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Stuttgart

KAPUTTE STRUMPFHOSEN UND SCHLIMMERE PEINLICHKEITEN

Gauthier Dance mit „Kamuyot“ und Gallim Dance mit „Blush“ beim COLOURS Festival in Stuttgart



Ein schlauer, familienfreundlicher Auftakt des COLOURS Tanzfestivals, das zurzeit die Bühnen des Stuttgarter Tanzhauses mit den unterschiedlichsten Facetten von internationalem Tanz füllt.


  • Gauthier Dance mit „Kamuyot“ von Ohad Naharin Foto © Regina Brocke
  • Gauthier Dance mit „Kamuyot“ von Ohad Naharin Foto © Regina Brocke
  • Gauthier Dance mit „Kamuyot“ von Ohad Naharin Foto © Regina Brocke
  • Gallim Dance mit „Blush“ Foto © Franziska Strauss
  • Gallim Dance mit „Blush“ Foto © Franziska Strauss

So hätte Pippi Langstrumpf gern Party gemacht: Mit den außer Rand und Band geratenen Mitgliedern von Gauthier Dance, die in verlotterten Schuluniformen (Schottenkarohosen bzw. –röckchen mit bunten zerrissenen Netzstrumpfhosen) den Tanzboden stürmten. Der zierte in diesem Fall keine Bühne, sondern den Hallenboden einer Turnhalle, und zur Beleuchtung musste das Tageslicht reichen. Das Publikum, an allen vier Seiten um die Tanzfläche gruppiert, durfte auch mal mitmachen. Es ist ein schlauer, familienfreundlicher Auftakt für die unterschiedlichen Programmpunkte des COLOURS Tanzfestivals, das zurzeit die Bühnen des Stuttgarter Tanzhauses mit den unterschiedlichsten Facetten von internationalem Tanz füllt. „Kamuyoto“ ist eines der vielen Erfolgsstücke von Ohad Naharin, der für dieses spritzige Tanzvergnügen einfach zwei Choreografien zusammenmixte, unter Auslassung von allzu viel Tiefsinn. Getragen wird der 50-Minuten-Spaß von der besonderen Bewegungsenergie, die das „Gaga“-Training freisetzt.

Ohad Naharin hat es für die Batsheva Dance Company erfunden auch die Tänzer von Gauthier Dance haben mit sichtbarem Erfolg „Gaga“ geprobt. Aber sie haben, natürlich, auch Grund zum Feiern: Welche noch nicht einmal zehn Jahre alte Company kann denn auf eine solche Erfolgsgeschichte zurückblicken (Faustpreis!) und als Gastgeber für ein internationales Tanzfestival agieren, wie es in Stuttgart schon lange keines mehr gegeben hat? Eric Gauthier, einst charismatischer Solist des Stuttgarter Balletts, hat den Sprung in die Selbstständigkeit genauso reibungslos und elegant gemeistert wie die hohen Sprünge in seiner Bühnenkarriere. Die Realisierung eines Tanzfestivals, wie es in Stuttgart schon lange keines mehr gab, mit einem äußerst ehrgeizigen Programm (alles Ur- oder Erstaufführungen), beweist einmal mehr, dass die Schwaben durchaus nicht nur sparen können, sondern auch den Geldbeutel mal großzügig öffnen.

Eingeladen hat Eric Gauthier zu seinem Festival durchweg Produktionen, die der großen Spielwiese des zeitgenössischen Tanzes eine eigene Färbung hinzufügen: zum Beispiel die beiden Truppen von Nederlands Dans Theater oder Marie Chouinard mit ihrer Compagnie, die sogar eine Welturaufführung beisteuert – wie auch Sharon Eyal und Gai Behar. Die beiden Israelis, die derzeit von Festival zu Festival gereicht werden, haben mit ihrer 2013 gegründeten Compagnie L-E-V ein Stück über Liebe in Form einer Zwangsstörung erarbeitet, „OCD Love“.

Sharon Eyal entstammt der Choreografenschmiede Batsheva Dance Company, genau wie Andrea Miller, bevor sie 2007 in New York ihre Company „Gallim Dance“ gründete. In ihrem Stück „Blush“ geht sie einem Bonmot von Mark Twain nach: „Der Mensch ist das einzige Lebewesen das erröten kann. Oder sollte.“ Und wenn es auch viele Gründe für das Erröten gibt – Anstrengung, Aufregung, Zorn, Freude – so sind es doch Verlegenheit und Scham, aus denen die Choreografin den meisten Bewegungsgewinn zieht. Die sechs Akteure in einer Art Wrestling-Ring sind anfangs weiß geschminkt; erst durch Schweiß und Berührungen löst sich die Schminke auf und macht das Erröten sichtbar, das hier ganze Körper ergreift.

Wie Andrea Miller die emotionalen Pannen bei unterschiedlichsten Begegnungen, die Entstehung von peinlichen Situationen bei der Enttäuschung hochfliegender Erwartungen und die Scham über Nicht-Können, Nicht-Dazugehören im weitesten Sinn in Körpersprache umsetzt, das macht aus diesem 60-Minuten-Stück eine spannende Studie über Menschlichkeit und Allzu-Menschlichkeit.

Veröffentlicht am 03.07.2015, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2014/2015

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Kommentare zu "Kaputte Strumpfhosen und schlimmere Peinlichkeiten"



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