HOMEPAGE



Dresden Hellerau

DREI STÜCKE, DREI EINDRÜCKE, DREI ERINNERUNGEN

Prägende Muster der Reihe "LINIE 08" in Hellerau



Die Muster menschlicher Existenz sind das Motto dieses Abends. Doch was besagt das eigentlich?


  • "TIKKLICHT #2 / natal figures" von Ka Dietze und Jo Siamon Salich Foto © Peter R. Fiebig
  • "TIKKLICHT #2 / natal figures" von Ka Dietze und Jo Siamon Salich Foto © Peter R. Fiebig
  • "TIKKLICHT #2 / natal figures" von Ka Dietze und Jo Siamon Salich Foto © Peter R. Fiebig
  • "TIKKLICHT #2 / natal figures" von Ka Dietze und Jo Siamon Salich Foto © Peter R. Fiebig
  • "TETRAD" von Massimo Gerardi Foto © Peter R. Fiebig
  • "TETRAD" von Massimo Gerardi Foto © Peter R. Fiebig

Die neueste Ausgabe der Reihe „LINIE 08“ gemeinsam veranstaltet von der freien Vereinigung TanznetzDresden und Hellerau, dem Europäischen Zentrum der Künste, in Kooperation mit der Projektschmiede Dresden, aufgeführt im Dalcrozesaal des Festspielhauses, heißt „Imprints“. Es gehe in allen drei Stücken, jeweils aus dem Blickwinkel der Künstlerinnen und Künstler, um prägende Muster menschlicher Existenzen. Das besagt vieles und nichts.

Die drei Stücke von Teresa Fröbel, Massimo Gerardi sowie Ka Dietze und Jo Siamon Salich hinterlassen unterschiedliche Eindrücke und wirken in der Erinnerung unterschiedlich stark nach.

„Kraftstelle II“ nennt Teresa Fröbel ihr Solostück, in dem sie sich selbst im gnadenlos hell ausgeleuchteten weißen Raum bewegt.
Ihr Thema, mit Deformationen und Einschränkungen umzugehen, zeigt zunächst ein kurzer Film an, der ihre mit Klebeband bandagierten Hände zeigt, deren Bewegungsmöglichkeiten dadurch natürlich eingeschränkt sind. Dann trinkt die Darstellerin Wasser, die Flasche leert sich aber nicht, wieder eine Einschränkung, später wird sie kraftvoll in die Luft boxen, dazu vernimmt man elektronischen, raschelnden und kratzenden Sound, zu dem es dann auch eine Videokorrespondenz geben wird. Wenn der Sound melodischer wird geht es der Frau schlechter, das Licht geht aus auf der Szene und im Saal an, der Beifall klingt verlegen. Teresa Fröbels Exkurs über „die spröde Wiederholung des Alltäglichen“ welche nach ihrer Meinung auf dem Programmzettel, „die eigentliche Schönheit und Kraft des Daseins“ birgt, bleibt zu privat.

Bei Massimo Gerardi, dem Tänzer und Choreografen aus Italien, der sich in Dresden niedergelassen hat, wird getanzt. In „TETRAD“ verhalten sich zunächst zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer jeweils zu einer Farbe, deren Streifen auf die Rückwand der Bühne projiziert werden. Nach der Devise welche Farbe passt zu mir oder was macht meine Farbe mit mir, gestalten Judith State, Ioana Marchidan, Yuya Fujinami und Alexei Bernard beeindruckende Soli. Ihre Haltungen verändern sich, wenn sich die Projektionen verändern, kleiner werden und die Tänzer so zu Boden zwingen. Niemand gibt sich auf, immer wieder werden neue Konstellationen erforscht, Paare finden sich in synchronen Dialogen, die Partnerschaften wechseln. Diese getanzten Dialoge bedürfen keiner Worte, sie hinterlassen auch so starke Eindrücke.

