„Serious Interludes II“ von Micha Purucker

„Serious Interludes II“ von Micha Purucker

„Embracing marginalization“

„Serious Interludes II“ von Micha Purucker im Schwere Reiter München

Sein neues Projekt „Serious Interludes“ ist eine dreimonatige Serie aus Tanz, Lesung und Dokumentation, es vereinen sich Bewegung, Lyrik, Film und ein wenig Installation.

München, 11/01/2016

Was tun, wenn in den Feuilletons immer weniger Platz für den freien Tanz bleibt? Choreograf Micha Purucker sagt sich „Jetzt erst recht“ und startet eine Kanonade: Sein neues Projekt „Serious Interludes“ ist eine dreimonatige Serie aus Tanz, Lesung und Dokumentation, es vereinen sich Bewegung, Lyrik, Film und ein wenig Installation. „Embracing marginalization“ nennt Purucker das, die Bedeutungslosigkeit feiern. Dabei geht es ihm durch eine regelmäßige städtische Optionsförderung noch besser als anderen Choreografen der freien Szene, die tatsächlich mit geringsten Mitteln und ohne jegliche mediale Aufmerksamkeit sozusagen im Unsichtbaren arbeiten.

„Serious Interludes II“, das Mittelstück von Puruckers Projekt, feierte nun im Schwere Reiter an der Dachauer Straße Premiere. Die Wahl des Orts ist entscheidend: Viele kleinere Projekte finden hier statt, so spricht Purucker indirekt auch für diese. Zudem ist das verschachtelte Gebäude eine ideale Spielwiese für den Raumkünstler Purucker, sein Umgang mit Sphären kommt hier voll zu Geltung.

Erst nach einer einführenden Ansprache in einem Nebenraum werden die Zuschauer durch Gänge zur Bühne geführt. Fast unbemerkt nehmen sie dabei das Farbthema der Inszenierung auf: Der Nebenraum ist mit Goldfolie dekoriert, in den Gängen und im Bühnenraum dominieren Schwarz und Rot. Im Übergangsraum zur Bühne hängt sogar eine Batman-Maske. Geht es also mit Schwarz, Rot, Gold um Deutschland und Flüchtlinge? Nahost und West? Auf die Reise machen sich Puruckers drei Tänzer auf jeden Fall: Sie bewegen sich auf der Bühnenfläche, jeder im Solo, von einer Ecke aus schwarzen, blutrot beleuchteten Bilderrahmen auf ein goldenes Licht zu. Veränderung und Weg ist also das Thema. Und so dürfen auch die Zuschauer gleich nach zehn Minuten wieder zurück durch die schwarz-rot beleuchtete Bühnentür ˗ ein charmanter Einfall, sie fürs Auditorium zu nutzen - in den goldenen Nebenraum.

Hier finden nun längere Soli statt. Wie verändert der Weg ins Neue die Seele? Puruckers Protagonisten sind in ihren Bewegungen völlig auf sich gestellt. Keine Interaktion leitet sie, keine Requisite, außer dem goldenen Bilderrahmen, den sie gelegentlich fest in den Blick nehmen. Sie sind völlig auf sich selbst zurückgeworfen und auf das, was ihre Persönlichkeit ausmacht. Der eine arbeitet mit Schultern, Wendungen und schlurfendem Gang, der andere springt in fließenden Arabesken im Kreis. „We try to make ourselves less solid“ halten sie auf drei Blatt Papier geschrieben hoch und zerfließen langsam vom Stuhl zum Boden. Ein Heavy-Metal-Solo, das einen der Reisenden durchschüttelt, aber auch keine Richtung vorgibt, schließt das Ganze ab.

Anschließend folgt noch eine Filmvorführung von „Murmurs and splotches“, einem Stück, das Purucker letzten Sommer für das Laboratory Dance Project in Seoul kreierte. Tanz auf Video ist ja immer so eine Sache. Die Aura geht verloren, Kameramann und Cutter möchte man meistens links und rechts watschen. Das ist hier nicht der Fall! Die Zuschauer erleben das Stück aus sorgfältig gewählten Blickwinkeln (meist auf Bodenhöhe), die Perspektiven sind mit Gefühl dem choreografischen Ablauf angepasst. Auch die Nahaufnahmen erscheinen exakt im rechten Moment. Und so verbreiten die in Weiß gekleideten Seoul-Tänzer, die wie eine Vogelfamilie Positionen und Formationen bilden und wieder auflösen, tatsächlich Atmosphäre. Wieder wird ein Stück von Puruckers Geheimnis offenbar: Tanz ist für ihn nicht nur Ausdruck des Individuums, er erschafft damit auch eine besondere, elitäre Atmosphäre, der der Zuschauer angehören möchte, ähnlich wie die Welt der Mode. Bei „Serious Interludes“ sitzt jeder in der Front Row. Nur zu lang ist der Film. Ein Zusammenschnitt wäre besser gewesen, denn letztlich fehlt der reale Raum um die Tänzer eben doch.

Im März geht das Projekt mit Performances, Pasolini- und Céline-Lesungen weiter. Erst dann stellt sich heraus, wie beliebig die Themenauswahl von „Serious Interludes“ insgesamt ist. Teil zwei ist trotz starker Motive nicht sehr konzentriert, was die öffentliche Aufmerksamkeit nicht unbedingt erhöhen dürfte. Aber es geht ja auch um Marginalisierung. Und die sieht hier sehr fantasievoll aus.
 

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