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Leipzig

PULSIEREND VOR KITSCH UND KRAFT

Die Euro-Scene zeigt Jan Martens „Sweat, baby, sweat“ und zwei Arbeiten von Sylvia Camarda.



Mit all seinem Begehren, seiner Kraft, aber auch mit all seiner verletzbaren Materialität öffnet der Körper ein Spektrum von sinnlicher Hingabe bis vehemter Anklage.


  • "Sweat, baby, sweat" von Jan Martens Foto © Klaartje Lambrechts
  • "Sweat, baby, sweat" von Jan Martens Foto © Klaartje Lambrechts
  • "Sweat, baby, sweat" von Jan Martens Foto © Klaartje Lambrechts
  • "Conscienza di terrore I" von Sylvia Camarda Foto © Luise Gibson
  • "Conscienza di terrore I" von Sylvia Camarda Foto © Luise Gibson
  • "Martyr" von Sylvia Camarda Foto © Patrick Gibson

Von Steffen Georgi

Die Sache mit dem Kuss ist die: Der „wahrscheinlich längste in der Tanzgeschichte choreografierte“ soll er sein, wie das Fachblatt „Tanz“ in rührender Begeisterung zu Jan Martens „Sweat, baby, sweat“ schrieb. Eine Choreografie, die jetzt auch im Rahmen der Euro-Scene zu erleben war, im rappelvollen Ballsaal der Schaubühne Lindenfels.

Dort stehen sich auf der Bühne Tänzerin Kimmy Ligtvoet und Tänzer Steven Michel gegenüber. Und was sie fortan für eine Stunde zeigen werden, ist die Liebe als Kraftakt. Und als ein Spiel der Begierde, der auf- und abebbenden Lust, des sich binden Wollens, aneinander gekettet Seins und schmerzlichen voneinander Lassens.
Zu erleben ist das als Gleichmaß der verlangsamten Bewegungen, als ununterbrochene Slow Motion der Figurationen. Es ist etwas eigenartig Einzigartiges, was daraus erwächst: Ein eins sein von Schwere und Leichte im selben Moment. Schwer, weil in der Tempoverschleppung und einem geschickt gesetzten Licht jede Muskelanspannung, jede Atemhebung des Brustkorbes, jedes Glieder ausbreiten wie herausdestilliert ist. Man sieht die Anstrengung, den Kraftaufwand, die Konzentration.
Und leicht ist das, weil es organisch, geradezu logisch und mit feinmechanischem Bedacht abläuft. Kraft ohne Krampf, Spannung ohne Verspannung. Und wie bei all dem das Körperbegehren sich einfügt in die Innerlichkeit einer Liebe auf Zeit, verleiht „Sweat, baby, sweat“ eine fraglos faszinierende Anmut.

Und doch gibt es auch hier den Moment, an dem sich in die Kunst die Kunstgewerblichkeit schleicht. Ins Echte das Ausgestellte einzieht. Etwa bei diesem langen Kuss. Der eben irgendwann nicht mehr 'innig', sondern eitel wirkt. Sportiv geradezu: Na, wie lange wird das noch gehen? Und heimtückisch überfällt einen plötzlich die Erinnerung an diesen anderen choreografierten Kuss. Diesen ironisch-sinnlich verspielten, langen (aber nicht eitel langen) aus Bernard Baumgartens „Rain“, der jene Art Bittersüße atmete, die auch Martens noch versucht, wenn er final über 15 Minuten Ligtvoet und Michel auseinanderdriften lässt zum ununterbrochenen Gesäusel Cat Powers, deren „Willie Deadwilder“ das Szenario untermalt. Und ja, man kann das gerne als sanfte Ironie lesen, gerade auch in der Brechung durch eingeblendete Zeilen, die etwa ankündigen, dass dieser Song nimmer mehr endet. Und nein, die Kunstgewerblichkeit treibt auch das nicht mehr aus.

Ganz frei von dieser sind auch die Arbeiten „Conscienza di terrore I“ („Gewissen des Terrors I“) und „Martyr“ („Märtyrer“) der luxemburgischen Choreografin und Tänzerin Sylvia Camarda nicht, die in der Schauspiel-Diskothek zur Aufführung kamen. Affektiertheit und Manierismus - beides ist darin zu entdecken und getrost zu ignorieren. Denn was Camarda zeigt, ist ein beeindruckender Mut zur Unmittelbarkeit der großen Geste, wie auch der vehementen Anklage.
„Conscienza di terrore I“ ist als solistisches Ergänzungsstück zum Duett „Conscienza di terrore II“ (2009 bei der Euro-Scene aufgeführt) eine Choreografie über die Aushöhlung des Menschlichen durch Krieg und Folter. Assoziationspunkte sind zur dunklen Ikonographie gewordene Bilder von „Apokalypse Now“ bis Abu Ghraib, die Camarda als Szenarien expressiver Selbstdeformation zerrspiegelt. Entmenschlicht zum hechelnden Köter nach dem Willen der Macht, der selbst alles Menschliche abhanden gekommen ist.
Lächerlich, bedrückend und gespenstisch ist das. Und es findet Ergänzung in der quasireligiösen Überhöhung, wenn Camarda in „Martyr“ sich zu Ravels „Bolero“ als Opfer darbringt. Fast nackt, in akkuraten Spasmen zwischen Seppuku Gesten und christlichen Martyriums Posen samt finaler Waschung in Blut, triefend und pulsierend vor Kitsch und Kraft, Anmut und Affekt.

Veröffentlicht am 07.11.2015, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Pulsierend vor Kitsch und Kraft"



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