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Dresden

ICH WOLLTE UNBEDINGT IN DRESDEN TANZEN

Melissa Hamilton aus London schätzt die visionäre Arbeit des Semperoper Ballett



Boris Michael Gruhl traf die Tänzerin in Dresden und unterhielt sich mit ihr nicht nur über ihren Wechsel nach Dresden, sondern auch über ihren Wunsch nach einer zeitgemäßen Verknüpfung von Klassik und Moderne.


  • Melissa Hamilton Foto © Andrej Uspenski
  • "La Bayadère"; Melissa Hamilton (Nikija) und István Simon (Solor) Foto © Ian Whalen

Es war ein großer Abend für den Tanz, ein Triumph für das Dresdner Semperoper Ballett, als hier im vergangenen Jahr erstmals mit „Manon“ von Kenneth MacMillan dieses Meisterwerk des neoklassischen Balletts des 20. Jahrhunderts zu erleben war. In der Titelpartie gab die Londoner Tänzerin Melissa Hamilton bravourös ihr gefeiertes Debüt. Angefragt, ob sie diese Rolle hier tanzen wolle, hatte sie der erste Dresdner Solist Jiří Bubeníček, der sich als De Grieux mit dieser Premiere von der Bühne verabschiedete, um seine Karriere als weltweit gefragter Choreograf fortzusetzen.

Melissa Hamilton entschloss sich, für mindestens ein Jahr in Dresden zu bleiben und sich von den Vorzügen dieser Kompanie und ihrem weit gefächerten Repertoire inspirieren zu lassen. Das ist ja so gar nicht auf den ersten Blick nachvollziehbar. In London ist sie Erste Solistin beim National Ballet, sie tanzt am Royal Opera House, das sind in der internationalen Tanzwelt allererste Adressen. Aber hier in Dresden, so Melissa Hamilton in einem Gespräch, sei das Repertoire so außergewöhnlich interessant für sie. Ballettdirektor Aaron S. Watkin arbeite unwahrscheinlich innovativ und somit erfahre sie hier stilistische Herausforderungen, die es so für sie in London derzeit vielleicht noch nicht gebe. Und die Partien, die sie hier nun auch tanzen könne, entsprächen lange gehegten Wünschen. So wird sie aktuell die Partie der Nikija in dem Ballettklassiker „La Bayadère“ erstmals tanzen, diesmal an der Seite von István Simon als edlem Krieger Solor. Zudem wird sie die Hauptpartie in Peter Tschaikowskis „Dornröschen“ übernehmen, eine der anspruchsvollsten Aufgaben für eine klassische Tänzerin überhaupt. Und wenn dann zum Ende der Saison wieder William Forsythes Choreografie „Neue Suite“ auf dem Spielplan steht, ist sie glücklich auch dabei zu sein, als Solistin im ersten Pas de deux mit Emanuele Corsini als Partner.

Es müssen aber nicht immer die ganz großen, oder gar die Hauptpartien sein, so tanzte sie zunächst in „La Bayadère“ auch eine kleinere, nämlich die der Solistin in der dritten Variation im choreografischen Meisterwerk „Das Reich der Schatten“. Überhaupt sei es eine tolle Erfahrung hier, dass jeder einzelne Tänzer, jede Tänzerin in der Arbeit hohe Wertschätzung erfahre, dass sie vom Ensemble mit offenen Armen empfangen worden sei. Dieses gute Miteinander mache es eben möglich, dass hier visionär gearbeitet werden könne. Noch immer ist sie höchst angetan von ihrem Einstieg in Dresden als Manon. Dieser Stil MacMillans, mit dem sie ja in London gewissermaßen groß geworden sei, kam ihr hier wieder ganz neu vor, das war eine erfrischende Erfahrung, denn das, was sie zu kennen meinte, sah sie neu. Sie konnte auch für sich neue Facetten der Interpretation entdecken und nur staunen, wie andere Kollegen, Sarah Hay und Julian Amir Lacey, wiederum andere Facetten der Hauptpartien betonten. Das liege eben daran, dass hier die Persönlichkeiten der Tänzerinnen und Tänzer mit ihren speziellen Möglichkeiten der Entfaltung auch individuell gefördert würden. So kommen das Können, die Beherrschung der tanztechnischen Anforderungen und die persönliche Kraft der Gestaltung zusammen, und das mache eben den Erfolg zeitgemäßer Aufführungen klassischer und neoklassischer Ballette aus.