Von soghafter, mitunter hypnotischer Wirkung ist das abschließende Projekt von Ka Dietze und Jo Siamon Salich.
Wenn die Künstler ankündigen, ihre Arbeit sei „ein Gewebe aus Tanz, Klang und Bild“, dann kann man ihnen gerne zustimmen. Es ist ein Gewebe bei dem durch raffinierte Lichtkünste insbesondere der Körper der Tänzerin Daniela Lehmann in verzerrenden und verschwimmenden Widerspiegelungen wie losgelöst von ihr in eine eigene, kunstvolle Existenz übergeht.
Ka Dietzes klar konturierte Bewegungen bilden dazu einen spannendenden Widerpart. Von besonderem Reiz sind dann auch die klanglichen Übergänge von originalen, mit verschiedenen Klangwerkzeugen eingewobene Signale, die sich mit den raffiniert zugespielten Stimmungen der E-Gitarren von André Obermüller, Max Loeb und Konni Behrend verbinden. Dass es bei „TIKKLICHT #2/natal figures“, so der Titel dieser Arbeit, auch um Zeitgewinn und Zeitverlust, um Werden und Vergehen geht, vermitteln immer wieder auf den Boden der Tanzfläche projizierte Zahlenreihungen, die sich mitunter deutlich ablesen lassen, dann wieder verschwimmen und in den Hintergrund übergehen.
Diese Arbeit beeindruckt nicht zuletzt durch das hohe Maß ihrer Konzentration. Auch an Sinnlichkeit mangelt es nicht und die zwanzig Minuten vergehen wie im Fluge.

Im Dezember geht es weiter, für den 11. und 12. ist ein „LINIE 8 special“ angekündigt, mit einer neuen Arbeit von Wagner Moreira, „Talk To Me“ und Cindy Hammers go plastic compagnie bringt mit drei Tänzern „go west, young man“ zur Uraufführung.
Vom 11. bis 19. Dezember ist auch eine Installation von Barbara Lubich, Johanna Roggan und Anna Till zu sehen. „What Moves“ heißt dann der letzte Abend des Jahres mit Arbeiten von Anna Till und Reimo Sandau.

Veröffentlicht am 08.11.2015, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 1984 mal angesehen.



Kommentare zu "Drei Stücke, drei Eindrücke, drei Erinnerungen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    TÖDLICH ZERSTÖRTES VERTRAUEN

    Mauro de Candia choreografiert "Giselle" am Theater Osnabrück
    Veröffentlicht am 26.02.2020, von Gastbeitrag


    ZU SCHÖN, UM WIRKLICH WAHR ZU SEIN

    "Creations IV – VI" in Stuttgart
    Veröffentlicht am 25.02.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel


    NEWCOMER UND ALTMEISTER

    Der Ballettabend "3 Generationen" am Staatstheater Hannover
    Veröffentlicht am 24.02.2020, von Renate Killmann



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SNOW WHITE

    SCHNEEWITTCHEN ALS INFLUENCERIN

    Mit Fredrik RydmansSnow White feiert eine zeitgemäße Neu-Interpretation des Klassikers ihre Deutschlandpremiere im Deutschen Theater München und zeigt ein schonungsloses Porträt der heutigen Zeit: Unser Kampf gegen das Altern, gegen Einsamkeit, gegen die Sucht nach Bestätigung – Snow White, eine Instagram-Ikone, hält uns den Spiegel des digitalen Zeitalters vor.

    Veröffentlicht am 02.12.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    KONSEQUENZEN IN BERLIN

    Gregor Seyffert und Ralf Stabel freigestellt
    Veröffentlicht am 18.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    VORZEITIGES ENDE AM STAATSBALLETT BERLIN

    Johannes Öhman und Sasha Waltz beenden ihre Intendanz zum Ende des Jahres
    Veröffentlicht am 22.01.2020, von Pressetext

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    KULTURAUSTAUSCH ZUR FLUCHT MISSBRAUCHT

    Probleme beim internationalen Tanzaustausch

    Veröffentlicht am 21.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    KONSEQUENZEN IN BERLIN

    Gregor Seyffert und Ralf Stabel freigestellt

    Veröffentlicht am 18.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    NEWCOMER UND ALTMEISTER

    Der Ballettabend "3 Generationen" am Staatstheater Hannover

    Veröffentlicht am 24.02.2020, von Renate Killmann


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin

    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    DIE BEWEGUNG IM INNEREN

    "Scores that Shaped Our Friendship" im schwere reiter München

    Veröffentlicht am 18.02.2020, von Peter Sampel



    BEI UNS IM SHOP