HOMEPAGE



Berlin

HOLD IT, PLEASE!

'Situationen' von Tino Sehgal



Tino Sehgals Werkschau im Martin-Gropius-Bau


  • Tino Sehgal Foto © Mathias Völzke

Mit dem Wissen, dass sich das eigene Sehvermögen an die Dunkelheit gewöhnt und mit der Zeit diesen Raum mitsamt seines Inhalts offenbaren wird, taste ich mich geduldig und vorsichtig voran. Schließlich zeichnen sich zwei Menschen am Boden liegend ab, die sich beständig erneut ineinander verwirren. Vermutlich nackt und gewiss küssend.

10:30 Uhr Martin-Gropius-Bau, Berlin: Vereinzelt haben sich ein paar BesucherInnen auf den Treppen zum Lichthof niedergelassen und folgen mit ihren Blicken den beiden Performenden in der Mitte des Saals. Eine Frau und ein Mann in Alltagskleidung verändern in unaufhörlicher Langsamkeit ihre Positionen, versinken ineinander, ein Kuss, umarmen sich wieder, stehen auf, sitzen, ein zweiter Kuss. Die BesucherInnen gewähren den beiden sehr viel Raum – Bühnenraum – als würde ein imaginierter Zirkel um jene Situation einen Radius zur Distanzwahrung abstecken.

Eine andere Situation heißt die Personen mit ihrem Eintreten willkommen: „Welcome to this Situation“. Im gleichen Zuge verändern die vermeintlich Involvierten im Uhrzeigersinn ihre Position im Raum, laufen dabei rückwärts. Die Situation ist beengt, viele der MuseumsbesucherInnen bleiben als Zaungäste gleich im Türrahmen stehen, einige schieben sich versucht unauffällig durch den temporär installierten 'Situation Room' und finden in einer Ecke Platz zum Sitzen. Hier wird diskutiert – über 'westliches' Konsumverhalten am Beispiel der Nachhaltigkeit eines Flachbildschirms im Unterschied zum früheren Röhrenmodell. Oder wie verwundbar im Grunde 'unsere' Versorgungssysteme in Anbetracht der Möglichkeit von terroristischen Interventionen sind. Schnell vermittelt sich ein vermeintliches Muster: Mangelt es der Diskussion an Dynamik, begrüßen die Performenden die nächste Person, die den Raum betritt mit der Formel „Welcome to this Situation“ und ein Themenwechsel folgt.

Das küssende Paar aus dem Lichthof ist nun verschwunden und stattdessen sitzen da zwei weitere Performerinnen. Mit Klack-, Summ- und Schnalzgeräuschen etablieren die beiden einen Rhythmus und einen immensen Klangraum, zu dem und in dem sie sich abwechselnd bewegen. Zunehmend verfallen sie in harmonischen Satzgesang. Einen zeitweilig dramaturgischen Höhepunkt markiert der Moment, in dem sich nach und nach alle PerformerInnen im Lichthof sammeln und im gleichen Zuge den Klangraum akustisch erweitern. Sie liegen, stehen, sitzen und installieren 'schließlich' auf einer der Treppen des Lichthofs eine Art Tableau Vivant. Ein Moment des Innehaltens, des Nachhalls, ein Höhepunkt, der sich im Anschluss in die jeweiligen 'Ausstellungsräume' erneut vereinzelt.

Tino Sehgals choreografierte Situationen erschließen sich - und das wird mit einiger Zeit klar – nicht als lebendige Installationen, die von den BesucherInnen beliebig begangen werden können. Sicher werden hier Momente oder besser Situationen installiert, jedoch entgleiten sie dem Versuch der betrachtenden bzw. erfahrenden Vereinnahmung. Man wird diesen Situationen nie vollends gewahr, die irgendwo ihren Anfang und dann auch wieder ihr Ende nehmen, sich miteinander verbinden und vereinzeln. Situationen, die Wege und Aufmerksamkeit lenken und zerstreuen, Hemmungen schüren und alsbald fallen lassen. Nicht nur wird man ihnen nicht gewahr, sie vereinnahmen selbst und so beginnen einige PerformerInnen im Dunkel eines weiteren Raumes zu umarmen.

Vielmehr als Fragen um Materialität oder Flüchtigkeit und damit auch kapitalistische Verwertungskreisläufe, die die Diskussion um performative Arbeiten im räumlichen Kontext der bildenden Kunst bereits seit den 1960ern dominieren und allmählich ermüden, ermöglichen jene installierten Situationen im Martin-Gropius-Bau vor allem ein Erfahren und Beobachten von verschieden organisierten Wahrnehmungsmodi und damit Zugängen zur Kunst – ganz gleich welcher Trägermaterialität. Zugänge und Verhaltenskodexe werden strapaziert. Spannend zugleich zu beobachten, dass die BesucherInnen das Museum betreten und zumeist in den Modus eines Theaterpublikums verfallen, und schließlich doch wieder herausfallen, indem sie sich zunehmend selbst als Publikum thematisieren und andere BesucherInnen in ihren Bewegungen beobachten. Es gibt keinen Mindestabstand der zu wahren wäre, kein Berührungsverbot und auch keinen abgesteckten Bühnenraum und doch werden vermeintliche Grenzen selten ausgereizt. Jedoch birgt jeder Moment zumindest die Möglichkeit all dieser Interventionen. Jene Schwebezustände konfrontieren zeitweilig mit der inneren Sehnsucht „Hold it, please“, für einen Augenblick. Es sind nachhaltige Augenblicke von beeindruckender Dauer, die im Martin-Gropius-Bau in Form von fünf (einhalb) Situationen gezeigt werden. Darunter Situationen wie „The Kiss“ (2007), „This Situation“ (2007) oder „This Variation“ (2012). Im Grunde braucht es diese Information jedoch nicht, um sich einen Zugang, einen eigenen Zugang, zur Erfahrung dieser Arbeiten zu bahnen – genauso wenig, wie das Wissen um die künstlerische Intention Tino Sehgals oder die philosophie- bzw. kunstgeschichtlichen Diskurse, auf denen einige Situationen mitunter zitatförmig referieren.

