HOMEPAGE



München

DEN ZUSCHAUERN AUF DEN PELZ GERÜCKT

Nach 66 Stunden gingen die "Dancing Days" beim Münchner Dance-Festival zu Ende



Stefan Drehers Tanzmarathon, an dem im Kern acht bis vierzehn Tanzende täglich sechs Stunden zu elektronischen Grooves und Klangformen getanzt haben, gab auch ein aufschlussreiches Beobachtungsforum für Wahrnehmung ab.


  • "Dancing Days" von Stefan Dreher Foto © Michael Scheiner
  • "Dancing Days" von Stefan Dreher Foto © Michael Scheiner
  • "Dancing Days" von Stefan Dreher Foto © Michael Scheiner

Ein schmächtiger, älterer Mann – unter jedem Arm einen Beutel mit Hundefutter – eilt über den gepflasterten Platz. Auf Armlänge vorbei an Tänzerinnen und Tänzern, guckt er weder links noch rechts. Die Tanzenden nimmt er – wenn überhaupt – als Hindernisse wahr, denen es auszuweichen gilt. Einige Schritte weiter sitzen zwei junge Männer im T-Shirt am Rand auf einer halbrunden Bühne und unterhalten sich. Hinter ihnen tanzen fünf etwa Gleichaltrige eine kleine, er-improvisierte Choreografie, die sich sukzessive erweitert, zerdehnt, verändert, zu einer kompakten Figur verdichtet.

Der Tanzmarathon „Dancing Days“ auf dem Celibidacheforum vom Gasteig, an dem im Kern acht bis vierzehn Tanzende täglich sechs Stunden zu elektronischen Grooves und Klangformen im Rahmen der „Dance 2015“ getanzt haben, gab auch ein aufschlussreiches Beobachtungsforum für Wahrnehmung ab. Viele Fußgänger, die von der U-Bahn-Station heraufkommen und in einem Pulk einem Ziel entgegenlaufen, registrieren gar nicht, dass neben Gastronomie, Flaneuren und anderen Fußgängern noch etwas anderes auf dem Platz passiert. Andere bleiben kurz stehen, blicken irritiert und laufen weiter. Es lassen sich aber auch immer wieder Passanten von dem Geschehen um sie herum ansprechen und einfangen. Sie bleiben zwischen den Säulen stehen, setzen sich auf den Rand eines Blumenkübels oder gleich auf den Boden.

Aufmerksam beobachten sie, wie sich das von Choreograf Stefan Dreher zusammengestellte Marathon-Ensemble zusammen mit TänzerInnen aus dem aktuellen Projekt von Mia Lawrence über den Platz bewegen. Wie in größeren Abständen auf einer zweiten, runden Bühne ein Mitglied einen Bewegungsablauf, eine Figur, das Fangen einer Fliege vorgibt und die anderen Mitglieder der Tanzgruppe diese übernehmen. Wie sich daraus eine improvisierte Choreografie herausbildet, wie andere Tanzende – darunter auch gelegentlich Laien – darauf reagieren und zu einem dynamischen Gruppenprozess finden. Immer wieder kommt es dabei, auch angestoßen, beeinflusst, dirigiert durch die ,Grausamkeit' der Endlosmusik, zu enorm spannenden Momenten, magischen Verdichtungen voller atmosphärischem und ästhetischem Reiz und kraftvoller Anmut. Viel läuft über anschauliche Gesten, ausholende Armbewegungen und Laufen, um den großen, sonnenbeschienenen Platz auszunutzen und an die zufällig vorbeikommenden Menschen auch ranzukommen – ihnen auf den Pelz zu rücken. Dann zerfleddert es wieder, lösen sich Paare oder kleine Gruppen aus dem größeren Zusammenhang. Es entstehen mehrere Energiezentren und choreografische Ideen. Dazwischen tanzt Eine(r) solistisch, wirbelt mit großen Sprüngen durch Zuschauer und Tanzende, macht sein isoliertes, individuelles Ding. Manchmal ist auch völlig die Luft raus, ist kaum noch Spannung zu spüren, die Tanzenden bewegen sich eher mechanisch, suchend – bis wieder einige die Bühne ansteuern und neue Ideen vorgestellt und von den anderen verworfen oder übernommen werden.

Wie auch bei den Tanzmarathons vor fast 90 Jahren in den USA, wo es in der Zeit der großen Depression auch darum ging, die Haushaltskasse aufzubessern, folgten die Tanzenden klaren, einfachen Regeln. Diese waren von Dreher vorgegeben und machten die vergehende Zeit über eine großes Display an der Fassade des Gasteig sichtbar. Bei getanzten 55:51:20 Stunden/Minuten/Sekunden blickte der Autor am vorletzten Tag der elftägigen Tanz-Performance auf die rot leuchtende Anzeige. Ein beispielloses, enorm anregendes und spannendes Projekt, das in jeder Hinsicht hohen Respekt verdient.

Veröffentlicht am 18.05.2015, von Michael Scheiner in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3544 mal angesehen.



