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London

IST DER INTERKULTURELLE TANZ NUN IN DER POSTMODERNE ANGEKOMMEN?

„Akram Khan. Dancing New Interculturalism“ von Royona Mitra



Die erste Monographie zu Akram Khan ist bei Palgrave Macmillan erschienen. Royona Mitra durchdringt nicht nur die Choreografien von Khan, sondern entwickelt auch ein eigenes theoretisches Konzept.



Akram Khan, seit Jahren ein Star in der internationalen Tanzszene, lässt sich kaum aus einer guten Programmplanung wegdenken. In den Bibliotheken suchte man Khan bisher dagegen eher vergeblich. Bis jetzt. Denn nun hat Royona Mitra, Senior Lecturer in Theatre an der Brunel University in London, die erste Monographie zu Akram Khan veröffentlicht. In „Akram Khan. Dancing New Interculturalism“ taucht Mitra anhand ausgewählter Stückanalysen tief in die Strukturen der einzelnen Choreografien ein.

Mitras Blick ist in mancher Hinsicht ein Insiderblick. Denn auch sie hat, wie Akram Khan, bengalische Wurzeln, ist ausgebildet in Kathak und zeitgenössischen Tanztechniken. Die Verhandlung dieser multidimensionalen sozialen und tänzerischen Identität, die sie als eines der Kernthemen in Khans Werken bezeichnet, ist Mitra selbst also nicht fremd.

Auch wenn Mitra mit diesem persönlichen Blick und ihrer eigenen Bewunderung für die Arbeiten Khans beginnt, bleibt sie nicht lange bei diesen subjektiven Erfahrungen stehen, sondern öffnet schon in der Einleitung einen übergeordneten, theoretischen Rahmen. Dieser speist sich aus Mitras Auseinandersetzung mit dem Physical Theatre sowie den derzeit führenden Theorien der Cultural Studies, wie Postkoloniale Theorien, Queer-Studies und Homi Bhabhas Konzept des ‚Dritten Raumes’, um nur einige zu nennen. Im ersten Moment klingt das vielleicht etwas abstrakt, wird von Royona Mitra jedoch in den sechs Hauptkapiteln ihres Buches äußerst anschaulich und nachvollziehbar dargelegt. Jedes Kapitel widmet sich einer Choreografie anhand der ein theoretisches Konzept erläutert wird. Dass sich weder die Werke Khans noch die Theorie in dieser Form umfassend analysieren lassen, betont Mitra immer wieder. Diese Fokussierung bringt aber eine Klarheit in der Argumentation mit sich, die zusammen mit einführenden theoretischen Erläuterungen sowie detailreichen Stückbeschreibungen auch dem außenstehenden Leser einen guten Zugang zu dieser Welt zwischen den Kulturen und Disziplinen ermöglicht. Auch sei hier auf die wirklich hilfreichen Anmerkungen hingewiesen, die so manche These noch einmal anschaulicher erscheinen lassen, in dem sie das notwendige Hintergrundwissen liefern.

Die Anwendung vorhandener Theorien und Begriffe reicht Royona Mitra jedoch nicht aus. Ihre Detailanalysen verknüpft sie zu dem von ihr neu entwickelten Konzept des ‚new interculturalism’. Weder die verbreitete Einordnung Akram Khans als „zeitgenössischer Kathak-Tänzer“ noch die alleinige Fassung seiner Werke unter dem Label „South-Asian“ oder „interkulturell“ scheint ihr umfassend genug. Gerade die spezifische Qualität von Khans Arbeiten sei mit diesen bekannten Konzepten nicht zu fassen und stelle somit eine simplifizierende, weil gut in vorhandenen Denkmustern einordenbare, Beschreibung dar. Ein wesentlicher Aspekt fehle jedoch in diesen Kategorien: das selbstreflexive Moment mit dem Khan mit seinem Körper arbeitet. Eine spezielle, durch (eigene) interkulturelle Erfahrungen ermöglichte Form des Embodiment.

Während der Trend der Interkulturalität hauptsächlich eine Bewegung der weißen Mittel- und Oberschicht darstelle und deshalb ein politisch-kritisches Potential vermissen lasse, grenze sich Khans ‚new interculturalism’ bewusst von dieser etablierten Form der Interkulturalität ab und kreiere eine Bewegungs- und Tanzsprache, die subversive politische Kritik am Eigenen und Fremden enthält. Sich abwendend vom Exotischen und kulturell eindeutig Zuordenbaren, entwickele Khan eine Ästhetik, die durch seine eigene Lebensrealität als Sohn einer Migrantenfamilie, sprich seine parallele Identität als Brite und Bengale, gekennzeichnet sei. Und dies nicht nur auf persönlicher, sondern auch auf tänzerischer und theatraler Ebene. Denn Khan ist sowohl in klassisch indischem Tanz als auch in westlichen zeitgenössischen Tanztechniken ausgebildet und durch die britische Theaterlandschaft der 1980er und 1990er geprägt, Techniken und Ästhetiken, die sich zum Teil so divergierend gegenüberstehen, dass sie Khan in seinen Ausbildungsjahren zeitweise unvereinbar scheinen. Diese ständig im eigenen Körper und der eigenen Persönlichkeit stattfindende Verhandlung multipler kultureller Hintergründe forme Khans Ästhetik, so Mitra. Da sich diese nicht mehr mit tradierten Genrebeschreibungen fassen lasse, brauche es ein neues Konzept, den ‚new interculturalism’.

Royona Mitra formuliert klare Thesen, auf die sie in ihren Beispielen immer wieder zurückkommt. In unterschiedlichen Kontexten wiederholt sie ihre Überlegungen und zeigt, wie sich diese jeweils auf ein konkretes Beispiel beziehen lassen. Das macht das Buch gut lesbar. Einführende Informationen zu Kathak und anderen indischen Tanzstilen, historische Rückgriffe auf bedeutende interkulturelle Theaterproduktionen, in erster Linie von Peter Brook, machen das Buch auch für den Nicht-Experten interessant.
Etwas kritisch kann in Teilen die sehr enge Beschreibungs-Interpretations-Relation gesehen werden. Fast jede Bewegung, jedes Kostüm- und Bühnendetail versieht Mitra mit einer eindeutigen Interpretation. Spielraum für Mehrdeutigkeiten, andere Sichtweisen oder offene Fragen bleibt dabei wenig.

Das Konzept des ‚new interculturalism’ dürfte einiges an Potential haben, um die Diskussion um Interkulturalität im Tanz/Theater auf eine zeitgenössische Ebene zu bringen. Mitra vergleicht das Verhältnis von Interkulturalität zum ‚new interculturalism’ auch mit dem Verhältnis zwischen Moderne und Postmoderne. Ein anschaulicher Vergleich. Ob und wie weit sich ihre Überlegungen auch außerhalb von Akram Khans Arbeiten gewinnbringend anwenden lassen, bleibt eine spannende Frage, die wohl erst einmal anderen Autorinnen und Autoren Stoff für Analysen gibt.


Royona Mitra: Akram Khan. Dancing New Interculturalism, New World Choreographies, Palgrave Macmillan UK, 2015, 216 Seiten, ISBN 978-1-137-39365-4, £ 55.00

Veröffentlicht am 14.01.2016, von Anja K. Arend in Homepage, Tanzmedien

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Kommentare zu "Ist der interkulturelle Tanz nun in der Postm ..."



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