HOMEPAGE



Hannover

„THINK BIG“

Drei Choreografen der freien Szene beim Tanztheater International



Für „Think Big“ spendiert das Festival Tanztheater International in Kooperation mit dem Ballett der Staatsoper Hannover drei Choreografen der freien Szene eine zehnköpfige Kompanie, damit sie sich mal mit großer Gruppe ausprobieren können. Eine schöne Chance.


  • „Do you really think, it’s gonna come by itself?“ von Mélanie Lomoff Foto © Thomas Ammerpohl
  • „...oder nirgends“ von Andrew Skeels Foto © Thomas Ammerpohl
  • "Varh" von David Blázquez Foto © Thomas Ammerpohl

Für „Think Big“ spendiert das Festival Tanztheater International in Kooperation mit dem Ballett der Staatsoper Hannover drei Choreografen der freien Szene eine zehnköpfige Kompanie, damit sie sich mal mit großer Gruppe ausprobieren können. Eine schöne Chance.

Mélanie Lomoff, mit Erfahrungen an der Pariser Oper, Montalvo-Hervieu und den Ballets C de la B, schickt zu fein perlender Schubert-Musik zwei Tänzer vor, die Nähe suchen. Mal legt er seinen Kopf in ihre Hand, mal strecken sie sitzend Fuß und Fuß nacheinander aus. „Do you really think, it’s gonna come by itself?“ nennt Lomoff ihr Stück reichlich umständlich. „Ob die Liebe hinfällt“ könnte man‘s salopp übersetzen. Unser Paar jedenfalls geht erstmal in der langsam einschreitenden Gruppe auf, die sich zersprengt, durcheinanderläuft, die Karten werden neu gemischt. Zwei Paare nähern sich nun unter den Augen der Gruppe, während Schuberts Gretchen-Lied „Meine Ruh‘ ist hin“ erklingt. Dabei werden etwa die Frauen um die Hüfte des Mannes gelegt. Doch die Innigkeit wird stets wieder in die Gruppe aufgesogen oder verweht, von selbst ist Liebe nicht vergönnt, man muss sie der Gesellschaft offenbar abringen. Am Ende aber bleibt das Anfangspaar übrig und umarmt sich so, dass es ein Herz bildet. Herzig.

Auch der Kanadier Andrew Skeels mit Tanzerfahrungen von Kylian bis Goecke wählt klassische Musik für sein Stück „...oder nirgends“. Er setzt Beethovens Klaviertrio in so flüssiger Bewegung um, dass man meint, es wär‘ von Uwe Scholz. Im Wortsinn wird am Anfang ein Tänzer in die Musik geworfen, hier in die Arme der Gruppe, und noch später kippen einzelne Tänzer immer wieder rücklings um, werden aufgefangen, weitergeleitet wie die Motive und Stimmen der Partitur. Und das mal mit Überschlag über andere Rücken hinweg, mal in artistischen Bodenschrauben, dass es zuweil an Hip-Hop-Figuren in lediglich geschmeidigerer Ausführung erinnert. Auch hier steht zuletzt nochmal die Figur des Beginns: Der gleiche Wurf in die Gruppe beendet das Stück. Eine herrlich musikalische Arbeit, aber merkwürdig frei von Konflikt, Entwicklung, weltlichen Bezügen.

David Blázquez, Tänzer in der hannoverschen Kompanie, zeigt in „Varh“ ein Stück über Fremdkörper und körperliche Verdrängung. Erst in Reinform: Nackt mit dem Rücken zum Zuschauer bilden die Tänzer eine Gruppe, die mit erhobenen Händen gleichförmig mäandert, bis einer rausgeschubst wird aus dem Gefüge. Die folgenden Szenen variieren das Thema unter bunter Kleidung und fröhlicher Musik. Das erinnert mal an Rocker-Posing mit Mikro, dem sich jemand ins Bild stellt, mal an pogohaftes Antanzen, das auch immer jemand von der Fläche drängt. Auf dem Boden wird’s bedrohlicher, dann wieder laufen die Tänzer wie aufgezogen, versucht eine in ruhiger Selbsterkundung nach dem Ausziehen der Kleidung wieder selbst zu sein, wird die ganze Kompanie am Ende zu einer wabernden Anemone – wie ein anderes Bild für Kafkas Entfremdungskäfer aus „Metamorphose“.

Blázquez liefert damit sicher die verstörendere, am ehesten jungendstrotzende Arbeit des Abends. Alle Choreografen haben die Gruppe und die große Bühne gekonnt bedient, aber sie blieben auch recht konventionell in ihren Mitteln wie in ihren Aussagen. Da wünschte man sich die junge Szene doch etwas frecher.

Veröffentlicht am 06.09.2015, von Andreas Berger in Homepage, Kritiken 2014/2015

Dieser Artikel wurde 7825 mal angesehen.



Kommentare zu "„Think Big“"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    VIELSEITIGKEIT IN PERSON

    Twyla Tharp wird 80 Jahre alt
    Veröffentlicht am 05.07.2021, von Pressetext


    TÄNZER*INNEN VON HEUTE UND MORGEN

    Ein Zoom-Interview mit den Geschwistern Julian MacKay, Nicholas MacKay, Nadia Khan und Maria Sascha Khan.
    Veröffentlicht am 02.07.2021, von tanznetz.de Redaktion


    CARLA FRACCI VERSTORBEN

    Die italiensiche Tänzerin und Ballettdirektorin ist im Alter von 84 Jahren gestorben
    Veröffentlicht am 28.05.2021, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    AUSSTELLUNG UND SYMPOSIUM "WHO'S TALKING?"

    Erste virtuelle Ausstellung von KOLK 17: „Who’s Talking? Sechs künstlerische Blicke auf die Sammlung KOLK 17“

    Seit 2018 ist die Sammlung von KOLK 17 nicht mehr öffentlich zu sehen, da die Ausstellungsräume umfassend saniert werden. Die ca. 20.000 verschiedensten theatralen Artefakte aus Europa, Asien und Afrika lagern nun seit über drei Jahren im Depot. Über die Figuren außereuropäischer Provenienz ist wenig bis gar nichts bekannt.

    Veröffentlicht am 20.07.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    KOEGLERNEWS 10

    Was nicht in den deutschen Zeitungen und Zeitschriften steht

    Veröffentlicht am 10.08.2009, von oe


    TRAGISCHER VERLUST FÜR DIE TANZWELT

    Colleen Scott unerwartet verstorben

    Veröffentlicht am 10.05.2021, von tanznetz.de Redaktion


    LIAM SCARLETT SUSPENDIERT

    Vorwurf des sexuellen Missbrauchs

    Veröffentlicht am 31.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    TÄNZER*INNEN VON HEUTE UND MORGEN

    Ein Zoom-Interview mit den Geschwistern Julian MacKay, Nicholas MacKay, Nadia Khan und Maria Sascha Khan.

    Veröffentlicht am 02.07.2021, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP