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Bonn

EIN TÄNZCHEN WAGEN IN DER LICHTBURG...

Pina-Bausch-Ausstellung in der Bundeskunsthalle



Nichts bisher gab seit Pina Bauschs so tragisch unerwartetem, frühen Tod Ende Juni 2009 so viel Hoffnung auf das Weiterleben ihrer epochal menschlichen Kunst wie diese animierte "Installation" und Dokumentation.


  • Pina Bausch bei Probe in der Lichtburg mit Rolf Borzik und Marion Cito. Wuppertal, um 1978 Foto © © Pina Bausch Foundation (Ulli Weiss)
  • Pina Bausch bei Bühnenprobe zu "Nelken", Palais des Papes, Avignon, 1983 Foto © © Pina Bausch Foundation (Ulli Weiss)
  • Pina Bausch in "Fliedergarten". Choreografie: Antony Tudor Berlin, 1962. Foto © Pina Bausch Foundation
  • Ausstellungsansicht Foto © Foto: Simon Vogel, 2016 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  • Ausstellungsansicht Foto © Foto: Simon Vogel, 2016 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  • Ausstellungsansicht Foto © Foto: Simon Vogel, 2016 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  • Ausstellungsansicht Foto © Foto: Simon Vogel, 2016 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Unverhofft ging an diesem Freitagnachmittag, als ich nach Bonn gefahren bin, ein jahrelanger, geheimer Traum in Erfüllung: einmal ein klitzekleines Bisschen tanzen, versteckt in der allerletzten Reihe der Gruppe bei einer Probe zu einem Stück von Pina Bausch womöglich. Als ich in der nachgebauten "Lichtburg" saß, dem Herzstück der Pina-Bausch-Ausstellung in der Bundeskunsthalle und Treffpunkt von Besuchern mit Tänzern, wurden Erinnerungen wach an das Tohuwabohu zwischen Kostümen, Stühlen, Tänzern und Teenagern während eines Interviews mit Beatrice Libonati vor Jahren in der wirklichen Lichtburg, wo das Tanztheater Wuppertal seit Ende der 1970er Jahre probt. Plötzlich füllte sich der Raum und ein "Warm-up zur Ausstellung" mit Marigia Maggipinto begann. Auf der Leinwand, über die gerade noch Szenen von der Probenarbeit zu einem neuen Bausch-Stück flimmerten, war nun ein Foto von Julie Anne Stanzak mit dem Schifferklavier inmitten des Nelkenfelds zu sehen.

Ich schlich mich in die letzte Reihe und machte mit - tief atmen, die Schultern kreisen lassen, Arme und Beine ausschütteln. Ha, wenn das so ist?! Easy, ganz wie zu Beginn jeder Yoga-Praxis. Dann aber ging's doch etwas anders zur Sache. "Jetzt tanzen wir mal ein bisschen - okay?" Eine kleine Sequenz aus Pina Bauschs "Nelken" sollte draus werden. Das Herz stolperte nur so vor freudiger Erwartung. Wir übten jeden Teil ein paar Mal, dann die ganze Sequenz. "Und nun noch ein bisschen schneller!" Vielstimmiges Meutern aus alten und jungen Kehlen, von Männern und Frauen. Aber danach erst: "Alle ordnen sich jetzt bitte hinter einander an", so die Anweisung. Von wegen Mäuschen in der hintersten Ecke! Wir marschierten bei der einen Tür aus der Lichtburg hinaus, bei der anderen wieder herein. Schön im Takt zur Musik marschieren und dazu "Frühling - Sommer - Herbst - Winter" mit den Armen markieren...

Ich klinkte mich als eine der Ersten aus. Mein kleines Glücksgefühl packte ich verschämt in die Papiertüte mit den Presseunterlagen und vertiefte mich wieder in Pina Bauschs Werdegang, Werk und Arbeitsweise. Dazu gehören natürlich auch Bereiche wie die Bühne mit Skizzen und Entwürfen von Rolf Borzik und Peter Pabst in Vitrinen, eine Fotokollage des Ensembles von rund 125 Künstlern, die zwischen 1973 und 2009 in Wuppertal tanzten, Regiebücher in Pinas fast kindlicher Handschrift, Fotos und Videos von den mehr als 40 Tanzstücken, Reminiszenzen an weltweite Kooperationen.

