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Heidelberg

SHINY, SEXY, TOLL

Tanzbiennale Heidelberg: Chris Haring und „Liquid Lofts“ zeigen „False Colored Eyes“



Eine endlose Selbstinszenierungsparty zeigt den schönen Schein - eigentlich zum Weglaufen, aber wunderbar anzusehen.


  • "False Colored Eyes", Liquid Loft/Chris Haring Foto © Michael Loizenbauer
  • "False Colored Eyes", Liquid Loft/Chris Haring Foto © Michael Loizenbauer

Eine Deutschlandpremiere der besonderen Art erlebte die Hebelhalle im Rahmen der Tanzbiennale: Chris Haring und seine Company „Liquid Lofts“ zeigten ihr Stück „False Colored Eyes“ (Premiere im Vorjahr am Wiener Burgtheater). Der österreichische Choreograf – oder besser Konzeptkünstler – ist ein guter alter Bekannter des Heidelberger UnterwegsTheaters, seit er als Tänzer (in Zusammenarbeit mit Klaus Obermeier) das Kultstück „D.A.V.E“ präsentierte. Damals lernten die Zuschauer, ihren Augen nicht zu trauen – denn das von Videokunst faszinierte Duo ließ Haring hinter oder besser unter seinem eigenen Videoabbild tanzen, Original und Projektion lieferten sich einen kühnen Konkurrenzkampf.

Für den Choreografen ist klar, dass die inszenierten Abbilder diesen Kampf längst gewonnen haben, nicht zuletzt dank der Allgegenwart der Handyfotos und der Übermacht der Bilder in den sozialen Netzwerken. Jeder Akteur präsentiert sich dort, so gut er kann: shiny, sexy, toll. Und jeder Betrachter will gern dem schönen Schein glauben, nicht der Realität. Die Stars wissen, wie das geht – selbst bei Live-Auftritten werden zeitglich Videoaufnahmen auf Riesenleinwände projiziert, die im Wettstreit um die Aufmerksamkeit der Zuschauer eindeutig die Nase vorn haben. In „False Colord Eyes“ führt Haring diesen Mechanismus vor. Seine fünf Protagonisten, ein sexy Partyvölkchen, wiegen sich anfangs mit lasziver Langsamkeit vor großen Videowänden. Aber so sehr eine Tänzerin auch versucht, durch das altbekannte Spiel von Entblößung und Verhüllung das Publikum zu verführen – gegen die dominanten Videobilder kommt sie nicht an.

Der optisch (und technisch) verblüffende Kunstgriff dieses Stückes ist es, dass die Videos live auf der Bühne entstehen. Zwei Kameras werden von den Tänzern selbst zentimetergenau geführt, und mobile Beleuchtungsständer können die einzelnen Körperpartien in Szene setzen. Das Zusammenspiel von Kameraführung, Licht und Bewegung wurde im anschließenden Artist Talk von der Heidelberger Tanztheaterchefin Nanine Linning bewundert. Da erklärte Chris Haring auch, welches Vorbild er für seine Demontage der schönen heilen Selbstinszenierungswelt genommen hat: Pop-Art Begründer Andy Warhol, der als erster multimediale Performances kreierte. Für seine „Screen Tests“ holte er die Stars seiner Zeit vor die Kamera – allerdings als unbewegte Standbilder. Chris Haring lässt mit den technischen Möglichkeiten von heute Kamera, Licht und Darsteller tanzen und nähert sich in Detailaufnahmen den Gesichtern immer mehr an, bis groteske Bilder von Lippenbergen und geöffneten Mundhöhlen entstehen.

Posen, Gesten, oberflächlicher Talk und Commercials suggerieren: Das Leben ist eine unaufhörliche Party; wer nicht ins (Abzieh-)Bild passt, gehört zu den Verlieren. Zum an- und abschwellenden Elektrosound, in den Andreas Berger raffiniert Referenzen an Andy Warhol gemixt hat, bleibt das Leben in diesem Stück reduziert auf eine endlose Selbstinszenierungsparty mit sexy Posen, coolen Gesten und Smalltalk. Eigentlich zum Weglaufen, aber hier natürlich zum gnadenlosen Hinschauen…

Veröffentlicht am 29.01.2016, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2015/2016

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