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REGENSBURG VOM FEINSTEN

Pick bloggt über "Gefangen im tRraum / Bernarda Alba" von Stephan Thoss und Yuki Mori in Regensburg



Ein Zweiteiler, der mit Gewalt auf einen Nenner gebracht wird, dadurch dass er großes Theater verspricht und in gewisser Weise auch hält.


  • GEFANGEN IM tRAUM: Simone Elliott, Harumi Takeuchi, Sadagyul Mamedova Foto © Bettina Stoess
  • GEFANGEN IM tRAUM: Riccardo Zandonà, Simonefrederick Scachhetti (c) Bettina Stoess Foto © Bettina Stoess
  • GEFANGEN IM tRAUM: Sadagyul Mamedova, Riccardo Zandonà (c) Bettina Stoess Foto © Bettina Stoess
  • BERNARDA ALBA: Yosuke Kusano, Simonefrederick Scacchetti, Pauline Torzuoli, Riccardo Zandonà, Fabian Moreira Costa, Sadagyul Mamedova Foto © Bettina Stoess
  • BERNARDA ALBA: Sadagyul Mamedova, Laia Garcia Fernandez, Simone Elliott, Harumi Takeuchi, Pauline Torzuoli Foto © Bettina Stoess

Yuki Mori, der Chef der Tanzkompanie hat sich einen großen Namen mit Stephan Thoss gesichert, der eine Kreation beisteuert, ehe er wieder in Mannheim eine eigene Kompanie haben wird.

Da sie sich gut kennen und Stephan ihm immer wieder Gelegenheit gab, in Hannover und in Wiesbaden, sich als Choreograf auszuprobieren, kam nun eine Einladung zurück. Und wenn ich das richtig sehe, hat der “Junge Choreograf“, den Meister inzwischen überflügelt, was die Begabung angeht Charaktere zu zeichnen und ihre Gefühle und Regungen zu zeigen, also bei dem, was Theater im Tanz bedeutet.

Thoss überrascht mit einem Titel “Gefangen im tRaum“ und zum Großteil mit einer wunderbar widerborstigen Musik, mit Streichquartette von Bryce Dessner. “Gefangen im tRaum“ wird in einem traumhaften Bühnenbild getanzt, einem idealen Raum auf der Drehbühne, mit u.a. einem gemalten Treppenhaus und dann ein Zimmer mit schwebenden Möbeln. Leider ist das Stück keins und will es auch gar nicht werden, sondern es sind Episoden von Menschen in interessanten Kostümen, die nicht wirklich eine Entwicklung haben und uns so etwas wie Schrecken eines Alptraums anbieten oder andere im Traum stattfindende Verarbeitung dessen, was wir über Tag so erlebt haben. Natürlich kann wer will alles hineingeheimnissen, aber der Choreograf ist so mit seinen Erfindungen beschäftigt, was zum Wohl seines Handwerks ist, dass er ohne Zweifel aus dem ff beherrscht und das auch tatsächlich manche Überraschung bereit hält, auch solche, die ich langsam für unmöglich halte, denn wir haben schließlich nur zwei Arme und Beine. Aber zwei Menschen zusammen haben doch entsprechend mehr und das ergibt tatsächlich neue unerwartete Skulpturen in Aktion. Wenn die von mir so gut aufgenommene Streichermusik, die übrigens live gespielt wurde, beendet ist, wird über Tonträger dann leider eine ziemlich kitschige popartige Tonkollage eingespielt, die mir dann die Hoffnung auf einen überraschenden, vielleicht auch sinnlosen Coup de Theatre nicht mehr möglich machte und wohl auch nicht vorgesehen war. Der Choreograf lässt uns, wie beim Aufwachen nach einer schlechten Nacht, allein mit der Aufarbeitung zu freundlichen Klängen.

Der zweite und viel längere Teil des Abends, ohne sagen zu wollen, dass er lang schien, sondern eher umgekehrt, war ein spannendes Theater um fünf unbefriedigte nach Erfüllung ihrer körperlichen und sonstigen Sehnsüchte sehnende junge Frauen. Das kreisförmige Bühnenbild ist mit Thonet-Stühlen möbliert, die zu unterschiedlichen Formen zusammen gestellt werden, es gibt eine Treppe zur unerreichbaren Freiheit, Abend- oder Brautkleider, die wie Lampenschirme unter dem Schnürboden aufgehängt sind, die kurz fassbar werden, und doch wieder unerreichbar entschwinden, dafür aber hebt sich der engende Kreis nach oben und erlaubt scheinbar neue Perspektiven.

Dieses Vorspiel wird beendet durch den Auftritt der Titelfigur eines Mannweibs, Bernarda Alba, getanzt, erfüllt von Alessio Burani, einem gutaussehenden Italiener mit alles und alle beherrschender Bewegungsqualität, nur die Frau in diesem Mann lässt er nicht zum Zuge kommen. Das liegt zum großen Teil an der Aufmachung, denn das Kostüm besteht aus einem einseitigen Rock, während die andere Seite eine schwarze Hose freigibt. Für die weibliche Seite hat er keine Chance, weil man sein schmales Gesicht eines Südländers mit kurz geschnittenem Haar total privat lässt. Er müsste die Frau spielen, was sofort ins Tuntige abrutschen würde, das ist ausweglos.

Wenn ich mich jetzt auf die Schwächen einschieße, hat das nur damit zu tun, dass ich vermisse, dass jemand, z.B. ein Dramaturg, Yuki die Mentalität im Vorkriegs-Spanien erklärt hätte, unter der Lorca zutiefst gelitten hat. Schließlich ist die Situation im Haus der Bernarda auch ohne Religionsfanatismus, hier der Katholizismus ( heute wieder viel bedrückender, wenn auch weniger im Christentum ) nur schwer zu vermitteln. Es ist ihm trotzdem zu einem gewissen Grad gelungen, wenn auch nicht wirklich verständlich wird, warum diese frustrierte Witwe so mit ihren Töchtern umgeht. Die Töchter träumen sich zum Glück für das Verständnis ihrer Beengtheit schließlich Männer in weißen Flamenco-Hosen herbei. Diese Hosen sind allerdings so schlecht geschnitten, dass der Schritt fast am Knie hängt und nur weggesperrte Frauen das selbst im Traum noch übersehen. Ich werde jetzt nicht weiter ins Detail gehen, sondern noch einen Abstecher zur Musik machen. Yuki hat sich wohlbekannte Violinkonzerte von Philip Glass ausgesucht, wovon ich gedacht hätte, dass diese Musik nicht dramatisch und widersprüchlich genug sei, aber in dieser Version, die auch nur bedingt dramatisch endet, was mich nicht einmal frustriert hat, passt sie.

Die Regensburger Philharmonie unter der Leitung von Tom Woods unterstützt das Bühnengeschehen ideal. Alles in Allem ein sehr positiver Abend, dessen Fazit ist, dass Flucht in Träume nicht alle Unstimmigkeiten entschuldigen kann.

Veröffentlicht am 17.07.2015, von Günter Pick in Blogs

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