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Hannover

EINE WARNUNG

Das Festival Tanztheater International in Hannover zeigt VA Wölfls Kompanie Neuer Tanz mit ihrem aktuellen Stück "CHOR(E)OGRAPHIE / JOURNALISMUS: kurze stücke".



Dies ist eine Warnung: Nehmen Sie die Warnung des Conferenciers zu Beginn des neuen Stücks der Gruppe Neuer Tanz ernst. Er begrüßt Sie an der Kunstfront und lädt Sie ein, jederzeit zu gehen oder zu schreien.


  • "CHOR(E)OGRAPHIE- JOURNALISMUS" von VA Woelfl Foto © VA Woelfl
  • "CHOR(E)OGRAPHIE- JOURNALISMUS" von VA Woelfl Foto © VA Woelfl

Dies ist eine Warnung: Nehmen Sie die Warnung des Conferenciers zu Beginn des neuen Stücks der Gruppe Neuer Tanz ernst. Er begrüßt Sie an der Kunstfront und lädt Sie ein, jederzeit zu gehen oder zu schreien. Ersteres geschieht andauernd während VA Wölfls „CHOR(E)OGRAPHIE / JOURNALISMUS: kurze stücke“ in Hannovers Orangerie, letzteres nicht, obwohl mancher angesichts dieser demonstrativ ereignislosen Zeitvernichtung und aggressiven Sinnverweigerung sicher innerlich brüllt.

Dabei machen die erst in glitzernde Glamourjackets, später schick-korrekte Anzüge und Kostümchen gekleideten Darsteller im gleißend weiß ausgeschlagenen Bühnenkubus eigentlich fast nichts, dies aber in stoischer Zeiterstreckung. Vorn tournieren Gewehre auf Drehscheiben, einige davon werden von den Paillettenmodels in die Höhe gereckt, Erstarrung, Schaufensterpuppen-Appeal. Krieg ist Mode, denkt der Feuilletonist und ertappt sich dabei, dass Wölfl über solche Kunstplattitüden sicher lachen müsste.
Später kommen E-Gitarren in Anschlag, dazu eine Dame auf Spitze leise opernhaft intoniert – oder doch die Instrumente immer dasselbe Motiv repetieren. Vielleicht zehn Minuten lang, die wie Stunden wirken. Die Darsteller absolvieren das gesenkten Blicks, ohne Regung. Sie gehen ab, kommen wieder in einer Reihe und nicken kurz wie zum Schlussapplaus. Einige Zuschauer klatschen - guter Versuch. Aber es geht weiter. Bei Wölfl hülfe nur totale Verweigerung, nicht so zögerliche Anerkennung aus Selbsterlösungstrieb.

Also aushalten. Der Vollständigkeit halber: Es gibt auch actionreichere Szenen. Mal ein kurzer Showdown wie bei der Dame, die plötzlich ihr Kleid fallen lässt und einen Schrank öffnet, aus dem sie mit Tennisbällen überschwemmt wird. Mal langgezogene Performance wie bei dem Kerl, der mit ebensolchen Bällen aus der Wurfmaschine auf E-Gitarren feuert. Und jenes unerträglich lange Posing einer weniger als zeitlupenhaft sich in ihrer Position verändernden zerbrechlichen Frau, die erst von anschwellenden Fußballfangesängen, dann von einem raumgreifenden Video eben jener Fans umspült wird, eine zunächst unkenntliche Masse, deren Individuen vorübergehend klarer erkennbar werden und dann wie zu Farben auf einer Palette zerlaufen. Das ist schon gruselig.

Aber Wölfl weigert sich erfolgreich, solche zu Kunst geronnenen Bilder aus der selbstbesoffenen Gesellschaft publikumsfreundlich feilzubieten. Die Langeweile aus Dehnung, Wiederholung und tatsächlicher Leere ist ein einziger großer Angriff an seiner, siehe Conferencier, Kunstfront. Und das Opfer ist das Publikum. Wer zu früh gegangen ist, hat zum Beispiel diese packende Szene verpasst, aber sich auch Nerven gespart. Denn dazwischen herrscht viel Leerlauf. Dass nochmal gegeigt wird und einer unter vorgehaltener Pistole singen muss, während eine Maschine lärmend Kupferdraht speit, geschenkt. Dauert aber.

Noch mehrfach probieren die Darsteller das Ende mit dem kurzen Nicken. Das Stück ist eigentlich eine einzige gewollte Ausladung an das Publikum. Das diese aber erst zögerlich und nach und nach annimmt. Keiner unterschätze den deutschen Durchhaltewillen. Wir können länger. Die Aufführungsdauer ist mit zwei Stunden angegeben, und so harrt ein gutes Dutzend auch noch aus, als die Darsteller vermutlich schon unter der Dusche sind. Kunstkenner sind nun mal die Härtesten. Ein Zuschauer hat wenigstens schon mal die Maschinen abgestellt, aber das provoziert Wölfl nicht, auch der Künstler ist hart.

Wer seine Kunstfront früh verlässt und sich dem bedeutungshubernden Journalismus verweigert, ist vielleicht auch in seinen Augen der Sieger. Zu einem Tanzfestival kommen sie so schnell nicht wieder. Doch kaufen Sie das Ticket, tun Sie zwei Stunden lang anderswo, was Sie wollen, konsequenter können Sie sein Konzept nicht umsetzen. Eine wohlmeinende Warnung. Aber nehmen Sie sie ernst.

Veröffentlicht am 08.09.2015, von Andreas Berger in Homepage, Kritiken 2014/2015

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Kommentare zu "Eine Warnung"



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