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Berlin

DIE MISERE DES MENSCHSEINS

Das Staatsballett Berlin modernisiert sich mit „Duato/Kylián“



Mit seiner Uraufführung "Static Time" hat Duato nicht nur eine schmerzvoll zupackende Miniatur um Vergänglichkeit geschaffen, sondern für das Staatsballett gleichsam Maßstäbe einer neuen Ära gesetzt.


  • Dreiteiliger Ballettabend am Staatsballett Berlin: "Static Time" Foto © Fernando Marcos
  • Dreiteiliger Ballettabend am Staatsballett Berlin: "White Darkness" Foto © Fernando Marcos
  • Dreiteiliger Ballettabend am Staatsballett Berlin: "Click-Pause-Silence" Foto © Fernando Marcos

Links leuchtet ein rätselhaftes Hängeobjekt im Dunkel auf und verändert seine Lichtkontur. An der Rampe liegt ein Tänzer mit freiem Oberkörper. Als ein zweiter Tänzer im Anzug zu ihm tritt, kommt es zu heftigem Gerangel, bei dem jeder Täter und Opfer sein kann. Angst verklammert und verknotet die beiden in immer neuen Varianten; drei Paare kommentieren, ergänzen die Situation. Mehrfach flüchten die Solisten in getrennte Zimmer des hausartigen Objekts, in das ein Perpendikel ragt und mit der Gesamtkonstruktion seine Lage im Raum wechseln kann. Musik von Mozart, Rachmaninow, Schubert, verbunden durch kratzende, fauchende Zwischenklänge, geleitet die Zentralfigur in ihren Beklemmungen durch den Fluss der Zeit. Es ist die Misere des Menschseins in einer undurchschaubaren Welt, die Nacho Duato mit seiner ersten Kreation für das Staatsballett thematisiert: das Wissen um Endlichkeit, Verfolgtwerden von personifizierten Todesgedanken, die dem Frieden der Musik Hohn sprechen. Duato erfindet dafür eine dichte, häufig explosive ganzkörperliche Bewegungssprache, voller Bodenpassagen und mit originellen Partnerkontakten. Aus aufgewühlten Körpern schleudern fahrig Formen in den Raum und zerbersten, keine hat Bestand vor der Zeit, obwohl der Titel „Static Time“ gerade ein Anhalten der Zeit assoziiert. Nach halbstündig zerquältem Kampf wirft die Todesgestalt einen letzten Blick auf das liegende Alter ego und entschwindet in die Düsternis. Mit dieser Uraufführung hat Duato nicht nur eine schmerzvoll zupackende Miniatur um Vergänglichkeit geschaffen, sondern für das Staatsballett gleichsam Maßstäbe einer neuen Ära gesetzt. Wie souverän ihm dabei seine Tänzer folgen, Dominic Hodal als Opfer, Arshak Ghalumyan als provokanter Todesbote, Wei Wang in der Gruppe mit besonderer Körperprägnanz, schlägt ein neues Kapitel stilistischer Vielseitigkeit auf.

Die zeigt sich auch in Duatos anderem Beitrag, „White Darkness“, zu vorpreschender Streichermusik von Karl Jenkins. Knapp anderthalb Jahrzehnte liegen zwischen dieser noch neoklassisch getönten Choreografie und dem radikaleren „Static Time“, was Duatos Entwicklung als Tanzschöpfer ausweist. Friedvoll ist der Anlass von „White Darkness“ dennoch nicht, befreit sich der Spanier hier doch künstlerisch vom Leid über den frühen Drogentod der Schwester. Sandsalven von oben, verstreuter, einander zugeworfener Sand mögen dabei für den zerstörerischen „Stoff“ stehen, der gegen Ende das Mädchen unerbittlich unter sich begräbt, den Freund ratlos zurücklässt. Mutet „Static Time“ eher aggressiv an, so gerät „White Darkness“, ein Werk für zwei Solisten (Krasina Pavlova, Michail Kaniskin) und vier an die Jugend erinnernde Gruppenpaare, elegisch bis dramatisch und besticht durch Tempo und eindringliche Hebepassagen.

Zwischen beiden Arbeiten Duatos steht Jiří Kyliáns Kammertanz „Click-Pause-Silence“ von 2000, mit dem Verschwinden von Leben befasst sich auch er. Drei Männer, eine Frau gestalten das ohne sichtbare Emotion und lassen das kaum 15-minütige Stück dank filigran ziselierter, fein austarierter und klug komponierter Choreografie zum Erlebnis werden. Erklingt hier die Musik, ein speziell bearbeitetes Präludium aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“, vom Band, partnert die Staatskapelle unter Pedro Alcalde die Duato-Beiträge formvollendet und trägt so neben Jaffar Chalabis Bühne und den Kostümentwürfen gleich dreier Meister zum Gesamt-Wohlklang des Abends bei.

Wieder 20., 22., 23., 25., 30.5., www.staatsballett-berlin.de

Veröffentlicht am 18.05.2015, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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