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Stuttgart

EINMAL TÄNZER, IMMER TÄNZER

Egon Madsens „Greyhounds“ werden im Stuttgarter Theaterhaus bejubelt



Marianne Kruuse, Julia Krämer, Egon Madsen und Thomas Lempertz erobern die Bühne und das Publikum.


  • "Greyhounds" Foto © Regina Brocke

Warum nur, warum nicht einfach aufhören? Man ist doch alt genug, man hat doch genug Schweiß und Tränen vergossen in einer Tänzerlaufbahn, ganz zu schweigen von dem harten Preis, den man bezahlt hat, den Schmerzen, den Verletzungen, der Angst vor dem Auftritt. Warum hören wir nicht einfach auf? Mit solchen Fragen beginnt die neueste Produktion des Theaterhauses Stuttgart, und der, der sie augenzwinkernd stellt, ist der Tänzer Egon Madsen. Er hat eine sagenhafte Karriere hinter sich, war einer der bedeutendsten Tänzer bei John Cranko, acht Jahre künstlerischer Leiter des NDT III, jener Kompanie der über 40-jährigen Tänzer und war von Anfang an dabei, als Eric Gauthier mit der nach ihm benannten Kompanie Gauthier Dance ganz neue Gruppen des Publikums für den Tanz begeistern konnte.

Geradezu programmatisch erscheint es im Rückblick, dass diese Erfolgsgeschichte für Madsen und Gauthier mit Christian Spucks „Don Q.“ begann, mit einer der schönsten und tiefgründigsten und vor allem berührendsten Szenen, wenn der alternde Tänzer dem jungen Heißsporn die versöhnende Hand reicht und dieser darauf hin sich die gewagtesten Sprünge zutrauen kann. Mit dem Solo „Speech“ für Egon Madsen beginnt auch der am Ende stürmisch gefeierte Abend mit seinen „Greyhounds“. Der ist eine getanzte Textcollage zu den schon genannten Fragen und der Tänzer Madsen versucht in Amos Ben-Tals Choreografie in Worten auszudrücken, was ihn bewegt. Man sieht wie der Körper immer stärker in Bewegung gerät und es der Worte nicht mehr bedarf. Und es darf gelacht werden, wenn der Tänzer in Engelsgeduld gegen die sorgsam inszenierten Pannen der Tontechnik antanzt.

Und der Tanz geht weiter, dann sind sie alle auf der Bühne, diese „Greyhounds“. Alle vereint darin, dass sie auf sagenhafte Karrieren zurückblicken können, dass sie ganz unterschiedlich ihre Absprünge vollzogen haben, aber dennoch in Bewegung geblieben sind. Und die Reise beginnt, in eigener Choreografie, zu „Danced all Night“. In der Version der Tiger Lillies erobern Marianne Kruuse, Julia Krämer, Egon Madsen und Thomas Lempertz die Bühne und das Publikum. Es geht für diese Greyhounds über Tisch und Stühle, sie kennen keine Hindernisse und wenn eine Tänzerin doch mal auf dem Tisch zum Erliegen kommt, dann wird sie von den Kollegen ganz einfach wieder in die Bewegung gekippt.

Weiter geht es mit einer ebenfalls choreografierten Textcollage persönlicher Erinnerungen und Aussagen zu dem was war, was wurde und was ist. Da gibt es herzliche Passagen, etwa wenn Julia Krämer, die 16 Jahre als erste Solistin dem Stuttgarter Ballett angehörte, sich erinnert, wie groß ihre Aufregung vor Auftritten war, wie sie regelrecht aufgefangen und gehalten wurde von den Kolleginnen und Kollegen. Wenn es darum geht, wie man jungen Tänzern auf den Weg helfen will, was aber nur möglich ist, wenn man selbst in der Bewegung bleibt, wenn es heißt, dass man eigentlich immer tanze, weil dies die persönliche Art ist, als Mensch authentisch zu sein.

Oder wenn man erfährt, dass sich Thomas Lempertz nach seiner Stuttgarter Zeit als Solist seinen Traum erfüllte und nach der aktiven Tänzerkarriere sein Fashion-Atelier gründete sowie nun auch als Kostümbildner junge Tänzerinnen und Tänzer einkleidet – jeder Tänzer weiß, wie schützend ein Kostüm in dieser verletzlichen Kunst sein kann.