Wenn Melissa Hamilton nun erstmals die Nikija in „La Bayadère“ tanzt, dann geht ein großer Wunsch für sie in Erfüllung, das hat sie sich gewünscht, seit sie erstmals als Tänzerin im Corps de ballet dieses Werk kennenlernte. Jetzt hat sie die Chance in die Tiefe des Charakters dieser Frau einzudringen. Sie hofft auch, dass sie deren Tragik für das Publikum ergreifend gestalten kann, dass sie die Herzen der Menschen durch ihren Tanz erreicht, dass sie dem klassischen Tanz eine zeitgemäße Form der Interpretation abgewinnen kann. Denn das ist es doch, was die Arbeit hier so spannend macht, die Klassik und die Moderne zu verbinden. Und da stellt sich schon die Frage, welche Wünsche, welche Hoffnungen, im Hinblick auf weitere Partien, im klassischen oder im modernen Format, noch auf Erfüllung warten. Ja klar, da ist schon die Doppelrolle der Odette und der Odile in Tschaikowskis „Schwanensee“, diese Partie käme ihrem Interesse an dramatischen Charakteren sehr entgegen. Der Wunsch, in einer der Meisterchoreografien von Forsythe zu tanzen, wird sich demnächst erfüllen, mehr noch, nicht irgendwo, sondern hier, wo gerade diese Arbeiten hervorragend zur Geltung kommen, nicht von ungefähr ist es so, dass die Dresdner den zahlreichen Gastspieleinladungen nicht mehr folgen können. Aber klar, mit einem Choreografen wie Jiří Kylián würde Melissa Hamilton auch gerne arbeiten, sehr gern sogar mit David Dawson, dessen Arbeiten sie sehr schätzt.

Bevor die Tänzerin wieder zur Probe in den Ballettsaal muss, noch die Frage danach, wie sie eigentlich zum Tanz gekommen sei, wie alles anfing? Heute kann sie darüber lachen, denn ihre Karriere verdankt sie dem Irrtum eines Tanzlehrers der Ballettschule, der ihr sagte, als sie 16 Jahre alt war, dass sie aufhören solle, sie sei nicht geeignet. Das sah die tanzbegeisterte Jugendliche aus Belfast, die erst mit 13 Jahren aus ihrer Neigung mehr machte als ein Hobby, aber anders. Die Dreizehnjährige hatte nämlich in einem Sommercamp in der Begegnung mit Tänzerinnen und Tänzern erfahren, dass sie auch tanzen wolle, fortan gehörte dieser Kunst ihre Leidenschaft. Davon beflügelt wollte sie es wissen, den Rat des Lehrers schlug sie in den Wind, eine private Ausbildung bei Masha Mukhamedov absolvierte sie mit solcher Bravour, dass sie 2007 auf Anhieb den Sprung ins Corps de ballet beim Royal Ballet in London schaffte. Zwei Jahre später war sie erste Künstlerin der berühmten Kompanie und ein Jahr darauf wurde sie Solistin, seit 2013 ist sie Erste Solistin. Zudem belegen Auszeichnungen wie eine Goldmedaille des 8. Internationalen Ballettwettbewerbs 2011 in Seoul und gleich zu Beginn der Karriere der erste Platz beim Youth American Grand Prix 2007, dass ihre Entscheidung richtig war.

Und jetzt ist Melissa Hamilton in Dresden und sie bedauert, dass sie dermaßen mit ihrer Arbeit ausgelastet ist und dadurch bisher leider zu wenig Zeit blieb, um diese Stadt zu erkunden, zumal sich hier eigentlich alles finde, was ihren Interessen entspricht, Kunst, Musik und Literatur. Aber noch bleibt ja Zeit für lange geplante Entdeckungen außerhalb des Opernhauses. Die Zeit für das Gespräch ist um, freundliche Verabschiedung und ein herzliches „toi, toi, toi“ für das Dresdner Debüt in dem Ballett „La Bayadère“ in der Semperoper.

„La Bayadère“ mit Melissa Hamilton als Nikija am 04.03.2016
www.semperoper.de

Veröffentlicht am 29.02.2016, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Leute

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Kommentare zu "Ich wollte unbedingt in Dresden tanzen "



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