KRITIKEN 2014/2015



Wien

TANZ, DER WIE NEBENHER ENTSTEHT

Rita Vilhena mit ihrer Produktion „Emergency Plan“ im Rahmen der [8:tension] Young Choreographers' Series von ImPulsTanz



Das Interesse am Gemeinschaftlichen und an den Ritualen, die wir Zuschauer vor Ort nicht mehr haben, nie noch hatten, die müssen wir uns zeigen lassen, wie woanders die Menschen so ganz in Berührung leben, mit sich und mit den anderen und der Natur.


  • „Emergency Plan“ von Rita Vilhena Foto © Pepijn Lutgerink
  • „Emergency Plan“ von Rita Vilhena Foto © Katazyrna Zolich
  • „Emergency Plan“ von Rita Vilhena Foto © Katazyrna Zolich

von Theresa Luise Gindlstrasser

In den Hofstallungen des mumok (museum moderner kunst stiftung ludwig wien), einem Raum ohne Bühne, an dessen Wänden Marmornischen das Fehlen von irgendetwas suggerieren und an dessen Decke ein Gemälde von Otto Zitko schwarzen Wirrwarr zeigt, dort in diesem Raum präsentierte Rita Vilhena ihre Produktion „Emergency Plan“ im Rahmen der [8:tension] Young Choreographers' Series von ImPulsTanz. Die portugiesische Choreografin ist mit vier weiteren Performenden auf der Bühne. Aber, es gibt ja keine Bühne. Es gibt einen Raum, in dem wir alle uns befinden. Und bevor wir in dem Raum sind, stehen wir draußen davor und sehen einem Performer beim T-Shirt-Falten zu. Dann reibt er die dergestalt entstandene Rolle an der Hausmauer entlang. Weiße Fussel bleiben dort hängen, während die Besucher in den Raum hinein drängen.

Dort finden sich Gebilde aus Gymnastikbällen, auf denen man sitzt, es gibt Tee, der viel zu heiß ist und einen Haufen dringlich duftendes Sandelholz. Die fünf DarstellerInnen verdrecken damit den Raum, werfen alles rund um sich in die Luft und überall liegt der Duft. Und der Staub. Es gibt kurze Intermezzi zwischen den Fünfen und dem Publikum, kleine intime Gespräche gibt es auch. Dann später eine Konversation übers Mikrophon darüber, was ist schön und was nicht und was Schmerz bedeutet. Die Atmosphäre ist gut, die Luft ist ganz heiß und natürlich amalgamieren die offene Bühnensituation und die Geruchsinstallation in ein gemeinschaftliches Erleben dieser Performance.

Das Interesse am Gemeinschaftlichen und an den Ritualen, die wir Zuschauer vor Ort nicht mehr haben, nie noch hatten, die müssen wir uns zeigen lassen, wie woanders die Menschen so ganz in Berührung leben, mit sich und mit den anderen und der Natur. Fünf Freunde in bunten Turnschuhen treiben uns die Geister aus. Und ein richtig glorioses Duo zwischen Zweien, nämlich Gaetan Rusquet und Thomas Proksch gibt es auch: Die führen sich nicht an der Nase, sondern mit dem Mund herum. Und immer will der eine an den anderen herankommen, während der andere schamlos mit dem so schutzlos anderen Körper hantiert. Das ist Tanz, als wenn er nur so nebenher den Beiden widerfahren würde, wow!

Veröffentlicht am 10.08.2015, von Gastbeitrag in Kritiken 2014/2015

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Kommentare zu "Tanz, der wie nebenher entsteht"



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