Kommentare zu "Den Zuschauern auf den Pelz gerückt"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    BETÖREND

    Christian Rizzo mit "d'après une histoire vraie“ beim Dance-Festival in München

    Nur wenig Licht lässt den hellen Tanzboden leuchten. Rechts hinten auf dem Podest blitzt das Metall zweier Riesenschlagzeuge. Ein Kerl in grauer Jeans und Shirt, barfuß, durchläuft in der Stille ein, zwei, drei Bewegungen am Boden.

    Veröffentlicht am 18.05.2015, von Alexandra Karabelas


    GRENZGÄNGERISCHES

    Dance-Festival 2015

    Offensichtlich unter dem zeitgeistig gesellschaftlichen Druck „höher, schneller, neuartiger“ treiben die aktuellen Choreografen den Körper zu immer ausgefalleneren Bewegungen.

    Veröffentlicht am 17.05.2015, von Malve Gradinger


    ENTFESSELND

    Trajal Harrell landet mit seiner wilden Antigone-Erzählung bei Dance einen Bühnenhit

    Einer schöner als der andere. Man weiß kaum, wo man zuerst hinsehen soll: schmal und hochgewachsen die einen, markanter die anderen. Über zwei Stunden genießt man diese androgynen Halbgötter auf der Bühne der Muffathalle in München.

    Veröffentlicht am 12.05.2015, von Alexandra Karabelas


    GRANDIOSE URAUFFÜHRUNG VON „THE LAND“

    Bei Dance 2015 bereichert eine Kooperation mit Peeping Tom das Residenztheater.

    In „The Land“ zeigt die Bühne des Münchner Cuvilliestheaters grüne Wiesen und Wälder mit Bauernhöfen zwischen sanften Hügeln, auf einem eine Kirche. Doch schon bald dröhnt über der voralpenländischen Natur drohend Helikopterlärm.

    Veröffentlicht am 11.05.2015, von Karl-Peter Fürst


    DAS KÖRPERLICHE TRANSZENDIERT

    Auftakt bei der Münchner Dance-Biennale mit Kaori Ito und Saburo Teshigawara

    Der zeitgenössische Tanz immer noch eine Insidersache? Der Auftakt von Dance hinterlässt den gegenteiligen Eindruck: rappelvoll die Muffathalle bei der Japanerin Kaori Ito, enormer Andrang bei ihrem renommierten Landsmann Teshigawara.

    Veröffentlicht am 11.05.2015, von Malve Gradinger


    ARABIEN IM FOKUS

    Tanz und Musik aus Tunesien, Algerien, Ägypten, Marokko und Palästina

    Das Muffatwerk München präsentiert in Kooperation mit DANCE 2015 und Access To Dance Arabien im Fokus. Mit dabei sind unter anderem die Choreografen Radhouane El Meddeb, Taoufiq Izeddiou sowie Aïcha M’Barek et Hafiz Dhaou.

    Veröffentlicht am 22.01.2015, von Pressetext


    MÜNCHEN TANZT DEN MARATHON

    Das Festival DANCE 2015 setzt auf Austausch

    Bei der 14. Ausgabe von DANCE haben sich die Zeiten verschoben. Nicht nur, dass das Festival zum ersten Mal vom tristen November in den hoffentlich sonnigen Monat Mai verlegt wurde. Nein, diesmal gibt es sogar ein Vorspiel.

    Veröffentlicht am 21.01.2015, von Miriam Althammer


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    AUS DER EIGENEN ZEIT NEU GEDACHT

    Schubert-Zenders "Winterreise" in Münster
    Veröffentlicht am 20.01.2019, von Marieluise Jeitschko


    DIE KRAFT DER INDIVIDUALITÄT

    "Début" von Jenny Beyer auf Kampnagel in Hamburg
    Veröffentlicht am 20.01.2019, von Annette Bopp


    ZU VIELE BÄUME, ZU WENIG WALD

    "Der Zauberberg" als Tanztheater in Lüneburg
    Veröffentlicht am 20.01.2019, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    CALIMETROFERATU

    Das Nürnberger SETanztheater inszeniert Eine Symphonie des Grauens in Anlehnung an die Ästhetik des Stummfilms. Premiere am 17. Januar in der Tafelhalle Nürnberg

    Große Gesten und weit aufgerissene, dunkel geschminkte Augen: Die Ästhetik des deutschen Stummfilm-Expressionismus ist noch heute eindrucksvoll zumal für Fans des Horror-Genres. Das SETanztheater lässt sich davon inspirieren.

    Veröffentlicht am 15.01.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DEM RUF GEFOLGT

    Der Tänzer und Choreograf Georg Reischl wird ab der Saison 2019/2020 Chefchoreograf am Theater Regensburg

    Veröffentlicht am 17.01.2019, von Pressetext


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper

    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    OHNE SEELE UND GEIST KEINE KUNST

    Wiederaufnahme von John Neumeiers "Kameliendame" am Bayerischen Staatsballett

    Veröffentlicht am 14.01.2019, von Karl-Peter Fürst


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    SAVE THE DATE!

    Münchner Tanzbiennale DANCE findet vom 16. bis 26. Mai 2019 statt

    Veröffentlicht am 18.01.2019, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP