HOMEPAGE



Heidelberg

ROBOTER AUF DEM TÄNZERISCHEN VORMARSCH

Zur neuen Tanzproduktion „Silver“ von Nanine Linning in Heidelberg



Immer menschenähnlichere Roboter sind ein bekanntes Thema aus Science Fiction Filmen oder futuristisch angehauchten Fernsehserien. Nun nehmen sie auch die Tanzbühne ein und damit eine zutiefst menschliche Kunst.


  • "Silver", Demi_Carlin Aarts, Endre Schumicky Foto © Annemone Taake
  • "Silver", Dance Company Nanine Linning Foto © Annemone Taake
  • "Silver", Demi_Carlin Aarts, Endre Schumicky, Dance Company Nanine Linning Foto © Annemone Taake
  • "Silver", Dance Company Nanine Linning Foto © Philipp Zinniker

Ein Hauch von Hollywood weht über der neuen Tanzproduktion „Silver“ von Nanine Linning im Heidelberger Theater. Wenn die Zuschauer am Ende den Saal verlassen, stoßen sie im Foyer auf drei fötal zusammengekrümmte Tänzerkörper, von dunklem Flüssiglatex übergossen – nur das Heben und Senken der Flanken beweist, dass sie am Leben sind. Es ist der niederländische Textildesigner Bart Hess, dem diese ebenso eindrucksvollen wie verstörenden Bilder zu verdanken sind. Nanine Linning hat den unorthodoxen bekennenden High Tech Freak erstmals als Ausstatter einer Tanzproduktion gewinnen können, aber neu im Showgeschäft ist er keineswegs - Lady Gaga zählt beispielsweise zu seinen Kunden.

Das Thema des neuen Tanzstücks von Nanine Linning, mit ihrer Kompanie seit 2012 fest am Heidelberger Theater beheimatet, fällt so recht in das Fach von Bart Hess: es ist der Konflikt zwischen lebendigen, individuellen, im besten Sinne sterblichen Körpern und immer menschenähnlicheren Robotern, die keine Schwächen kennen. Die ferngesteuerten Maschinenwesen hat Bert Hess in silbern glitzernde futuristische Ritterrüstungen gesteckt, Hartplastikmasken mit blonden Perücken lassen sie zu einer Armee von Klonen werden. Sie bewegen sich anfangs mit steifer Wirbelsäule und mechanischen zweidimensionalen Arm- und Beinbewegungen vorwärts wie Computeranimationen – ein bisschen lächerlich und ziemlich bedrohlich. Denn alles Menschliche ist ihnen fremd, insbesondere ein menschliches Paar – fast nackt und sehr schutzlos, das in Nähe und Zweisamkeit Sicherheit und Schutz sucht. Vergeblich – mit hartem Zugriff trennen die Roboter die Liebenden.

Michiel Jansen, sozusagen Nanine Linnings Hauskomponist, unterstützt die Dramatik dieses ungleichen Kampfes mit einer Komposition, in der klassische Musik als Folie immer wieder durchscheint, aber computergenerierte Töne und akzentuierte Geräusche den Spannungsbogen bis ins kleinste Detail vorgeben.

In einem schwarz ausgeschlagenen Raum, der nur durch drei bewegliche schwarze Quaderobjekte definiert wird, leuchtet die Choreografie den ungleichen Wettbewerb zwischen Mensch und Maschine aus. Die silbernen Roboter schälen eine zierliche Tänzerin aus fleischfarbenem Flüssiglatex – ihr Tanz lässt sie die einzigartigen Möglichkeit ihres Körpers entdecken. Mehr Gemeinsamkeit verordnen die extraordinären plastischen hautfarbenen Applikationen (grotesk verdickte Waden und gekrümmte Buckel) einer ganzen Gruppe von Tänzern, die sich im Scherenschnitt (Lichtdesign: Philipp Wiechert) wie Neandertaler ausnehmen. Quasi im Zeitraffer erlernen sie den aufrechten Gang und mit ihm den Tanz. Wieder andere menschliche Figuren tragen eine Überfülle von hautfarbenen Stofffetzen mit sich herum, die von den Robotern penibel abgestreift werden – nichts Überflüssiges darf heutzutage an einem lebendigen Körper hängen, weder Fett noch Falten. Ein weiß gefiedertes Fabelwesen wird im Stroboskoplicht spektakulär geschreddert…

Es ist ein unfairer Wettbewerb, in den Nanine Linning die menschlichen Figuren ihrer zwölfköpfigen, überwiegend neu formierten und durchweg hoch athletischen Kompanie schickt, denn die Roboter holen immer mehr auf. Ihr Bewegungsrepertoire erweitert sich zusehends – ganz wie im realen Leben.

Anfangs kämpft ein Tänzer einen vergeblichen Kampf gegen das riesige, vom Schnürboden herabhängende blaue Netz, in das er sich verheddert hat. Am Ende versucht ein unsichtbarer menschlicher Körper die flexible Wand eines der schwarzen Quader zu durchbrechen: Nanine Linnings Zukunftsvision hat keinen Raum für Optimismus. Das Heidelberger Publikum allerdings reagierte keineswegs düster, sondern höchst vergnügt.

Veröffentlicht am 16.11.2015, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 2247 mal angesehen.



Kommentare zu "Roboter auf dem tänzerischen Vormarsch"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    ENDZEITFOLKLORE UND ERBLAST

    „Zero“: Umjubelter Einstand von Heidelbergs neuer Ballettchefin Nanine Linning

    „Wenn die Menschheit ihren Planeten zugrunde richtet, hört er damit auf zu existieren? Ist die Apokalypse ein plötzlicher Niedergang oder vielmehr ein langsam schleichender Prozess?“ fragt Heidelbergs neue Ballettchefin Nanine Linning.

    Veröffentlicht am 22.01.2013, von Leonore Welzin


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    VERRÜCKT BLEIBEN HILFT

    Das neue Tanzstück "Wunderland - wie nächtliche Schatten" in Görlitz ist gelungen
    Veröffentlicht am 12.02.2019, von Boris Michael Gruhl


    AUFBRUCH UND SCHEITERN

    Mario Schröders choreografische Uraufführung des „Magnificat“ in Leipzig
    Veröffentlicht am 12.02.2019, von Boris Michael Gruhl


    DER ABSOLUT RICHTIGE DREH

    Victor Quijadas choreografisches Europadebut: „Twist“ bei tanzmainz
    Veröffentlicht am 11.02.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SUSANNA CURTIS INSZENIERT EINEN SOLOTANZABEND IN DER TAFELHALLE

    Do you contemporary dance? feiert am Do. 14. Feb 2019 Premiere

    Der Abend verspricht eine Abrechnung mit unverständlicher und unverkäuflicher Fachsimpelei, ohne dabei zeitgenössische Tanzkenner zu vergraulen.

    Veröffentlicht am 28.01.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    EISENACHS BALLETT BESPIELT AUCH DAS MEININGER STAATSTHEATER

    „Verschwundenes Bild“ von Andris Plucis forscht dem Alltagsleben in der DDR nach
    Veröffentlicht am 07.02.2019, von Volkmar Draeger

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DREI NAMEN

    Cherkaoui / Goecke / Lidberg an der Pariser Oper

    Veröffentlicht am 10.02.2019, von Alexandra Karabelas


    EULENSPIEGELEIEN ZWISCHEN ÄSTHETIK UND STATEMENT

    Premiere von "b.38" in Duisburg

    Veröffentlicht am 10.02.2019, von Marieluise Jeitschko


    BEWUNDERT

    Der diesjährige Prix de Lausanne überzeugte auch beim zeitgenössischen Tanz

    Veröffentlicht am 11.02.2019, von Marlies Strech


    AUFBRUCH UND SCHEITERN

    Mario Schröders choreografische Uraufführung des „Magnificat“ in Leipzig

    Veröffentlicht am 12.02.2019, von Boris Michael Gruhl


    DER ABSOLUT RICHTIGE DREH

    Victor Quijadas choreografisches Europadebut: „Twist“ bei tanzmainz

    Veröffentlicht am 11.02.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel



    BEI UNS IM SHOP