HOMEPAGE



Essen-Werden

WELTTANZ VOLLER POESIE

Uraufführung beim Folkwang-Tanzstudio



Das Folkwang-Tanzstudio schlägt mit der Uraufführung von Fang-Yu Shens bewegend poetischer Choreografie "Rotkammertraum" eine eindrucksvolle kulturelle Brücke zwischen Fernost und West.


  • "Rotkammertraum" im Folkwang Tanzstudio Foto © Ursula Kaufmann
  • "Rotkammertraum" im Folkwang Tanzstudio Foto © Ursula Kaufmann
  • "Rotkammertraum" im Folkwang Tanzstudio Foto © Ursula Kaufmann
  • "Rotkammertraum" im Folkwang Tanzstudio Foto © Ursula Kaufmann
  • "Rotkammertraum" im Folkwang Tanzstudio Foto © Ursula Kaufmann
  • "Rotkammertraum" im Folkwang Tanzstudio Foto © Ursula Kaufmann

Nach einer chinesischen Legende sind die Säulen, die den Himmel tragen, aus 36500 roten Steinen errichtet. Ein besonders unförmiger Stein blieb übrig. Er wurde in das Schicksal eines Menschen verwandelt: Pao Yü, mit einem Stein im Mund geboren, ist der einzige Nachkomme des Adelshauses Kia. Aber er wird nicht glücklich und kehrt in die Rote Kammer, die Welt der Kinder des roten Staubs, ein. Chinas Nationaldichter Cao Xueqin (1715 bis 1764) beschreibt in seinem Roman "Der Traum der Roten Kammer" angeblich den Niedergang seiner eigenen aristokratischen Familie und zeichnet gleichzeitig, mythologisch verfremdet, das Bild der Gesellschaft seiner Zeit nach. Das epische Werk verglich Dortmunds Ballettdirektor Xin Peng Wang vor der Premiere seines Balletts nach dem Roman (2012) in seiner Bedeutung für China mit der von Thomas Manns "Buddenbrooks" für die neuere deutsche Literatur.

Zum 300. Geburtstag des chinesischen Dichters regte die Beijing Cao Xueqin-Gesellschaft weltweit die Entstehung von Kunstwerken über den Roman an. In Deutschland wandte sie sich an die Folkwang Universität der Künste, wo am Institut für Zeitgenössischen Tanz seit Jahrzehnten auch Tänzer und Choreografen aus Fernost ausgebildet werden - darunter der gebürtige Chinese Xin Peng Wang und die Taiwanesin Fang-Yu Shen, die 2011 erste Absolventin des Masterstudiengangs Choreografie wurde und inzwischen international erfolgreich ist. Sie choreografierte das 90-minütige Tanzstück mit zehn derzeitigen Mitgliedern des Folkwang-Tanzstudios und fünf Gästen. Nach den Namen zu urteilen stammen mindestens fünf aus Fernost, aber fernöstliche Gestik und Mimik bestimmen die Tanzsprache, chinesische Artistik und Kampfsportarten setzen imponierende, unterhaltsame Akzente.

Einzelne Personen oder Gruppen zu identifizieren und die Szenen inhaltlich zu verstehen fällt in dieser - wie in Wangs Ballett - extrem komprimierten Geschichte (trotz der sorgfältigen Texte im Programmheft) sehr schwer. Beste Hinweise liefern, wie so oft im Tanz, die Kostüme von Min Li: in grauen Trikots treten die Tiere auf, aus denen die zwölf Familienmitglieder der Dynastie werden, die vornehme chinesische Mäntel über mint-farbenen T-Shirts und lachs-farbenen Hosenröcken tragen. Der junge Mann, der die für ihn völlig fremde menschliche Welt betritt, kommt zögerlich und staunend in westlichen Alltagsklamotten daher.

Videos und Projektionen (Gonzalo H. Rodriguez) von Naturstimmungen, chinesischen Schriftzeichen, Symbolen und Malerei wirken lediglich wie ein "Must" für eine zeitgenössische Tanzproduktion. Faszinierend stimmig dagegen passt sich die Musik des Komponisten Christian Jost mit fernöstlichen Trommeln, Pauken, Schinellen und Xylophonklängen ein, auch wenn die vielen dramatischen Crescendi eher an Hollywood-Schinken als an die Peking-Oper erinnern.

