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Mainz

DAS GLÜCK IST DA, WO ICH NICHT BIN

„Sehnsucht, limited edition“ von Koen Augustijnen bei tanzmainz



Objektiv gesehen – gemessen an Wohlstand, Sicherheit und Lebenserwartung – geht es uns so gut wie noch nie. Auf der Skala der subjektiven Befindlichkeit gibt es dagegen immer mehr Grund zur Klage. Aus diesem Widerspruch hat Koen Augustijnen „Sehnsucht, limited edition" gemacht.


  • „Sehnsucht, limited edition“ von Koen Augustijnen bei tanzmainz Foto © Andreas Etter
  • „Sehnsucht, limited edition“ von Koen Augustijnen bei tanzmainz Foto © Andreas Etter
  • „Sehnsucht, limited edition“ von Koen Augustijnen bei tanzmainz Foto © Andreas Etter
  • „Sehnsucht, limited edition“ von Koen Augustijnen bei tanzmainz Foto © Andreas Etter
  • „Sehnsucht, limited edition“ von Koen Augustijnen bei tanzmainz Foto © Andreas Etter

Objektiv gesehen – gemessen an Wohlstand, Sicherheit und Lebenserwartung – geht es uns so gut wie noch nie. Auf der Skala der subjektiven Befindlichkeit gibt es dagegen immer mehr Grund zur Klage. Aus diesem Widerspruch hat der belgische Choreograf Koen Augustijnen – dessen Werdegang geprägt ist von einer langjährigen Zusammenarbeit mit Les Ballets C. de la B. – das Auftaktstück für die neue Saison von tanzmainz gemacht.

Als Sehnsuchtsort oder besser Unort hat Ausstatterin Pia Leong eine weiß gekachelte, höchst sterile U-Bahn-Station auf die Bühne des Mainzer Kleinen Hauses gestellt. Hier kreuzen sich so zufällig wie im echten Leben die Wege der sechs Protagonisten - zwei Männer, vier Frauen - in Gestalt markanter Erscheinungen des Tanzensembles. Koen Augustijnen ist bekannt für unkonventionelle Projekte und ein durch Improvisation geprägtes Arbeitsprinzip, bei dem die Darsteller viel Eigenes einbringen können. Einiges Aufsehen erregte sein Stück „Badke“ (2013), für das er mit zehn palästinenschen Performern aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenarbeite.

„Sehnsucht, limited edition“ gehört zur Sparte Tanztheater, wo anfangs fast beklemmend realistische Szenen Marke „Drogenjunkie meets Macho“ nach und nach ins Surreale kippen: in die nachträgliche Bewältigung der Vergangenheit, die Ausstellung unbefriedigender Gegenwart und die Vision einer besseren Zukunft. Sehnsucht hat viele Gesichter, und in diesem Stück gewinnt sie auch ganz besondere Töne. Weltklasse-Akkordeonist Philippe Thuriot unterlegt dem Sehnen nach einem besseren Gestern, Heute und Morgen Bachs Goldberg-Variationen, schwenkt aber auch mal ins Pop-Milieu um. Wo die Sehnsucht besonders wehtut, hält sein Instrument einen zähen Heulton bereit, und es kann auch den Rhythmus einer unsichtbaren, vorbeifahrenden Bahn aufnehmen.

Augustijnen piekst gerne in Klischees, sei es „Deutschland sucht den Superstar“ oder diverse (homo)erotische Themen – manchmal frech, manchmal subversiv, aber immer mit Respekt vor der Würde seiner fiktiven Figuren. Zur surrealen Stimmung trägt auch ein Auftritt der Mainzer Tai-Chi-Gruppe (geleitet von Mina Hahn) in quietschbunten Mao-Anzügen bei. Mitmachen darf da offensichtlich jeder von Student bis Rentner - eine prima Projektionsfläche.

Viel Beifall gab es vom Premierenpublikum. Aber noch bleibt abzuwarten, ob das Konzept von Tanzchef Honne Dohrmann aufgeht, der dem balletterfahrenen Publikum des Staatstheaters – an dem einst Martin Schläpfer das Mainzer Ballettwunder vollbrachte und für seinen Nachfolger Pascal Touzeau zu große Fußstapfen hinterließ – nun brandaktuellen zeitgenössischen Tanz unterschiedlichster Spielart serviert.

Veröffentlicht am 22.09.2015, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Das Glück ist da, wo ich nicht bin"



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