„Tino Sehgal“ ist noch bis zum 08.08.2015 im Martin-Gropius-Bau zu erleben.

Veröffentlicht am 04.08.2015, von Maria Katharina Schmidt in Homepage, Kritiken 2014/2015

Dieser Artikel wurde 3147 mal angesehen.



Kommentare zu "Hold it, please! "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    HIER WIRD DIE KUNST AUFGEFÜHRT

    Tino Sehgals Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart

    Für fünf Wochen führen neun Akteure alte und neue choreografische Arbeiten auf, die sich aus Tanz, Gesang und sozialer Interaktion ergeben und vom Künstler selbst als „konstruierte Situationen“ beschrieben werden.

    Veröffentlicht am 25.06.2018, von Katharina de Andrade Ruiz


    DREI NACKTE FÜR TINO SEHGAL

    "(Ohne Titel)" bei der Ruhrtriennale

    Dies ist keine Premierenkritik, sondern ein Erlebnisbericht; denn Tino Sehgal besteht darauf, dass sein Werk in keiner Form dokumentiert, sondern ausschließlich erlebt werden soll.

    Veröffentlicht am 31.08.2014, von Marieluise Jeitschko


    BLEIBENDE ERINNERUNG

    Ein Blog zur Tanzplattform 2014

    Am letzten Tag der Tanzplattform, schon etwas verausgabt von den Anstrengungen der letzten Tage, stand für mich noch Tino Sehgals Arbeit mit Frank Willens, Andrew Hardwidge und Boris Charmatz an.

    Veröffentlicht am 03.03.2014, von Gastbeitrag


    JURY WÄHLTE ZWÖLF HERAUSRAGENDE PRODUKTIONEN FÜR TANZPLATTFORM 2014

    Vom 27. Februar bis 2. März 2014 findet auf Kampnagel die Tanzplattform Deutschland statt.

    Gezeigt werden aktuelle Arbeiten von The Forsythe Company, Tino Sehgal, Raimund Hoghe, VA Wölfl, Meg Stuart, Laurent Chétouane, Antonia Baehr, Richard Siegal, Sebastian Matthias, Isabelle Schad, Zufit Simon und Swoosh Lieu.

    Veröffentlicht am 25.10.2013, von Pressetext


    DAS BIZARRE EIGENLEBEN MÄNNLICHER WEICHTEILE

    Ein Zuschauer-Blog zu "(Sans titre) (2000)" von Tino Sehgal

    Eindrücke junger Zuschauer zur Vorstellung bei Tanz in Bern

    Veröffentlicht am 24.10.2013, von Gastbeitrag


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    BALLETTDIREKTOR DER PARISER OPER BENJAMIN MILLEPIED CHOREOGRAPHIERT „DER NUSSKNACKER“ AM BALLETT DORTMUND

    Premiere am Sonntag, 18. Oktober 2015, im Opernhaus Dortmund
    Veröffentlicht am 26.09.2015, von Pressetext


    DIE WELT IN UNSEREM KOPF

    Die Filminstallation „Tom“ von Wilkie Branson bei der Biennale Danza in Venedig 2021
    Veröffentlicht am 01.08.2021, von Gastbeitrag


    IDEAL

    Fotoblog von Dieter Hartwig
    Veröffentlicht am 01.08.2021, von Dieter Hartwig



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    LEAP#4 TANZVERMITTLUNG

    Masterclass und Labor zu aktuellen künstlerischen Positionen in der Tanzvermittlung

    In der LEAP Masterclass können Tanzschaffende und Akteur*innen der Tanzvermittlung und der Kulturellen Bildung ihr Spektrum an künstlerischen Arbeitsweisen für das eigene Arbeitsfeld erweitern. In zwei parallel stattfindenden Masterclasses geben die Choreograf*innen Jenny Beyer und Stephanie Thiersch vom 10. – 14. August 2021 an der Akademie der Kulturellen Bildung in Remscheid Einblicke in ihre künstlerische Praxis.

    Veröffentlicht am 07.06.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    “IN DANCING WE NEED TO DEVELOP THE HEART AND THE HEAD"

    An interview with Primaballerina assoluta Violette Verdy

    Veröffentlicht am 12.09.2012, von Annette Bopp


    TRAGISCHER VERLUST FÜR DIE TANZWELT

    Colleen Scott unerwartet verstorben

    Veröffentlicht am 10.05.2021, von tanznetz.de Redaktion


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    DIE WELT IN UNSEREM KOPF

    Die Filminstallation „Tom“ von Wilkie Branson bei der Biennale Danza in Venedig 2021

    Veröffentlicht am 01.08.2021, von Gastbeitrag


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP