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Stuttgart

RAUSCHHAFTE KÖRPERBILDER

Theaterhaus: Tanzfestival „Colours“ eröffnet mit Welt-Uraufführung von Marie Chouinard



„Soft virtuosity, still humid, on the edge“ entfacht wahre Begeisterungsstürme


  • "Soft Virtuosity" Foto © Nicolas Ruel
  • "Soft Virtuosity" Foto © Nicolas Ruel
  • „Henri Michaux: Mouvements“ Foto © Sylvie-Ann Pare
  • „Henri Michaux: Mouvements“ Foto © Sylvie-Ann Pare

Der Auftakt zum Tanzfestival „Colours“ im Theaterhaus kommt einem Fanal für den zeitgenössischen Tanz in der Ballett-Hochburg Stuttgart gleich. Sportiv, bunt und ausgelassen der erste Teil des Abends. In der Sporthalle zeigt sich das hauseigene Ensemble, die Gauthier Dance Company mit „Kamuyot“ in Bestform. Vom Israeli Ohad Naharin ursprünglich für Kinder konzipiert, animiert das verrückt verspielte Stück, zur Musik der Genres Klassik, Reggae und Asia-Pop, auch das Publikum fortgeschrittenen Alters, das gesellig die Tanzfläche auf vier Seiten umrahmt und, sanft an die Hand genommen, in einigen Passagen mitmacht.

Die Compagnie Marie Chouinard bietet nie leichte Kost. Erstaunlich, mit welch vehementem Beifall das Stuttgarter Publikum die widerständige Ballettästhetik der kanadischen Choreografin willkommen heißt. Die Welt-Uraufführung von „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ – die ebenso gut im Berlin, Wien oder Mailand hätte stattfinden können und Dank eines neuen Dreamteams, dem künstlerischen Leitungsduo Eric Gauthier und Meinrad Huber nun in Stuttgart Tanzgeschichte schreibt – sowie die Deutschlandpremiere von „Henri Michaux: Mouvements“ entfachen wahre Begeisterungsstürme.

Chouinards Tanzsprache, ihr Faible für skurrile Kostüme und sperrige Titel wie „bODY_rEMIX/gOLDBERG_vARIATIONS“ (2005) sind Tanzfans nicht unbekannt; mehrfach war die Truppe in Deutschland zu Gast. Doch anders als im bizarren Goldberg-Stück – in dem Tänzerinnen und Tänzer mittels Krücken oder von Gummibändern eingeschnürt neue Körperbilder kreieren – experimentiert die eigenwillige Exzentrikerin in „Soft virtuosity…“ ohne Prothesen. Abermals sind die Körper aus der Symmetrie gerutscht. Wild entschlossen grimassieren Individuen, die auf leerer Bühne hin und her staksen, humpeln, hinken. Das Tempo steigert sich bis zur Raserei. Schließlich suchen die Akteure in der Spiegelung mit dem Partner eine neue Balance auf einer Scheibe, die sich um sich selbst dreht – einer Insel der Zweisamkeit gleich.

In der Zuwendung zur Gruppe suchen und finden sie Rückhalt. Das sich zeitlupenlangsam fortbewegenden Tableau bildet eine Gesellschaftsmetapher, die in kongenialer Weise von zwei Video-Kameras begleitet, Ausschnitte der Performance, vergrößert und leicht zeitversetzt, auf die weiße Rückwand wirft. Ebenfalls ein Dialog mit Projektionen ist der 30-Minüter „Henri Michaux: Mouvements“ (2011). Im Meskalin-Rausch gekritzelte Zeichen des belgischen Autors, die teils schwungvoll gebogen, teils krakelig skizziert sind und an asiatischen Schriftzeichen erinnern, verkörpern die Tänzer in schneller Folge. Eine spritzige, witzige Groteske, die im Flackern des Strobo-Lichts wild hüpfende, nackte Körper in einem ekstatisch flimmernden Rausch simuliert. Insgesamt ein Auftakt, der es in sich hat.


Info: Das Tanzfestival „Colours“ im Theaterhaus Stuttgart läuft mit täglich wechselndem Programm bis Freitag 12. Juli. www.coloursdancefestival.com

Veröffentlicht am 02.07.2015, von Leonore Welzin in Homepage, Kritiken 2014/2015

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Kommentare zu "Rauschhafte Körperbilder "



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