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Berlin

ZWISCHEN TRANCE UND TRASH

Schwerpunkt Asien beim 27. Festival „Tanz im August“



Zu den vielen Vorzügen der diesjährigen Ausgabe von „Tanz im August“ gehört es, mehrere Gastspiele aus Asien eingeladen zu haben.


  • "6&7" vom Tao Dance Theatre Foto © Dieter Hartwig
  • "6&7" vom Tao Dance Theatre Foto © Dieter Hartwig
  • "6&7" vom Tao Dance Theatre Foto © Dieter Hartwig
  • "6&7" vom Tao Dance Theatre Foto © Dieter Hartwig
  • "6&7" vom Tao Dance Theatre Foto © Dieter Hartwig

Zu den vielen Vorzügen der diesjährigen Ausgabe von „Tanz im August“ gehört es, mehrere Gastspiele aus Asien eingeladen zu haben. Dieser geografisch riesige Kulturraum besteht in Europa nach wie vor, zumindest im zeitgenössischen Tanz, überwiegend aus weißen Flecken. Fünf Produktionen halfen sie tilgen. Weit an der Spitze rangiert das TAO Dance Theatre aus China als das Überraschungsereignis schlechthin. Dabei ist die seit 2008 von Tao Ye geleitete Compagnie mittlerweile Gast auf nahezu allen wichtigen Festivals und hat gut 40 Länder auf fünf Kontinenten bereist. Dass sie die Tanzwelt im Sturm genommen habe, wie das Edinburgh-Festival berichtet, kann man nach den Auftritten im Haus der Berliner Festspiele bestens nachvollziehen.

Nebel spannt die Bühne in Gänze aus, Xiao Hes leise Musik auf Saiteninstrumenten erklingt ebenso schemenhaft, man wie hinten Gestalten wahrnimmt. Betont langsam hellt sich das Licht auf, wird immer wieder freilegen, dann schlucken, was sich auf der Szene abspielt. Durch ihre milchig verhangene Düsternis zieht eine Reihe in schwarze Kleider gehüllter, synchron agierender Tanzmönche eine halbe Stunde lang der Rampe entgegen. Nie wird dabei die Diagonale als Raumlinie verlassen. Auf ihr, mit kaum merklicher Ortsveränderung und stets in Breitbeinposition, ist es der Oberkörper, der kreist, abkippt, sich biegt und neigt, als folge er einem rätselhaften Ritual. Wie ein buddhistisches Gruppengebet, ein Zeremoniell auf Erdgeister vielleicht mutet an, was den Zuschauer in Bann schlägt und auch in der Ästhetik seines Trancecharakters nicht mehr loslässt. Wenn die sechs Tänzer sich militärisch exakt vom Betrachter abkehren oder als maximalen Ausbruch aufs Knie wippen, um sofort wieder in den Stand zurückzufedern, dann sind das winzige Zäsuren in ihrem dicht gefügten, gleichmäßig flinken Bewegungsmanöver zwischen Auslenkung, Torsion, Armführung. Woher sie gekommen sind, aus dem Ungefähren, dahin ziehen sie sich am Ende zurück.

Teil zwei des „6&7“ nach der jeweiligen Werknummer betitelten Programms präsentiert sich in ähnlichem Bewegungsvokabular und findet in gleisender Helle statt. Wieder ist die Diagonale der geometrische Ort spannungsvoller Auseinandersetzung, diesmal durch weiße Schlauchkleider und abgespreizte Ellbogen luzider gemacht. Hier wirken die vielen Verzerrungen und Schräglagen des Körpers wie Teile eines Reinigungspuzzles, erinnern auch an die Übertreibungen des Trickfilms. Begleitet wird das vom Summen, bisweilen befreienden Juchzen der sieben Tänzer wie beim Kampfsport. Momente plötzlichen Stillstands sind Anlauf neuer Verschiebekaskaden in den Körpern, als wolle etwas nach außen dringen, sei jedoch in deren blockhafter Form gefangen.

Mit dieser kleinen Kompanie hat sich Tao Ye, knapp 30 und schon international preisgekrönt, ein perfekt und fehlerfrei funktionierendes Instrument seiner Visionen eines Tanzes aus minimaler Bewegung im Raum bei nie versiegendem Strom aus den Tiefen des Körpers geschaffen. Erfrischend und erleuchtend.
Der Gegensatz zur Korea National Contemporary Dance Company in der Volksbühne könnte größer nicht sein. Leiterin Ahn Aesoon spielt in ihrer einstündigen Choreografie „Bul-ssang“ mit den beiden Begriffen Bul-ssang und Bulsang, der eine Mitleid, der andere Buddhastatue bedeutend. Daraus wird eine knallbunte Show mit tieferem Hintersinn, der Koreas Situation zwischen Tradition und Moderne thematisiert. Aus einem Standbild voller glitzernder Buddhas, umarmender Jesusfiguren und christlicher Engel entwickelt sich ein tänzerischer Mix mit Elementen von Pop bis Kampfkunst. Farbige Plastikteller meinen den Verlust alter Werte. Der Tanz findet bei all den Einflüssen, denen das Land ausgesetzt ist, zu keiner gemeinsamen Form mehr. Das ist auch die Schwäche des Stücks. Wenn am Schluss die ihrer Kultur ganz entfremdeten Tänzer vor einem Müllhaufen aus Buddhas und mehr erstarren, mag das eine Mahnung an die Nation sein.

Was bleibt noch zu erwähnen? Von den Performances, die Choy Ka Fai aus Singapur entwarf, nachdem er 86 Multimediainterviews zum Stand des zeitgenössischen Tanzes in Asien geführt hatte, vereinte zwei ein Abend in den Sophiensaelen. Beide gehen den Erwartungen eines europäischen Publikums an exotischen Tanz nach: der Inder Surjit Nongmeikapam witzig mit verschiedenen Regionalstilen, Rianto aus Indonesien im bravourösen Wechsel zwischen Frau und Mann bis hin zu exzellenten zeitgenössischen Sequenzen. Mit Körpervermessung, Nivellieren, Unterdrücken und Übervorteilen spüren der Südkoreaner Lee Jaeyoung und sein Partner Seo Ilyoung in „Equilibrium“ auf humorige Weise dem Phänomen des Gleichgewichts nach. Dass es nur für Momente existiert, die dann prompt jemand für sich nutzt, bietet Anlass zu einer liebenswürdigen, konzisen Vormachtrangelei, fröhlich augenzwinkernd selbst noch zu Rammsteins textböser musikalischer Aufforderung „Führe mich“.

Tanz im August, noch bis 4.9., Tickets unter 259 004 27

Veröffentlicht am 30.08.2015, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2014/2015

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Kommentare zu "Zwischen Trance und Trash"



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