Musik den roten Faden für den eineinhalbstündigen Tanztheaterabend, ohne sich je in den Vordergrund zu drängen.

„The Maidenhair Tree & The Silver Apricot“ ist ein anregender und spannend-kurzweiliger Tanztheater-Abend. Manchmal fragt man sich, wie lange die Tänzerinnen und Tänzer die Spannung des hohe Energie- und Emotionspotential halten können und dann wird es plötzlich ganz still: Ein, für Akika so typisch improvisiert-schönes Holzgebilde, wie eine Mischung aus altmodischem Kinder-Laufstall, Mobile und „Haus vom Nikolaus“, wird von der Decke gelassen. Das Ensemble, nun gekleidet in Alltagskluft und bepackt mit Alltagsgegenständen, geht langsam auf diesen „Maidenhair Tree“ zu und hängt Rad, Fernseher, Rollstuhl, Topf, Weihnachtsdeko, Gieskanne, Tisch, Stuhl und vieles mehr an diesen großen Stammbaum, an dieses große Symbol für Leben und Vergehen und für den ganzen Fluch und Segen einer Familie.

Theater Bremen, Kleines Haus, am 3., 16., 20., 22. April 2016

Veröffentlicht am 29.03.2016, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Fluch und Segen der Familie"



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