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Wien

DIE KINEMATOGRAPHISCHE GESTE IM SPANNUNGSFELD ZWISCHEN PHILOSOPHIE UND CHOREOGRAFIE

Noé Souliers österreichische Erstaufführung von „Removing“ im Tanzquartier Wien



In „Removing“ erarbeiten der Choreograf und Philosoph Noé Soulier und seine fünf Performer ein komplexes Bewegungsvokabular, das sich aus unvollendeten Handlungsabläufen wie Greifen und Schlagen und Elementen aus der brasilianischen Variante des Jiujitsu zusammensetzt.


  • „Removing“ von Noé Soulier Foto © Chiara Valle Vallomini
  • „Removing“ von Noé Soulier Foto © Chiara Valle Vallomini
  • „Removing“ von Noé Soulier Foto © Chiara Valle Vallomini

von Christian Keller

Es waren Re-aktivitäten, nicht nur bloße Reaktionen, sondern reinszenierende Körperabläufe, die Noe Soulier an zwei Tagen auf die Bühne des Tanzquartiers am vergangenen Wochenende präsentierte. Es waren Bewegungsvorgänge, die zwischen Unkenntlichkeit und Entzifferbarkeit oszillierten und dadurch von Zwischenräumen zeugten, deren Spannung von einem immer wieder erneuten monologisierten Dialog von Aktion und Reaktion durchwoben waren.

Gleich den synthetisierten Bewegungsphasen eines Zoopraxiskopes, setzte Soulier isolierte Handlungen, und zerlegte Kontexte zu einem Erzählstrom des körperlichen Überwindens und Abmühens zusammen: schlagen, werfen, ausweichen, einen Sprung vorbereiten. In ihrer Isoliertheit fragten sie jedoch stets nach der Leerstelle ihres Anlasses. Dieses widersprüchliche Moment der Lesart von Gesten und Bewegungen erschwerte die Bestimmung der Handlungsrollen. So zeichneten sich zwar gängige Alltagsgebärden und Jiu-Jitsu Kampffolgen ab, doch die schwache Semantisierung und die Entkontextualisierung der gesamten Bewegungsabläufe riefen eine latente Ambiguität zwischen einem dramatischen und einem existentiellen Sujet hervor.

Das inszenatorische Zeichnen von Gesten steigerte sich während Dos Santos’ Solo beinah zu einem ikonographischen Gestus. Wie dieser mit Blicken und tänzerischen Haltepunkten ein körperliches Abarbeiten, ein Beten und Mühen zuweilen, für den Zuschauer so bildlich erfahrbar machte, konnte man sich dem Figurenerlebnis eines biblischen Caravaggios annähern. Eine Ambiguität und Performativität der Gesten in epochaler Perspektive. Es war ein Beschreiben, ein Bezeichnen der Grenzen des Darstellbaren. An diesem Punkt schaffte es die Choreografie, das Unsagbare explizit zum Thema zu machen. Eben nicht den Moment des Verhältnisses von Gegenständlichkeit zum Körper erneut in Relation zu setzen, sondern was zwischen Zeichen und Ding, entre les mots et les choses nach Foucault, vorhanden ist zu untersuchen. So wurde der Zwischenraum zum Mittelpunkt der Zwiesprache von Ausweichen und Annäherung – eine Inflation der Zentren oder ein Verschwinden der Peripherien. Oder um es mit Gaston Bachelard zu sagen: "Man weiß nicht gleich, ob man sich zum Mittelpunkt hin oder vom Mittelpunkt weg bewegte." Dieser spannungsgeladene Zwischenraum des Körpers war benannt, der die Stille knistern und diese Inszenierung nahezu ohne musikalische Untermalung auskommen ließ.

Jenes Zwischenspiel, jene dynamische Beeinflussbarkeit von Ursache und Wirkung wurde ebenso auf die Interagierenden übertragen. Doppelungen und das Verweben der Impulse des Tanzpartners sowie dynamische pas de quatre waren augenfällig. Ein Hinweis auf das Merkmal des klassischen Ballettkorpus’, welches der Formation um Soulier ausbildungsbedingt zugrunde liegt.

Letztlich schaffte es die Choreografie, noch notwendige Brüche einzubringen. Das Duett Dos Santos und Nans Pierson nahm sich der disparaten Tanzstruktur ebenso an, nur auf einmal im Moment des innigsten Körperkontaktes. Es war erneut jener Zwischenraum, welcher dem Suchen, Begehren und Streben zu seinem Platz verhilft. Doch diesmal bedrängte dieses gegenseitige Abgreifen tatsächlich den jeweils anderen Körper und changierte zwischen Sinnlichkeit und Bedrohlichkeit. Das Ende beging Dos Santos schließlich solo mit einer humoristischen Finesse im Zeichen des Stepptanzes eines Fred Astaires. An der Bühnenkante entwarf er so eine letzte spielerisch rhythmische Variation der vermeintlich isolierten Geste.

Es war somit eine glückliche Findung von qualitätsfeiner Technik und höchster Kenntnis der klassischen Ballettformen sowie einer korrespondierenden zeitgenössischen Bewegungssprache. Soulier schaffte mit seinem äußerst präzis ausgearbeiteten Wechselspiel der Tanzstrukturen eine zeitlose, spannende Erzähldynamik. Der begeisterte Applaus an beiden Abenden durfte den Erfolg dieser Produktion bestätigen.

Veröffentlicht am 10.12.2015, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Die kinematographische Geste im Spannungsfeld ..."



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