HOMEPAGE



Hannover

ZUM ABSCHLUSS VON TANZTHEATER INTERNATIONAL

"Made in Bangladesh" von Helena Waldmann und ein 'Made in Hannover': "Albert" von Felix Landerer



Das Festival Tanztheater International ist am Sonntag zu Ende gegangen.


  • "Albert" von Felix Landerer Foto © Thomas Ammerpohl
  • "Made in Bangladesh" von Helena Waldmann Foto © Wonge Bergmann

Mit 92 Prozent Platzauslastung ist das 30. Festival Tanztheater International am Sonntag zu Ende gegangen. Die bereits viel gezeigte Produktion „Made in Bangladesh“ von Helena Waldmann bekräftigte dabei das hohe Niveau, das das Festival in den verschiedenen zeitgenössischen Erscheinungsformen des Tanzes versammelt hatte. Waldmanns tadellose Recherche über ausbeuterische Produktionsbedingungen sowohl in der bengalischen Textilindustrie als auch bei indischen Tanzensembles überzeugte in ihrer exzellenten Verbindung aus Wort und Bewegungen.

An den Schluss hatte Festivalleiterin Christiane Winter noch eine Uraufführung aus der regionalen Szene gesetzt. Eine freundliche Geste, doch wirklich überzeugen konnte Felix Landerers „Albert“ nicht. Fast durchgehend trägt ein Tänzer die nicht uninteressante Erzählung über den unauffälligen Angestellten Albert vor, der eines Tages ausrastet. Weitere fünf Tänzer machen dazu Bewegungen, die so oder anders hätten aussehen können und wenig Erhellendes oder gar Deutendes zur Geschichte beitragen. Die zugeknöpften korrekten Kostüme entsprechen wohl Alberts Charakter, ebenso die filzbespannten Kisten, aus denen die Tänzer gedämpft Wege und Türme bilden. Sie alle scheinen phasenweise Albert zu sein, bilden eine Reihe im Gleichmaß, oder vertreten abwechselnd seine Eigenschaften, die aber nicht charakteristisch ausgedrückt werden. Stattdessen ziehen sie aus den Plastikhüllen der Wandbespannung Karten heraus, so dass entsprechende Worte und Sätze sichtbar werden.

Albert wurde früher als „Pussy“ gehänselt, seither gilt all sein Bestreben der Selbstbeherrschung. Aus dem Drang, nicht aufzufallen, erwächst allerdings gleichzeitig der Frust, nicht mal bemerkt zu werden. Keiner grüßt ihn im Fahrstuhl, nicht mal, wenn er stundenlang darin auf- und abfährt. Als sein unterdrücktes Selbst explodiert, trifft es den chinesischen Kollegen, den er bisher für sich angeblich scherzhaft Orang-Utan zu nennen pflegte. Ob es eine bewaffnete Amokattacke wird oder er ihn nur mit etwas Kaffee bekleckert, lässt der Erzähler offen. Auch Alberts Rebellion bleibt so eher bescheiden.

Die Tänzer wandeln mal über die Filzboxen, mal werden sie durch sie hindurchgezogen oder wie auf einen Thron gesetzt. Gedämpft, weich. Figuren auf dem Boden können durchaus exaltiert ausgreifen. Ein Tänzer mimt mit tiefen Tönen den Orang-Utan, albern. Eine andere ventiliert. Es fehlt an Gegenkräften, wollte man den Konflikt nach außen zeigen, aber auch an der choreografischen Zuspitzung, wenn es um die Binnenspannung ginge. Erst recht, wenn die tickende Zeitbombe Albert hochgeht. Landerer bleibt so brav und beherrscht wie Albert, die innere Spannung und Explosion werden nicht deutlich. So interessant einige solistische Bewegungsläufe sind, die Dramaturgie und Verknüpfung mit der Geschichte bleiben auf der filzgedämpften Strecke.

Veröffentlicht am 15.09.2015, von Andreas Berger in Homepage, Kritiken 2014/2015

Dieser Artikel wurde 2387 mal angesehen.



Kommentare zu "Zum Abschluss von Tanztheater International"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    WENN KEIN SPIELRAUM MEHR DA IST

    Zur Tanzpremiere "Exhausting Space" von Iván Pérez
    Veröffentlicht am 13.11.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    MARTENS, MORGANTI, PRELJOCAJ

    Drei Tanzabende zur 29. euro-scene Leipzig
    Veröffentlicht am 13.11.2019, von steffen georgi


    ZAUBER

    Fotoblog von Dieter Hartwig
    Veröffentlicht am 13.11.2019, von Dieter Hartwig



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    "PHANTOM ZONE"

    Interaktive Installation von Alexandra Rauh und Gunnar Seidel

    Digitale Medien und neue Technologien sind fester Bestandteil unserer Lebenswelt. Doch wie verändert sich dadurch die Wahrnehmung der Realität? Was wird als Fehler oder Störfaktor definiert? Was blenden wir einfach aus? Und was heißt das für ein gesellschaftliches Miteinander?

    Veröffentlicht am 30.10.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DEUTSCHER TANZPREIS FÜR GERT WEIGELT

    Anerkennung für Isabelle Schad und Jo Parkes

    Veröffentlicht am 20.10.2019, von Marieluise Jeitschko


    NUR WER SEINEN KÖRPER GANZ IM GRIFF HAT, DER LERNT ZU FLIEGEN

    Splatter-Ballett „Tanz“ zu Gast an den Münchner Kammerspielen

    Veröffentlicht am 21.10.2019, von Vesna Mlakar


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    EIN GROSSARTIG WAGHALSIGES BALLETT

    Christian Spuck choreografiert in Zürich „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“

    Veröffentlicht am 13.10.2019, von Marlies Strech


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick



    BEI UNS IM SHOP