HOMEPAGE



Regensburg

LEICHTFÜßIGER BLICK ÜBER DIE SCHULTER

Der Tanzabend „Bolero“ am Theater Regensburg zeigt zwei Uraufführungen



Mit „Marina“ von Ihsan Rustem und „Bolero“ von Yuki Mori werden zwei gegensätzliche Uraufführungen zu einem Abend verbunden - ein verdienter Erfolg im ausverkauften Theater Regensburg.


  • "Marina" von Ihsan Rustem Foto © Jochen Quast
  • "Marina" von Ihsan Rustem Foto © Jochen Quast
  • "Bolero" von Yuki Mori Foto © Jochen Quast
  • "Bolero" von Yuki Mori Foto © Jochen Quast

Rummms! Wer nach diesem heftigen Knall noch abgelenkt war, hat vermutlich auch vom ganzen restlichen Premierenabend nichts mehr mitbekommen. Mit der zugeschlagenen Stahltür zu Beginn von Ihsan Rustems Choreografie „Marina“ begann im Theater Regensburg ein Tanzabend nahezu gegensätzlicher Stimmungen. Anstelle des normalen Bühnenvorhangs fährt eine Wand aus gefaltetem Stahlblech hoch. Eine Tänzerin (Simone Elliott) geht auf einen Mann zu. Sie trägt einen riesigen aufgeblähten Rock, der die Bühne bedeckt. Zur tragischen Musik von Arvo Pärt beginnt ein melancholisch-zarter Liebes- und Beziehungsreigen, der aus Erinnerungen gespeist ist. Der Rock wird aufgesogen, verschwindet im Boden. Mit ihm verschwindet die Liebe.

Rustem hat sich für seine Choreografie von der jugoslawischen Künstlerin Marina Abramovic inspirieren lassen. Dieser begegnete bei einer Performance in New York ihr einstiger Lebenspartner Ulay wieder. Aus direkten Zitaten, dem roten Rock und Tänzern, die sich – von einer Wand getrennt – reglos an einem Tisch gegenüber sitzen, stellt Rustem kühle Bilder in den Raum. Schmucklose, unansehnliche Wände öffnen sich eine nach der anderen nach innen. Immer tiefer dringen die Tanzenden vor, stoßen auf lange Verschüttetes, verborgene Eindrücke und Empfindungen. Dabei verändern sich Farbe und Stimmung im Bühnenbild (Dorit Lievenbrück) bis hin zum Tod symbolisierenden Schwarz (Kostüme: Katharina Meintke).

Verteilt auf ein, zwei oder mehr Tanzpaare ersteht die Beziehung mit ihren Zärtlichkeiten, Verschmelzungen und Auseinandersetzungen im Tanz noch einmal auf. Ein extrem starkes Bild bildet ein überhöhter Thron, von dem der Mann wie ein Hohepriester auf die klein erscheinende Frau blickt. Hier kehrt sich das einzige Mal der Eindruck einer weiblichen Führung, der sich durch die gesamte Choreografie zieht, für einen – erschreckenden – Moment um. Das maskuline Prinzip taucht auf als Herrschaftsanspruch, als Manipulation, Machtdemonstration. Manchmal kommen die langsamen, dem Fluss der Musik angepassten Bewegungen, Gesten und Tanzformen fast zum Stillstand. Und immer scheint die Frau zu führen. Selbst dann, wenn der Mann sie hebt, über den Boden schleift, sie in geschmeidigen, ineinander übergehenden Vorwärtsbewegungen trägt. Gegen Ende findet das Paar, entkleidet, im fleischfarbenen Trikot zu einer Gleichheit. Zugleich verschwinden die Erinnerungen, im Hintergrund kehrt die Frau in Rot zurück.

