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Bassano del Grappa

KULTUR VERTEIDIGEN

Das Festival BMotion in Bassano del Grappa



Zum zehnten Mal lud Bassano del Grappa zum internationalen zeitgenössischen Tanzfestival „BMotion“. Der künstlerische Leiter Roberto Casarotto präsentierte ausdrücklich Diversität von Tanztheater über abstrakte Stücke bis zu performativen Arbeitent.


  • „Data“ von Manuel Roque Foto © Marilene Bastien

Das Schweigen ist hörbar. Eine Minute lang atmet das Publikum im Teatro Remondini ohne zu sprechen. Eine höfliche Stimme aus dem Off hatte um diese symbolische Geste gebeten, zum Gedenken an den wenigen Tagen von der IS ermordeten 82-jährigen syrischen Archäologen Khaled Asaads. Kultur gilt es mehr denn je zu verteidigen.

Übergangslos mündet die Stille in das Solo „Data“ des Kanadiers Manuel Roque. Inspiriert vom Gabriel Faurés „Requiem“ erkundet der exzellente Tänzer und Choreograf multiple Identitäten und menschliches Handeln. Zum zehnten Mal lud Bassano del Grappa zum internationalen zeitgenössischen Tanzfestival „BMotion“, heuer von 20. bis 23. August. Ein viertägiger, siebzehnteiliger Aufführungsmarathon, welcher – so der künstlerische Leiter Roberto Casarotto – ausdrücklich Diversität von Tanztheater über abstrakte Stücke bis zu performativen Arbeiten präsentiert.

Mit dem Tanzfestival „BMotion“ in der pittoresken 45000-Einwohner-Stadt Bassano del Grappa am Fluss Brenta, nur eine Zugstunde von Venedig entfernt, führt Casarotto das alteingesessene „Operaestate Festival“ der Region Veneto konsequent in experimentelle Gefilde. Was 1981 mit einer reinen Opernschiene begann, versorgt mittlerweile jeden Sommer Einheimische und kulturinteressierte Gäste mit Musik, Theater, Film und auch Tanz. Inzwischen ist das vergleichsweise junge „BMotion“ als Sparte unverzichtbar. Zusätzliche kreative Energie erhält es durch das 2007 gegründete Tanzhaus CSC Centro per la Scena Contemporanea, welches bestens in der europäischen Tanzhauslandschaft vernetzt ist.

Überraschenderweise stachen beim heurigen „BMotion“ zwei Projekte mit Laien besonders ins Auge. Während Chiara Bersani in „Tell me more“ die verspielt-aufgeplusterte Gruppendynamik acht älterer Männer im Stadtmuseum thematisiert, berührt Dario Tortorelli mit „ArMare un Uomo“, einem Stück mit Alzheimer Patienten. In der städtischen Engelskapelle lässt Tortorelli sechs Frauen, zwei Männer und ein Mädchen die stark an Tremor leidende Eva Boarotto mit über 200 Sonnenbrillen behängen, was zu einem schaurigen Plastikrasseln führt. Indem Boarotto die Brillen als rhythmische Dekoration für ihre Starposen benutzt und vom grotesken Jahrmarktsobjekt zum autonomen Subjekt mutiert, manövriert „ArMare un Uomo“ das Publikum geschickt zwischen Scham und Bewunderung.

Die professionellen Tänzerinnen und Tänzer punkten erwartungsgemäß mit Körper-Skills. Keine einzige Performance, in der nicht sowohl Virtuosiät als auch Technik stimmen. Wenn es allerdings darum geht, eine stringente, gesellschaftsrelevante Geschichte zu erzählen, so sollte gelegentlich nachjustiert werden. Die dänische Kompanie „Granhoj Dance“ könnte in „Rite of the Spring – Extended“ ihre männlichen Initiationsrituale radikal von eindimensionalen Klischees aus nackten Popos, Spucke und Ketchup befreien, um so mehr genderrelevante Deutungsspielräume zu eröffnen. Beim talentierten Nachwuchs wie Dan Canham, der seine poetischen Erinnerung an die Schließung des Theaters in „30 Cecil Street“ tanzt, wäre nur Einbettung in ein größeres Gesellschaftliches fein. So fragt man sich, wohin ein junger Mann will, den Melancholie dermaßen fesselt.

Bei den Gästen aus Australien, Dänemark, Großbritannien, Irland, Italien, Kanada und den Niederlanden fielen zwei deutschsprachige Duos positiv auf. Die Schweizer „Mamaza“ überforderten in „Eifo Efi“ gezielt mit ihrem Rede- und Bewegungsschwall. Die Österreicher „Deutinger/Gottfarb“ überraschen in „Chivalry is dead“ mit einer dramaturgisch gestrafften Version ihres Ritterstücks aus dem Jahr 2014. Die Struktur aus Gehen im Viervierteltakt und simplen Fitnessübungen – natürlich alles in glänzender 20-Kilo-Ritterrüstung – entlarvt herrlich entspannt übliche Männermythen wie Tapferkeit, Geschicklichkeit oder Kampfeslust. Die beiden Künstler Alex Deutinger und Alexander Gottfarb geben später in einer in das Festival integrierten Workshopreihe Einblick in ihre Stückentwicklung.

Casarotto denkt sein „BMotion“ breit. Schließlich ist auch sein Festival immer wieder mit Kürzungen konfrontiert, die er durch geschickte Kooperationen abzufangen sucht. Für den Tanznachwuchs entwickelt er ein sehr preiswertes Kombiangebot aus Workshops und Performances. Die Leitung europäischer Tanzhäuser lädt er zu einem Treffen über Historie und Zukunft dieser vergleichsweise jungen Institutionen. Die Beteiligten des brandneuen EU-Projekts „Dancing Museums“ treffen sich zu einer strategischen Sitzung. Tanzpädagogisch kann man sich in „Dance for Health and Alzheimer“ weiterbilden. Die Öffentlichkeit wird dabei nicht gescheut. Täglich leitet der ehemalige niederländische Ballettmeister Andrew Greenwood um 10 Uhr ein einstündiges Workout im Garten des Stadtmuseums für interessierte Menschen mit und ohne Beeinträchtigung.

Dass Beeinträchtigungen nicht bloß Schicksal sind, sondern häufig von Menschen verursacht werden, thematisiert Sarah Revoltella in „lo combatto“. Sachlich erklärt sie in ihrer Performance am Piazza Garibaldi die technischen Daten und Einsatzgebiete von zehn weltweit verbreiteten Handfeuerwaffen, darunter eine M4, eine Kalaschnikow und eine Glock. Dann wirft sie die Attrappen aus schwarzer Keramik vom Rathausbalkon und pflanzt die größten Scherben in den Rasen des Stadtmuseums. Kultur und Frieden gilt es aktuell mehr denn je zu verteidigen.

Veröffentlicht am 26.08.2015, von Ingrid Türk-Chlapek in Homepage, Kritiken 2014/2015

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Kommentare zu "Kultur verteidigen"



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