KRITIKEN 2015/2016



Paris

LA BAYADÈRE

Rudolf Nurejews Klassiker in der Opéra Bastille



Bei so viel Prunk und fulminanter Technik verzeiht man gerne die angesichts aktueller politischer Themen fragwürdig erscheinenden Überbleibsel des 19. Jahrhunderts.


  • "La Bayadère", Hannah O'Neill und Mathias Heymann Foto © Little Shao
  • "La Bayadère", Ensemble Foto © Little Shao
  • "La Bayadère", Ensemble Foto © Little Shao
  • "La Bayadère", Corps de ballet der Pariser Oper Foto © Little Shao
  • "La Bayadère", Dorothée Gilbert und Mathias Heymann Foto © Little Shao

Ein Traum in Weiß. Wenn die 32 Tänzerinnen der Pariser Kompanie in ihren makellosen Arabesque-Haltungen eine nach der anderen aus den Kulissen auftauchen, diagonal abwärts zur Bühne gelangen und diese in s-förmiger Formation fluten, meint man den Geist der optimalen Schönheit auf den Wassern schweben zu sehen. So schaffen sie ein Schattenreich reinster Abstraktion, in dem sich die Träume des unglücklichen Prinzen Solor aus Ludwig Minkus „La Bayadère“ spiegeln. Verliebt in die Bajadere Nikiya, hatte er dennoch der Staatsraison nicht zu trotzen vermocht und sich in die arrangierte Ehe mit Gamzatti gefügt, der Tochter seines Dienstherrn, des Rajahs. Beide Damen allerdings sind höchst streitbar. Erst geht Nikiya mit dem Messer auf Gamzatti los, dann tötet die Prinzessin die Tempeltänzerin mittels einer im Blumenkorb versteckten Schlange. Nur im erträumten Reich der Schatten, dem Totenreich, kann sich Solor mit Nikiya vereinen.

Marius Petipa hatte 1877 mit diesem Ballett am Petersburger Mariinsky-Theater einen seiner größten Erfolge. Die farbenprächtige Kombination aus indischen und orientalischen Szenen mit großem Exoten-Defilee traf die Mode der Zeit. Und nimmt sich natürlich heute, wo uns der Nahe und Mittlere Osten ganz andere Bilder liefern, umso märchenhafter aus. Rudolf Nurejew hatte 1961 mit dem Kirov-Ballett im allein verbliebenen ‚Schatten-Akt’ der „Bayadère“ an der Pariser Oper gastiert. Als ihr Tanzdirektor versuchte er 1992 kurz vor seinem Tod eine Rekonstruktion des gesamten Stücks auf der Basis des Petipaschen Originals. Er kam nur noch bis zum Totenreich. Den vierten Akt mit der Zerstörung des Tempels, der auch Solor unter sich begräbt, schaffte er nicht mehr. Das ist unter dem Gesichtspunkt der Bewahrung des Tanzerbes natürlich traurig, dramaturgisch aber zu verkraften, da sich die Liebenden so nicht erst nach gewaltsamem Tode wiedertreffen, sondern Solor seine Nikiya im Traum quasi mit der Seele sucht und findet. Das Werk, das die Pariser Oper nun als Weihnachtsmärchen in der Bastille präsentiert, ist so zwar unvollständig, aber schlüssig.

Nurejew hat sich allerdings in seiner Fassung jeglicher Deutung enthalten. Der psychologische Tiefgang, den er seinen Tschaikowsky-Choreografien durch spannende Doppelbesetzungen und tänzerische Aufwertungen von Nebenfiguren gegeben hat, fehlt gänzlich. Man denke nur an Maries Eintreten in die düstere, fledermaushaft unheimliche Erwachsenenwelt im „Nussknacker“, bei der ihr der skurrile Pate Drosselmeyer nicht ohne erotische Konnotation zum Traumprinzen wird. Oder die Beziehung des heiratsunwilligen „Schwanensee“ Prinzen zu seinem Hauslehrer, der ihm als Zauberer Rothbart ein unwirkliches Traumreich zugleich vorgaukelt und verwehrt. Nichts davon in der „Bayadère“, obwohl Solor in seiner hamlethaften Unfähigkeit, sich zu entscheiden und durchzusetzen, auch solche Ansätze zum melancholischen Antihelden hätte. Auch Solor scheitert in der Welt, flieht in den Traum des Schattenreichs.

François Alu gibt ihn gleichwohl als selbstbewussten Krieger, der, eben noch in ritterlichem Einverständnis mit Nikiya, seinem Rajah nicht zu widersprechen wagt, eine in Pantomime gestaltete Szene. Ebenso, wenn er der tödlich verwundeten Nikiya nicht zu Hilfe eilt, von Gamzetti auf den Platz neben sich zurückgezwungen wird. An solchen Stellen inneren Konflikts sähe man heute gerne Tanz. Tanz sind hier aber zunächst vor allem National- und Charaktertänze: Tempelmädchen mit Stoffpapageien oder Krügen; ein kräftiger Sklave, der Nikiya im Pas de deux vor allem stemmen muss; ein ganz in Goldlack getränktes Idol (Emmanuel Thibault) in anbetungswürdigem Solo. Heute jenseits des guten Geschmacks: Indigene im Lendenschurz, die teils wie kleine Affen auf allen Vieren laufen. Dagegen herzig die Kinder der Pariser Ballettschule mit stolzem Strahlen. Das Defilee strotzt mit Sänften, Plastikelefant und Stofftiger. Charline Giezendanner als Gamzatti darf kühl strahlen, aber wenig tanzen, eine undankbare Rolle.

Dagegen bekommen Nikiya und Solor noch ihre großen Szenen im ‚Schatten-Akt’, in dem auch Aubane Philbert, Mélanie Hurel und Valentine Colasante mit kostbaren Variationen glänzen. Besonders Hurel bezaubert mit feiner Spitzenarbeit. Myriam Ould-Braham als Nikiya zeigt schöne Fouettés und Alu sehr sichere, kraftvoll betonte Sprungkombinationen. Das Mädchen ist ihm für den Verrat ganz offenbar gar nicht böse, und beide fühlen sich uneingeschränkt wohl in diesem Traumreich technischer Perfektion, in die Petipa und Nurejew alle Konflikte auflösen.

Veröffentlicht am 20.12.2015, von Andreas Berger in Kritiken 2015/2016

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