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Wien

FÜHLE! BITTE FÜHL‘ DOCH IRGENDWAS!

„Personal Symphonic Moment“ bei ImPulsTanz in Wien



Die finnische Choreografin Elina Pirinen bespielt mit „Personal Symphonic Moment“ die 7. Symphonie von Schostakowitsch


  • Foto © Timo Wright
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Von Theresa Luise Gindlgasser

Die 7. Symphonie von Schostakowitsch, genannt die Leningrader Symphonie, geht los; es ist laut, es ist heiß und vor allem bleibt es beunruhigend lang finster. Die Hitze im Raum und diese ruh- und rastlose Musik, das beißt sich mit der verordneten optischen Zurückhaltung. Bis dann – endlich! – ganze 18 Scheinwerfer von oben herab den Bühnenboden mehr und mehr erleuchten und so auch die Nebelschwaden sichtbar machen, die wahrscheinlich schon viel länger durch den Raum gewabert sind. Auch die drei Performerinnen, ganz in gelb, türkis bzw. rosa gekleidet, werden sichtbar. Die drei gehen mit nach hinten geworfenen Köpfen nach vorne, öffnen Farbbeutel und beginnen die schönen, langen, blonden Haare mit Farbe gegen das Gesicht zu kleben.

Die finnische Choreografin Elina Pirinen bespielt mit „Personal Symphonic Moment“ die ganze 7. Symphonie. Bei ImPulsTanz wurde die Vorstellung im Odeon in Wien gezeigt. Die Musik von Schostakowitsch ist ein Rahmen, der am Anfang und am Ende der Performance für sich wirken soll. Diese Musik gibt auch für Szenen aus der ‚Ecke Photoshop‘ den Ausgangspunkt ab. Während am Anfang noch die hilflosen, wirren Körper der Performerinnen im Vordergrund des Geschehens stehen und sich dabei eine Stimmung von ratlos schöner Isolation einstellt, rücken mit dem Voranschreiten der Zeit allerlei andere Einfälle in den Fokus der Wahrnehmung. Ausgehend von diesem Alleinsein und der Abschirmung durch ihr Haupthaar werden die Performerinnen zu Kindern, die einander an den Haaren ziehen, in ein anderes Gesicht hinein schlagen, um zu sehen, was wohl dann passiert. Sie zeigen sich den Busen sowie den Po und fangen dann an, auf der Bühne eine Bong zu rauchen.

Random. Zufällig stehen die Textfragmente über Liebe, Nietzsche und Komposition nebeneinander. Random. So stehen auch die Requisiten beliebig auf der Bühne nebeneinander. Ein Becken mit Eiswürfeln, ein Auto, drei Blumen und noch anderer Kram, der auch mal ins Publikum geworfen wird. Das alles wird verschwenderisch ausgebreitet, die Bühne versaut, was aber nie lustvollen Genuss bedeutet. Immer bleibt die Isolation der drei Performerinnen bestehen. Es wirkt mehr wie ein Zwang, ein Bild dieser Gesellschaft, wie es der Kulturpessimismus immer gerne malt. Zusammenhangslose, fragmentarische Postmoderne versehen mit verkürzten Zitaten und Verweisen. Random also die hübschen Bilder und die koketten Texte. Und zynisch die Selbstreflexion des eigenen Handelns: „Big emotions are not fashion anymore.“

Aber natürlich geht es trotzdem und vor allem um diese großen Emotionen – Stichwort Leningrader Symphonie –, die sollen unter der Hand ja doch entstehen, weswegen am Ende noch sieben unschuldige, junge Mädchen auf die Bühne kommen, die vom Mond, der aufgegangen ist, singen. Deswegen wird ganz am Ende eine Art Erlösungstanz gemacht und dann am Schluss wirklich nur mehr noch mit majestätischen Lichteffekten gespielt. Wir wissen, dass große Emotionen heute nicht mehr funktionieren. Wir hoffen, dass sie dennoch auftreten, wenn wir sagen, wir wissen, dass große Emotionen heute nicht mehr funktionieren. Alles das: eine große Photoshop-Schablonen-Kritik an der Postmoderne.

Veröffentlicht am 23.07.2015, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2014/2015

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Kommentare zu "Fühle! Bitte fühl‘ doch irgendwas!"



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