Die vielen "Warm-ups" mit Wuppertaler Tänzerinnen und Tänzern sind nur ein kleiner Teil des "Lichtburg-Programms". Eine Extrabroschüre listet alle Termine bis Ende Juli auf. Das umfangreiche Workshop-Angebot basiert auf Pina Bauschs Rede beim "2007 Kyoto Prize Workshop Dance and Philosophy". Sie ist, wie Bauschs Dankrede bei der Preisverleihung, in dem Buch "O-Ton Pina Bausch - Interviews und Reden" abgedruckt. Der broschierte Band mit teilweise wenig oder bisher gar nicht verbreiteten Texten aus vielen Archiven erscheint als erster einer mit jeweils zwei Bänden pro Jahr geplanten Reihe der "Pina-Bausch-Edition". Ein Video von Bausch während der Rede kann man auf einem der vielen Monitore, die in der Halle auf schwarzen Sockeln stehen, ansehen. Der gedruckte Text liegt in Fotokopie auf einigen der kleinen runden Tische, wo auch Programmhefte ausliegen oder unter Glas Postkarten von Reisen der Truppe nach Japan, Brasilien und Sizilien.

Stühle und Bänke (endlich einmal genügend Sitzgelegenheiten auf dem sehr großzügig bestückten Ausstellungsareal!) laden zum Verweilen ein. Lieblingsplatz für viele Besucher ist die Bankreihe in einem langgestreckten, fensterlosen Saal mit Parkettboden. Vis-à-vis werden auf sechs Leinwänden, leicht zeitversetzt und teilweise simultan, Szenen aus Bausch-Stücken projiziert. Fotoabzüge mit Stecknadeln auf mobile halbhohe Stellwände gepinnt, überdimensionale Panoramavergrößerungen von Produktions- und Reiseaufnahmen, Texte und Bausch-Zitate (auf deutsch und englisch), Monitore und kleine Sitzgruppen unterstreichen den ebenso einladenden wie auch informativen Charakter des Unterfangens - so gar nicht protzig, schon gar nicht Beweihräucherung einer Ikone.

Ob sich der Besucher zuerst am Eingang nach links oder rechts wendet, bleibt jedem selbst überlassen: links geht's zu Pina Bauschs Jugend und Ausbildungszeit an der Folkwang-Schule bei Kurt Jooss und an der Juilliard-School in New York. Rechts sind handschriftliche Dokumente und schwarz-weiß Fotos von Borzik ausgestellt. Aber jeder Besucher bleibt beim Betreten der Ausstellung wohl zunächst wie angewurzelt stehen, um auf monumentaler Leinwand die exotischen, bunten Fische und Pina Bauschs letztes Solo in "Danzón" zu betrachten.

Im Nu sind zwei Stunden verflogen. Besser, man plant etwas mehr Zeit für den Besuch dieser erstaunlich vielseitigen Schau ein, um auch eine Diskussion, Probe, Performance oder eben ein Warm-up" in der "Lichtburg" wahrnehmen zu können. Schon jetzt spürt man die Sogkraft, die das Pina-Bausch-Zentrum als Begegnungs-, Erinnerungs-, Forschungs- und Aufführungsort gewinnen könnte. Hoffentlich hält die Truppe den Schatz, den sie mit den Tanzstücken in sich trägt, (mindestens) bis zur geplanten Eröffnung 2020 im vormaligen Schauspielhaus Wuppertal wach.

Diese animierte "Installation" und Dokumentation, kuratiert vom Vorsitzenden der Pina Bausch Foundation Salomon Bausch, der Tanzpädagogin Miriam Leysner und dem Intendanten der Bundeskunsthalle Rein Wolfs, wirkt wie ein glänzend gelungener Testlauf - zumindest für den kommunikativen Bereich und Aspekt. Bibliothek, Mediathek und Archiv für Forschungszwecke und eine größere Bühne kommen ja noch dazu. Nichts gab bisher seit Pina Bauschs so tragisch unerwartetem, frühen Tod Ende Juni 2009 so viel Hoffnung auf das Weiterleben ihrer epochal menschlichen Kunst wie diese Schau.

Pina Bausch und das Tanztheater. Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn bis 24. Juli 2016; im Martin-Gropius-Bau Berlin vom 15. September 2016 bis 9. Januar 2017.

Ergänzend dazu die broschierte Museumsausgabe des 1. Bandes der Pina-Bausch-Edition "O-Ton Pina Bausch - Interviews und Reden." Herausgegeben von Stefan Koldehoff und der Pina Bausch Foundation, Redaktion Magdalene Zuther. 978-3-03850-020-9, Buchhandelsausgabe gebunden 978-3-03850-021-6.
www.bundeskunsthalle.de - www.editions.pinabausch.org - www.nimbusbooks.ch

Veröffentlicht am 22.03.2016, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Tanzmedien, Themen, Tanzjahr 2016

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Kommentare zu "Ein Tänzchen wagen in der Lichtburg..."



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