Die Erinnerungen gehen zurück, der Tanzboden wird wieder ausgerollt, die gnadenlosen Spiegel des Studios werden aufgeklappt, die „alten Hüte“ werden noch mal aufgesetzt. Und im turbulenten Spiel, als hätten diese Greyhounds ihre Kindheit in die Taschen gesteckt und würden sie jetzt wieder herausholen, um ein Leben lang weiter zu spielen, zu tanzen, in Bewegung zu bleiben. Im Sinne des großen Max Reinhardt, in Abwandlung eines Zitates dieses Bühnenzauberers, bekommen jede und jeder den richtigen Hut verpasst.

Mauro Bigonzetti hat zu „Melos“ von Vassilis Tsabropoulos ein wunderbares Solo für Julia Krämer kreiert. Da sitzt die Tänzerin am Tisch. Erinnerungen anhand von Fotos bringen zunächst die Hände, die Arme in Bewegung, dann braucht sie die Bilder nicht mehr, ihr Tanz ergreift den Raum, dann findet sie zurück zu den „Dokumenten“ des Vergangenen, um dann mutig eines davon zu zerreißen und die Fetzen in die Luft zu pusten.

Man möchte ja sowieso ein wenig schluchzen, wenn man nur die Stimme von Jeff Buckley hört. Zu „Je n´en connais pas la fin“ hat Marco Goecke ein Solo für Thomas Lempertz geschaffen. Goecke ist nicht der Choreograf zum Schluchzen, er brennt dem Tänzer die Bewegungen in den Körper, er entfacht im Innern des Künstlers die Unbändigkeit einer solchen Kraft, dass die Muskeln tanzen müssen, dass die Hände in wahnsinniger Geschwindigkeit auf und ab gehen und die somit erzeugte Energie den ganzen Theaterraum in Schwingungen versetzt. Und Thomas Lempertz erweist sich als Tänzer, der Goeckes Ansprüchen mit einem Höchstmaß an individueller Ausstrahlung zu entsprechen weiß. Zudem scheint ihm immer ein sympathischer Schelm über die Schulter zu lugen, so dass sich dann doch die Emotion der Klänge und die Unerbittlichkeit der Bewegung zu einer Abfolge spannender Augenblicke fügen.

Marianne Kruuse tanzte wie Egon Madsen beim Stuttgarter Ballett. Hier lernte sie John Neumeier kennen, ging mit ihm nach Frankfurt und Hamburg, 24 Rollen hat Neumeier für sie kreiert wie die Julia, die Marie oder die Helena. Die gebürtige Dänin war nach Ende ihrer aktiven Karriere pädagogisch tätig, wurde stellvertretende Leiterin der Ballettschule des Hamburg Ballett. Eigentlich hatte sie sich vor zwei Jahren in den verdienten Ruhestand verabschiedet, jetzt konnte Egon Madsen sie überzeugen wieder auf den Tanzboden zu kommen. Und was man dann erlebt, wenn Marianne Kruuse und Egon Madsen ihre so persönliche wie authentische Version des von Neumeier 1968 geschaffenen Pas de deux aus „Separate Journeys“ zum melancholischen Fluss der Musik von Samuel Barber zeigen, dann gleicht dies einem neuen Stuttgarter Tanzwunder.

Man erlebt die Essenz des Tanzes, die Vergegenwärtigung einer Erinnerung ohne jede Verklärung, weil sich beide Künstler zu dem bekennen, was ihre Körper jetzt zu leisten vermögen. Da ist so viel Zärtlichkeit, so viel Vertrauen in die Ausdrucksmöglichkeiten dieser wortlosen Kunst, dass man in solchen Augenblicken höchster Konzentration die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können. Solcher Tanz berührt ohne auch nur einen Augenblick in die Nähe programmierter Rührungsstimmung zu geraten. Spätestens jetzt ist die Eingangsfrage nach dem Warum beantwortet, weil sie sich gar nicht mehr stellt.

Und schon mit dem ihm eigenen Humor, lädt Eric Gauthier zur „Freakshow“ der Tiger Lillies Egon Madsens Greyhounds zum rasanten Finale als Satyrspiel dieser Tanzkomiker. Auf der von Flurin Borg Madsen gestalteten Bühne in den Kostümen von Gudrun Schretzmeier lässt er die Korken knallen und die Funken sprühen. Der Beifall brandet auf. Der Jubel beginnt, was wohl ganz selten ist im Tanz, es gibt ein Da Capo, die „Freakshow“ wird wiederholt. Gute Gelegenheit fürs Publikum, dann doch noch im Schutz der Dunkelheit die kleine Träne abzuwischen, mag sie eine des Lachens oder der tiefen Berührung sein. Es ist einfach zum Heulen schön, wenn diese Greyhounds tanzen.

Veröffentlicht am 05.11.2015, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Einmal Tänzer, immer Tänzer"



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