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Hamburg

KLASSIKER DER AVANTGARDE

Das Ballet de Lorraine aus Nancy beim Sommerfestival auf Kampnagel



Eine zeitgenössische Choreografie mit „Devoted“ von Cecilia Bengolea und François Chaignaud aus Paris und zwei Klassiker, nämlich „Sounddance“ von Merce Cunningham aus 1975 und Billy Forsythes „Duo“ aus 1996.


  • Ballet de Lorraine: "Sounddance" von Merce Cunningham Foto © Laurent Philippe
  • Ballet de Lorraine: "Sounddance" von Merce Cunningham Foto © Laurent Philippe
  • Ballet de Lorraine: "DUO" von William Forsythe Foto © Arno Paul
  • Ballet de Lorraine: „Devoted“ von Cecilia Bengolea und François Chaignaud Foto © Arno Paul
  • Ballet de Lorraine: „Devoted“ von Cecilia Bengolea und François Chaignaud Foto © Arno Paul
  • Ballet de Lorraine: „Devoted“ von Cecilia Bengolea und François Chaignaud Foto © Arno Paul

Es ist ja ein Widerspruch in sich, bei Avantgarde-Kunstwerken von „Klassikern“ zu sprechen. Und doch kommt man nicht umhin bei diesen Meisterwerken, die das Ballet de Lorraine jetzt bei seinem Gastspiel anlässlich des Sommerfestivals auf Kampnagel im Gepäck hatte: Preziosen wie „Sounddance“ von Merce Cunningham aus 1975 und Billy Forsythes „DUO“ aus 1996, von Festivalleiter András Siebold im Programm vollmundig im Stil der Radio-Jingles angekündigt: „Es wird ein wahrer Ballettsommer mit den größten Tanzavantgarde-Hits der 70er, 80er, 90er und dem Besten von heute.“ Nun ja. Für diese Art der opulenten Programmgestaltung in Sachen Tanz ist die Kampnagel-Crew nun nicht gerade bekannt. Aber es ist zweifellos ein Verdienst, ausgerechnet diese Kompanie mit ausgerechnet diesen Stücken nach Hamburg geholt zu haben – es sind selten gezeigte Werke. Und man kann sie eigentlich nicht oft genug sehen.

Den Anfang machte jedoch ein knapp halbstündiges zeitgenössisches Stück: „DEVOTED“ von Cecilia Bengolea und François Chaignaud aus Paris, die im Herbst erstmals für das Tanztheater Wuppertal choreografieren werden. Kurioserweise ist es das klassischste unter den drei Werken, und für die auf Spitze tanzenden neun Ballerinen wurde eigens ein Schwingboden gelegt. In flaschengrünen Trikots, jede anders geschminkt und mit individuellen Accessoires versehen (Schleife rechts, links, auf der Schulter, am Bein ...), kreiseln sie in nicht enden wollenden Chenées über die Bühne, hierhin, dorthin, vor und zurück, frontal und diagonal. Zwischendurch werden Grand jetés gesprungen und Battements geschlagen und was es sonst noch so an Zitaten aus Exercices einzubauen gibt. Das ist höchst abwechslungsreich und fein anzusehen und passt auch bestens zu der Minimal Music von Philip Glass. Der Mittelteil ist getragen von zeitlupenhaften Bewegungsfolgen, und eine der Tänzerinnen vollbringt ein wahres Kunststück, als sie gefühlte 20 Minuten lang (fünf oder sieben waren es bestimmt!) mit gebeugten Knien in der vierten Position auf Spitze stehen bleibt, die Hände mit ausgestreckten Armen über dem Kopf zusammengelegt. Schade, dass es davon kein Foto gibt! Zum Schluss hin steigert sich das Tempo, die Bewegungen werden individueller, dynamischer, raumgreifender und akrobatischer, es gibt Spagat in allen Variationen, mit und ohne Kopfstand, bis alles wieder im nimmermüden Kreiseln mündet.

Nach einer 20-minütigen Umbaupause (der Schwingboden muss demontiert werden) dann ein zeitlos avantgardistisches Stück: DUO, von William Forsythe 1996 für zwei Tänzerinnen oder zwei Tänzer zu sehr sparsamer Musik von Thom Willems choreografiert (das Piano spielt für das Publikum unsichtbar in der Gasse, der Rest kommt vom Band). In dieser Vorstellung tanzten es Phanuel Erdmann und Yoann Rifosta, und es gelang ihnen großartig, die Forsythe’schen Raffinessen zur Geltung zu bringen. Man möchte gar nicht aufhören zuzuschauen.

Nicht weniger in Bann schlagend dann das älteste der avantgardistischen Werke an diesem Abend: Merce Cunninghams „Sounddance“. Nomen est omen: Getanzt wurde zu der voluminösen Geräuschkulisse von David Tudor. Und Merce Cunningham, dieser Meister der Reduktion, des Verdichtens und des Verschachtelns von Bewegungen, lehrt alle das Staunen. Der barock geraffte güldene Vorhang im Hintergrund steht in wunderbarem Kontrast zu den schlichten Kostümen der zehn Tänzerinnen und Tänzer. Und wie immer bei Merce Cunningham, so ging es auch hier um die Bewegung an sich, die Bewegung im Raum, und um den Stillstand. Um den Gegensatz zwischen beidem – in Bezug auf den Einzelnen, auf mehrere, auf Gruppen.

Reine Bewegung sei das allerdings nicht, so sagte Cunningham mir einst in einem Interview 1990 in Paris: „Reine Bewegung, die nicht irgendetwas Bestimmtest aussagt – das ist nicht das, was ich mache. Da ist immer ein Ausdruck mit drin. Aber welcher, das müssen Sie als Zuschauer selbst sehen. Ich bin nicht dazu da, Ihnen zu sagen, was Sie fühlen sollen. Ich präsentiere Ihnen diese Situation mit der Musik und dem Tanz und der Szenerie, so dass alle zusammenwirken und gemeinsam etwas Weiteres zustande bringen.“ Das Wichtigste sei, „zu tun, was man will, unter welchen Schwierigkeiten auch immer. Zu zeigen, was man zu zeigen hat, unabhängig davon, ob der Ort dafür geeignet ist oder nicht. Tanz muss gesehen werden, egal, ob von vielen oder von wenigen Menschen. Du als Tänzer und Choreograf musst dafür sorgen, dass dein Werk gesehen wird, unter allen Umständen. Das ist nie leicht.“ Wie schön, dass es jetzt so leicht war, dieses Stück jetzt in Hamburg zu sehen.

Veröffentlicht am 24.08.2015, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2014/2015

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