Nach der Pause erleben die vom ersten Teil schon reichlich euphorisierten Zuschauer der ausverkauften Premiere eine zweite Uraufführung. Yuki Moris rein tänzerische Interpretation des „Bolero“: Ein kühnes Unterfangen, wird doch jeder Neuansatz umgehend abgeklopft, wie er sich zu Maurice Béjarts berühmter Choreografie verhält. Ist er besser? Eine Nachahmung? Oder gar ein Abklatsch? Leichtfüßig umgeht Mori diese Falle. Mit einem verspielt-heiteren Ansatz lässt er alles dramatisch-schwüle von Béjarts strenger Choreografie hinter sich. Er ignoriert den Mythos schlicht. Um seine Choreografie abendfüllend zu gestalten, kombiniert er Maurice Ravels berühmtestes Orchesterstück mit „Chairman Dances“ des amerikanischen Komponisten John Adams. Durch einen gelungenen, perkussiven Übergang verbindet er die beiden stark rhythmischen Stücke. Ein spannungsgeladenes Moment, wenn das in weite, schwarze Hosenröcke gekleidete Ensemble am Boden sitzend mit den Handflächen auf die Bühne schlägt.

Von Anfang an bestimmen Tempo und Dynamik das Geschehen auf der Bühne. Einleitend erwecken zwei Tänzer, die mit großen Schiebern die Bühne reinigen, noch den Anschein einer Erzählung. Doch Formen aus Discotanz, kokette Reminiszenzen an die 20er Jahre, an circensische und clowneske Motive machen schnell klar, hier geht es um Tanz – und sonst nichts. Im einleitenden Piano der kleinen Trommel wirbelt eine Tänzerin durch die im Schneidersitz hockende Truppe und reißt einen nach dem anderen hoch und mit. Wiederholt nimmt Mori quasi über die Schulter hinweg Bezug auf die alles dominierende Béjart`sche Choreografie. Das geschieht aber so verschmitzt-frech, dass einem innerlich lachend die Spucke weg bleibt. Mit heiterem Enthusiasmus schwenkt und umtanzt das Ensemble im sturen Ostinato seine Bowlerhüte. Am Ende fliegen sie mitsamt den Fräcken in die Luft. Ausgepumpt und erlöst fallen die Tänzer um. Ein paar Unsauberkeiten in synchronen Figuren und bei einigen Sprüngen dämpfen zwar ein wenig den Eindruck des technisch hohen Niveaus, den das Ensemble sich erarbeitet hat. Vielleicht haben ein, zwei Probetage gefehlt. Dennoch ein großartiger und verdienter Erfolg.

Weitere Vorstellungen: 22. und 27. Februar, 1., 7. und 30. März.

Veröffentlicht am 14.02.2016, von Michael Scheiner in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 4543 mal angesehen.



Kommentare zu "Leichtfüßiger Blick über die Schulter"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    MARGOT FONTEYN: 100 JAHRE

    Pick bloggt über eine große Ballerina
    Veröffentlicht am 19.05.2019, von Günter Pick


    MIT- UND WEGBEWEGEN

    Grenzüberschreitungen am Theater Pforzheim
    Veröffentlicht am 06.05.2019, von Gastbeitrag


    ALLES GUTE!

    Zizi Jeanmaire zum 95. Geburtstag
    Veröffentlicht am 03.05.2019, von Günter Pick



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZART OSTWEST-FESTIVAL 2019

    01.06.2019 bis 10.06.2019

    Vom 1. bis zum 10. Juni verwandelt sich Gießen zum 17. Mal in ein pulsierendes Zentrum des zeitgenössischen Tanzes. Rund 120 Tänzerinnen und Tänzer aus dem In- und Ausland zeigen im Rahmen des TANZART OSTWEST-FESTIVAL an zehn Tagen auf den Bühnen des Stadttheater Gießen sowie an außergewöhnlichen Orten spannende Performances, ausdrucksstarke Stücke und Highlights aktueller Choreographien.

    Veröffentlicht am 20.05.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    BERUFEN!

    Katja Schneider wird erste Professorin für Tanzwissenschaft an der HfMDK

    Veröffentlicht am 14.05.2019, von Pressetext


    CLAUDIA JESCHKE ERHÄLT MÜNCHNER TANZPREIS

    Die Tanzwissenschaftlerin Prof. Dr. Claudia Jeschke wird geehrt

    Veröffentlicht am 03.05.2019, von Pressetext


    ABER WIR HATTEN SPAß!

    „Bilderschlachten“ von Stephanie Thiersch in Nîmes

    Veröffentlicht am 11.05.2019, von Gastbeitrag


    ZUM WELTTANZTAG!

    Welttanztag-Botschaft der ägyptischen Choreografin Karima Mansour

    Veröffentlicht am 28.04.2019, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP