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Berlin

„GRIND“ – ARCHITEKTUR DES UNHEIMLICHEN

Im Hebbel am Ufer in Berlin erlebt Jefta van Dinthers „GRIND“ eine Wiederaufnahme



Ein verstörendes Zusammenspiel von Bewegung, Klang und Licht lässt das Publikum wohlig schauern.


  • "GRIND" von Jefta van Dinther/Minna Tiikkainen/David Kiers Foto © Viktor Gârdsäter
  • "GRIND" von Jefta van Dinther/Minna Tiikkainen/David Kiers Foto © Ivo Hofste
  • "GRIND" von Jefta van Dinther/Minna Tiikkainen/David Kiers Foto © Viktor Gârdsäter

Von Charlotte Riggert

Jefta van Dinthers/Minna Tiikkainens/David Kiers’ Wiederaufnahme von „GRIND“ (2011) im Hebbel am Ufer beginnt in völliger Dunkelheit. Das Publikum, das klassisch angeordnet vis à vis der Bühne sitzt, versinkt in schwarzem Nichts und jedes Bemühen, die Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen oder zumindest einige Umrisse zu erkennen, scheitert. In dieses Schwarz hinein brechen laut pulsierende elektronische Klänge, die, ohne visuelle Reize, tief in den Körper eindringen. Bereits der Beginn der Performance etabliert so den modus operandi des Stücks: Hier wird die Wahrnehmung herausgefordert, hier werden Grenzen überschritten und hier führt ein beständiges Oszillieren zwischen Sicht- und Unsichtbarkeit zu unheimlichen Orten. Körper, Klang und Licht sind dabei die Parameter.

Als schließlich eine Gestalt im Zwielicht Konturen annimmt, lässt sich Etwas erkennen und doch nichts Konkretes: Die Ästhetik eines Albtraums in flackerndem, gedämpften Schein fördert Fremdes zu Tage und die Frage, was hier eigentlich zu sehen ist. Nach und nach nähert sich die Gestalt und wird zu einem Tänzer (van Dinther selbst), der ein Bündel schwarzer Kleidung bearbeitet.

Immer wieder befeuern die verschiedenen Sequenzen Zweifel über das Gesehene, wie beispielsweise jene, in der der Tänzer, vor hellem Hintergrund stehend, ein nicht enden wollendes Kabel aufwickelt, sein Schatten aber plötzlich ein Eigenleben zu führen beginnt und andere Bewegungen zu machen scheint, als sein Vorbild. Oder die, in der der Tänzer mechanisch zuckend am Boden liegt, von dröhnenden Bässen umgeben, und wie von außen bewegt wirkt, während schwarz wabernde Schatten über den Boden wandern und Flächen erzeugen, die den Körper des Tänzers fragmentieren, ihn fremd erscheinen lassen und gleichzeitig vertraut. Sigmund Freud hat diese Gleichzeitigkeit von Fremdem und Vertrauten als Essenz des Unheimlichen beschrieben – dieses ist hier zweifellos anwesend, ebenso wie eine gewisse Bedrohlichkeit durch die Sichtbarkeit, die beständig vom Unsichtbaren unterminiert wird.

Die Fragmentierung des vertrauten Körpers zeigt van Dinther auch, als er, jetzt in weißem T-Shirt, von einem Deckenspot zart beleuchtet, den Oberkörper so bewegt, dass nur der Rücken erkennbar ist, der wie ein autonomes Lebewesen wirkt.
Der beeindruckendste Moment jedoch ereignet sich, als der Tänzer, für kurze Zeit von Stroboskoplicht angestrahlt, wechselnde Posen einnimmt: Gleich einem Fotonegativ brennt sich das Gesehene auf die Netzhaut und dauert auch in der Dunkelheit fort.

Tänzer und Choreograph Jefta van Dinther, Lichtdesignerin Minna Tiikkainen und Sounddesigner David Kiers vertiefen sich mit „GRIND“ in ein verstörendes Zusammenspiel von Bewegung, Klang und Licht, das in seiner Gleichberechtigung der Künste beeindruckt und überzeugt.
Ein bisschen poppig ist das Stück und passt mit seinem Berghain-Sound und der zelebrierten Dunkelheit ziemlich gut nach Berlin. Das tut der Begeisterung keinen Abbruch und man glaubt, das Publikum wohlig schauern zu sehen.

Veröffentlicht am 29.01.2016, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "„GRIND“ – Architektur des Unheimlichen"



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