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Magdeburg

GUT UND BÖSE IM WIDERSTREIT

Eine farbenprächtige "Dornröschen"-Inszenierung am Ballett Magdeburg



Gonzalo Galguera hat sich an der Choreografie Petipas orientiert und benutzt die durch viele Überlieferungen stetig veränderte Originalchoreografie zu einer Auseinandersetzung mit dem akademischen Tanz, der Danse d'école.


  • "Dornröschen" am Ballett Magdeburg Foto © Nilz Böhme

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich Magdeburgs Ballettchef an das „Dornröschen“-Ballett wagt. In den vergangenen Spielzeiten hat die Kompanie eindrucksvoll ihr tänzerisches Können bei den Aufführungen der großen Handlungsballette „Romeo und Julia“ und „Der Nussknacker“ unter Beweis gestellt.

Nun also in einer farbenprächtigen Inszenierung Tschaikowskys Märchenballett. Gonzalo Galguera erzählt die Geschichte von der schlafenden Prinzessin und ihrer Erlösung durch einen Kuss des Prinzen nach dem Märchen „La Belle au bois dormant“ und versucht doch, eigene Akzente zu setzen. Seine Sicht auf das Ballettmärchen rückt die stetige Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse, verkörpert durch Fliederfee und die Fee Carabosse, die das verführerische Böse ist, in den Mittelpunkt. Die beiden Feen im Widerstreit treiben das Geschehen an. Anastasia Gavrilenkova (Fliederfee) und Leah Allen (Carabosse) machen dies mit tänzerischer Perfektion und großer Emotionalität deutlich und sorgen in ihren gemeinsamen Auftritten für die dramatischen Höhepunkte der Aufführung. Deren Schauwert wird durch die phantastische, pseudorealistische Ausstattung von Josef Jelinek (Bühne und Kostüme) bestimmt, wobei die zauberhaften Kostüme eine besondere Augenweide sind.

Gonzalo Galguera hat sich an der berühmten Choreografie von Marius Petipa orientiert. Er benutzt die durch viele Überlieferungen stetig veränderte Originalchoreografie zu einer Auseinandersetzung mit dem akademischen Tanz, der Danse d'école. Das Ergebnis ist eine Choreografie für die Tänzerinnen und Tänzer seiner Kompanie, die genau auf deren technisches Können zugeschnitten ist. Dabei gelingt Galguera eindrucksvoll, dass seine Tänzerinnen und Tänzer bei aller technischen Perfektion in den klassischen Elementen, diese einer Emotionalität und der sichtbaren Freude am Tanz unterordnen.

Die Aufführung hat viele tänzerische Höhepunkte, lebt auch von Elementen der Ballettpantomime wie im Vorspiel zum 2. Akt. Eindrucksvoll ist der Tanz der Feen mit der Fliederfee, das Furioso der in einem Drachengefährt auftretenden Fee Carabosse und das berühmte Rosen-Adagio mit den vier Prinzen, die um die Hand der Prinzessin anhalten. Emotional sehr berührend ist das Pas de action zwischen Desiré und Aurora im Traumbild des 2. Aktes. Hier zeigt sich, mit welcher Emotionalität und Ausdrucksstärke Lou Beyne als Aurora diesen schwierigen Part meistert. Sie tanzt mit makelloser Technik, Eleganz und Leichtigkeit diese anspruchsvolle Partie. Gemeinsam mit Daniel Smith als Prinz machen sie das Grand Pas de deux zum finalen Höhepunkt. Vorher erlebt man neben dem Blumenwalzer und den Variationen der Juwels ein „tierisches“ Vergnügen mit Katz und Kater (Isabelle Ménard und Adam Reist), Rotkäppchen und Wolf (Tatiana Andrea Duarte de Sousa und Pavel Kuzmin) und besonders Elio Clavel und Narissa Course als Blauer Vogel und Florine. Der Magdeburgischen Philharmonie unter Michael Balke gelang eine wunderbare Balance der wechselnden Tempi und war mit ihrem Spiel vor allem für die Gruppentänze in den verschiedensten Formationen Erfolgsgarant.

Nach dem tänzerischen Hochzeitstrubel stehen sich am Ende am Bühnenportal Fliederfee und Carabosse gegenüber - die Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse geht weiter.

Veröffentlicht am 20.04.2015, von Herbert Henning in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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