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Gießen

NICHT ENDEN WOLLENDER APPLAUS

Pick bloggt über Ausstellungen und Vorstellungen bei TanzArt ostwest in Gießen



Wenn man länger nicht in Gießen war, vor allem im Theater, merkt man besonders, wie diese Stadt sich positiv verändert.


  • Gala bei der Tanzart ostwest 2015 Foto © Rolf K. Wegst

Nachdem ich gerade über zwei Ausstellungen von Künstlern, die sich auch in anderen Gefilden betätigt haben, geschrieben habe, möchte ich beim Gießener Tanzfestival auch anfangen mit einer Ausstellung zweier Fotografen, Rolf K. Wegst und Frank Sygusch, die das Gießener Tanzgeschehen seit Jahren begleiten. Sie fand direkt gegenüber dem Portal des liebevoll in Stand gehaltenen Jugendstiltheaters statt. Der eine macht ziemlich großformatige Abzüge seiner Fotos auf Metallplatten, was einen ganz eigenen Reiz hat, weil die Oberfläche meist nicht glatt ist sondern aufgeraut, so dass Effekte durch Licht und Schatten entstehen und man die abgebildeten Personen sogar berühren kann und soll. Der andere bearbeitet seine Fotos mit Farben, die ebenfalls außerordentliche Wirkungen erzeugen, manchmal das originale Foto auch verfremden.

Wenn man länger nicht in Gießen war, vor allem im Theater, merkt man besonders, wie diese Stadt sich positiv verändert. Mit dem Neubau des Rathauses schräg gegenüber dem Theater ist endlich die Schmuddelecke verschwunden. In diesem Gebäudekomplex, das zwar in erster Linie die Stadtverwaltung beheimatet, aber auch die Stadtbibliothek und den Ersatz für die Studiobühne Til, die nun taT heißt und eine Hauptrolle im Festival spielt. Der große Ratssaal im 2. Stock ist zu sehen, wenn man vor dem Restaurant sitzt, dass gut angenommen wird, sodass das Theater in die Stadtmitte gerutscht ist, statt an einer toten Ecke liegt bei McDinsda. Die Tanzkompanie Gießen ist auch in neue Räume gezogen, weil der Alte Schlachthof abgerissen wurde, er hieß wirklich so, was keine Bosheit gegen den Ballettchef war. Natürlich habe ich wieder nur die Hälfte des neuen Tanzabends gesehen, weil es wegen des DB-Streiks mit dem Auto München - Gießen zu einer Tagesreise wurde. Das Gastspiel Bohemia-Balet aus Prag habe ich aber ab 22 Uhr ganz gesehen und auch nicht nur von der Seitenbühne, was im taT gar nicht möglich wäre, denn dort stand zeitweise Jaroslaw Slavitzky beim 1. Stück, der Leiter dieses Jugendballetts, der pantomimisch übersetzte für die, die kein Englisch sprechen oder taub sind. Dies tat er allerdings so präzise, dass ich mir gewünscht hätte, man hätte ihn beim Staatsballett in München engagiert für die verzopfte Ur-Choreographie von "Paquita", dann hätten wir auch dort alles verstanden… Als zweites gab es ein Stück, das dann zwar keinen Übersetzer hatte, aber die schönste Arie von Henry Purcell “When I am laid…“ mindestens ein Dutzend Mal in verschiedenen Verschlimmerungen für einen verzweifelten Mann auf der Bühne herhalten musste, der auch für die Choreografie zeichnet, Robert Przybyl. Das dritte wie das erste Stück zeugt von hohem technischen Standard, ihm liegt ein Subtext aus dem wunderbaren Chaplin-Film “Der große Diktator“ zu Grunde, aber vermittelt hat sich mir das leider nicht. In der Gala traten diese guten Tänzer noch einmal auf mit Recht in einer stimmigen Choreografie von Simon Kuban auf. Sonst waren wieder viele Stadt- und Staatstheater beim Ostwest Dialog vertreten, wenn ich Preise zu vergeben hätte, würde ich “Les Bourgeois“ von Ben van Cauwenbergh mit Denis Untila und seiner eigenen Choreografie “Feeling Good“ für den Publikumspreis vorschlagen. Den Preis für die beste Ensemble-Choreografie an Johannes Wieland für “Science!Fiction!Now!“, ein starkes Stück in jeder Weise. Die nobelsten Tänzer Robert Robinson und Rachele Buriassi in "Äffi“ von Goecke und in einer etwas schwachen Choreografie von Katarzyna Kozielska. Die größte Überraschung: die stärkste Choreografie von Tarek Assam für zwei Superinterpreten Michael Bronczkowski und Alberto Terribile in “Make a Line“, da stimmt einfach alles, wenn man sich traut, die aufeinander loszulassen, obwohl die so harmlos aussehen, beim Applaus!

Meine Zitrone geht an: “ Der Kampf der Geschlechter“ von Stephan Delattre für eine verzweifelt überholte Chorografie aus dem “Ostblock“, den es auch nicht mehr gibt, in unsäglichen Kostümen und einer Beleuchtung, die das alles wettmachen soll. Und zur Versöhnung habe ich noch einen Überraschungspreis für Ralf Dörnen, der so mutig ist, Anna Karenina auf die Bühne zu bringen, mit genau der Atmosphäre, die sich die Zuschauer vorstellen, die den Roman gelesen haben. Und Maja Plissezkaja würde ihn dafür lieben, Gott hab sie selig.

Nicht enden wollender Applaus gibt der Intendantin und ihrem Chefchoreografen, auch dem Land Hessen, das nun mit im Sponsorenboot ist, recht. Auch die Oberbürgermeisterin, denke ich, wird höchst zufrieden sein, was man mit so wenig Geld auf die Bühne stellen kann und dafür bekam sie ein besonderes Präsent, das von mir auch einen Sonderpreis bekommt: Am nächsten Morgen hatte, wer wollte die Gelegenheit, im Ratssaal ein Stück nicht zu genießen, sondern mit heftigen Gemütsschwankungen, wie es bei gutem literarischen Kabarett normal ist, erleben. Felix Dumeril hat für Tanzkompanie Gießen ein herrlich amüsantes, böses Abbild unserer Politiker gemacht, „The idea(l) of order“ - in eben jenem Ratssaal, in dem man sogar die Deckenbeleuchtung färben kann, nur die Farbe Schwarz gibt es nicht mal in Gießen… Das hat manchmal fast Qualitäten vom “Grünen Tisch“, allerdings ist es eine Nummer lustiger und natürlich nicht so streng stilisiert, wie der große Kurt Jooss das gemacht hat, wäre aber ein großartiger Entwurf für einen solchen Welterfolg. Herzlichen Glückwunsch allen, die daran gearbeitet haben und denen, die es ernst genommen haben und eventuell begriffen haben, dass etwas faul ist im Staate.

Veröffentlicht am 12.06.2015, von Günter Pick in Blogs

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Kommentare zu "Nicht enden wollender Applaus"



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