Das Folkwang-Tanzstudio schlägt mit der Uraufführung von Fang-Yu Shens bewegend poetischer Choreografie eine eindrucksvolle kulturelle Brücke zwischen Fernost und West.

Veröffentlicht am 18.05.2015, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3781 mal angesehen.



Kommentare zu "Welttanz voller Poesie"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    SCHWUNGVOLL

    Fotoblog von Ursula Kaufmann

    Die Mitglieder des Folkwang Tanzstudio haben diesmal gemeinsam choreographiert. Ihr Stück "Jack" beschäftigt sich mit Widersprüchen im Alltag.

    Veröffentlicht am 14.10.2019, von tanznetz.de Redaktion


    SCIENCE FICTION

    Fotoblog von Ursula Kaufmann

    "Neuer Neuer Neuer Tanz" von Michiel Vandevelde mit dem Folkwang Tanzstudio bei PACT Zollverein.

    Veröffentlicht am 16.05.2019, von tanznetz.de Redaktion


    FOLKWANG - ZWISCHEN EXPERIMENT UND SCHULE

    Von Kurt Jooss bis zu Rodolpho Leoni

    Weiche, feine, stilisierte Gesten und elegante Körperschwingungen - Relikte des deutschen Ausdruckstanzes - zeichnen die Folkwang-Ästhetik aus.

    Veröffentlicht am 14.05.2017, von Marieluise Jeitschko


    FERNÖSTLICHE POESIE UND MÄNNLICHE MUSKELSPIELE

    Folkwang Tanzstudio feiert Premiere

    Das neue, dreiteilige Programm des Folkwang Tanzstudios beginnt mit einer hinreißenden Bilderflut fernöstlicher Poesie und Kampfsportästhetik in Fang-Yu Shens "For the Unsaid".

    Veröffentlicht am 09.01.2013, von Marieluise Jeitschko


     

    LEUTE AKTUELL


    „ICH FÜHLE MICH AUSGESPROCHEN GUT HIER“

    Richard Wherlock ist seit 20 Spielzeiten Ballettchef in Basel
    Veröffentlicht am 19.10.2020, von Volkmar Draeger


    SO STIRBT EINE PRIMABALLERINA

    Ein Nachruf auf Ludmilla Naranda
    Veröffentlicht am 11.10.2020, von Vesna Mlakar


    SIMONE SANDRONI BLEIBT IN BIELEFELD

    Choreograf Simone Sandroni verlängert seinen Vertrag bis 2022
    Veröffentlicht am 02.10.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ALL FOR ONE AND ONE FOR THE MONEY

    The show must go on...line! Digitale Uraufführung von Richard Siegal / Ballet of Difference am Schauspiel Köln

    Das übergreifende Thema ist die digitalisierte Gesellschaft, aber die Aufführungen finden ausschließlich live statt und werden auch nicht aufgezeichnet. Doch der virtuelle Charakter der Performance erlaubt es Menschen auf der ganzen Welt, die Vorstellungen zur gleichen Zeit zu verfolgen – und vor allem selbst (inter-)aktiv zu werden.

    Veröffentlicht am 17.11.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    TANZEN, BITTE!

    Offener Brief des Deutschen Berufsverbands für Tanzpädagogik e.V.

    Veröffentlicht am 05.11.2020, von tanznetz.de Redaktion


    WILLKOMMEN IN DER VIRTUELLEN WELT

    Digitale Uraufführung von „All For One And One For The Money“ von Richard Siegal und dem Ballet of Difference am Schauspiel Köln

    Veröffentlicht am 21.11.2020, von Gastbeitrag


    DER TANZ LEBT WEITER – TROTZ CORONA

    Die digitale Tanzwelt erblüht

    Veröffentlicht am 20.03.2020, von Deike Wilhelm


    MIT KONSUMMÜLL VERGIFTET

    Premiere von Georg Reischls Mahnung „Sand“ am Theater Regensburg

    Veröffentlicht am 02.11.2020, von Michael Scheiner



    BEI UNS IM SHOP