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Leipzig

DA STEPPT DER WEBER UND DER CHRISTL SINGT

Die lange „Legende von Syd O’Noo“ am Leipziger LOFFT



In einer Koproduktion des Leipziger LOFFT mit dem Kölner Festival tanz.tausch geht man der so gut wie vergessenen Kunst des Stepptanzes nach. Ein Grund für den Tanzfonds Erbe diese fiktive Recherche zu fördern.


  • "Die Legende von Syd O'Noo"; Sebastian Weber Foto © Tom Dachs
  • "Die Legende von Syd O'Noo"; Sebastian Weber Foto © Tom Dachs
  • "Die Legende von Syd O'Noo"; Sebastian Weber, Stéphane Bittoun; Susanne Strach Foto © Tom Dachs
  • "Die Legende von Syd O'Noo"; Stéphane Bittoun, Sebastian Weber Foto © Tom Dachs
  • "Die Legende von Syd O'Noo"; Sebastian Weber, Susanne Strach, Stéphane Bittoun Foto © Tom Dachs

Stepptanz? Ach so, Fred Astaire, Ginger Rodgers, Sammy Davis Jr., Ruby Keeler oder Gene Kelly, ja klar, nicht zu vergessen, Marika Rökk und Evelyn Künneke, im Film, auf der Bühne, in den Shows, die Tänzerinnen und Tänzer mit den Metallplatten an den Sohlen, die Perkussion der Füße, wildes Tempo, atemberaubende Pirouetten, das leise Auftippen mit den Spitzen der Schuhe, die Revuetreppen rauf und wieder runter.

Das kann man getrost erst mal alles vergessen, wenn in der neuesten Produktion im LOFFT Sebastian Weber Facetten dieser fast vergessenen Tanzkunst zeigt, die so wahrscheinlich nur wenigen Spezialisten bekannt sein dürften. In „Die Legende von Syd O´Noo“ sind so starke wie zutiefst berührende Tanzszenen zu erleben, bei denen die Technik, bei bester Beherrschung, zugunsten der Empfindsamkeit des Ausdrucks zurücktritt.

Weber steppt leise. Er kann vom sanften Auftippen der Spitze die sich steigernde Energie bis in die hoch erhobenen Arme führen, er kann die Bewegung aus dem Atem entwickeln und diese dann in die Klänge des bewegten Körpers übergehen lassen. Das ist Spitze!
Der Totalmusiker Tobias Christl an seinem Pult ist dabei ein genialer Partner. Er mischt die Sounds in die Bewegung des Tänzers. Er kann ebenso wie dieser seine Stimme in berückenden Jazzvokalisen hoch hinauf führen, sie dann in verblüffender Mehrstimmigkeit mischen und genau das entstehen lassen, was man im freien Tanz so oft vermisst, die Korrespondenz zwischen Bewegung und Klang, bei der hier zum Glück nicht alle Geheimnisse dieser Glücksbeziehung demonstriert werden.

Webers Tanz und Christls Klänge sind Höhepunkte dieser Uraufführung, zu der der Regisseur, Filmer und Darsteller Stéphane Bittoun gemeinsam mit Weber den Text entwickelt hat. Darin geht es um eine Reise in die Vergangenheit und die Ankunft in der Gegenwart. Es geht um die Beschwörung lebender oder verstorbener Legenden der amerikanischen Stepptanzszene, die ihre große Zeit in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts hatten. Der Filmer begleitet den Tänzer nach New York und an weitere Orte vergangener Glanzzeiten legendären Tänzerinnen und Tänzer. Das Ganze in einer Mischung aus Dichtung und Wahrheit, aus Tanz und Tamtam, gespielten Szenen, die sich mitunter stimmungsvoll in die Bilder der Filmdokumente mischen.

Spannend wird es immer dann, wenn aus den Bildern, den realen oder den irrealen, der Tanz sich über die Versuche verbaler Erklärungen hinausbewegt. Etwa in der Trauer über den Tod eines der legendären Steppmeister der Vergangenheit, dem die Reise gilt. Oder im Ausdruck der Verzweiflung angesichts der Vergeblichkeit verbindliche Aussagen der gerade noch lebenden Legenden zu finden, deren wunderbare, alte Gesichter zu den eindrücklichsten Momenten der Filmzuspielungen gehören.

Ansonsten kann sich das Projekt in seiner Mischung aus Dokumentation, Fiktion und Performance nicht entscheiden, ob hier im Stile einer TV-Serie aus dem Angebot der Abenteuer- oder Soapformate der Flucht des verunsicherten Künstlers vor sich selbst oder seine Suche nach Identifikation im Bereich selbst erschaffener Legenden nachgegangen werden soll. Zudem werden recht unterhaltsam und ganz genregemäß die unverzichtbaren Beziehungskisten geöffnet. Die Schauspielerin Susanne Strach wechselt leicht und lustvoll von der Rolle der Kamerafrau in die der TV-Redakteurin und spielt dazu noch augenzwinkernd die betuchte Liebhaberin der Künste und Künstler. Nicht zu vergessen die ambivalente Beziehung des Filmers zu seinem gefilmten Tänzer.

„Irgendwann“, so eine der liebevoll gefilmten Stepptanzlegenden, „ist es an der Zeit, seine Lieblinge zu Grabe zu tragen“, tolles Schlusswort, leider erst nach zwei Stunden.

Veröffentlicht am 21.11.2015, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Da steppt der Weber und der Christl singt "



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