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Halle/Saale

ICH HABE EINEN TRAUM

Uraufführung eines Balletts von Ralf Rossa am Opernhaus Halle



Eine Handlung im üblichen Sinne gibt es nicht. Denn es gibt ihn nicht, den Messias - nicht als Person, als Rolle oder als Partie, obwohl das Ballett „Messias“ heißt. Es feierte im Opernhaus der Händelstadt eine bejubelte Premiere.


  • Ralf Rossas "Messias" an der Oper Halle Foto © Oper Halle
  • Ralf Rossas "Messias" an der Oper Halle Foto © Oper Halle
  • Ralf Rossas "Messias" an der Oper Halle Foto © Oper Halle
  • Ralf Rossas "Messias" an der Oper Halle Foto © Oper Halle

Eine Handlung im üblichen Sinne gibt es nicht. Denn es gibt ihn nicht, den Messias - nicht als Person, als Rolle oder als Partie, obwohl das Ballett „Messias“ heißt. Es ist eine Ballettversion des Oratoriums von Händel, in dem der Komponist aus Bibeltexten aus dem Alten und dem Neuen Testament in drei Teilen die Messianischen Verheißungen mit der Geburt des Heilands, Passion und Auferstehung und visionären Erlösungshoffnungen zu einer meditativ und auch dramatischen Musik zusammengefügt, und bereits auf seine Weise den geistlichen Inhalt regelrecht dramaturgisch aufbereitet hat.

Zunächst, beim schnelleren Teil der einleitenden Sinfonia, hat man den Eindruck, man werfe einen Blick in den Ballettsaal. Die Tänzerinnen und Tänzer beim Einstimmen, beim Aufwärmen, bis sich dann in einer Art Catwalk-Szene alle 22 Mitglieder der Kompanie gewissermaßen persönlich in gewinnender Leichtigkeit und heiterer Individualität vorstellen. Etwas später sagen sie alle - jeder in seiner oder ihrer eigenen Sprache, und da kommt bei der international besetzten Kompanie die Welt zur Sprache - den berühmten Satz von Martin Luther King sagen: „Ich habe einen Traum“. Damit ist auch das Grundthema dieser Aufführung klar: es geht um einen Traum, einen so alten wie aktuellen Traum - die Überwindung der Einsamkeit und der Grenzen und Abgrenzungen, die wir uns stets schaffen. Der Hallenser Ballettdirektor und Chefchoreograf schafft es für 90 Minuten auf der Theaterbühne einen messianischen Traum, eine getanzte Vision, Gestalt werden zu lassen.

Es gibt Schlüsselszenen, von denen her sich diese getanzte Vision erschließt. Da sind insgesamt fünf Variationen der Einsamkeit. Zunächst begleitet die Tenorarie „Tröstet mein Zion“ das Solo eines in sich verschlossenen Mannes, sehr beindruckend getanzt von Thiago Fayad. Zu ihm gesellt sich, wenn davon gesungen wird, dass alle Tale erhöht und alle Berge erniedrigt werden sollen, der springende, heitere Tänzer Martin Zanotti als Gegenpol. In weiteren Einsamkeitsvarianten folgen Tänze des Aufbegehrens und in der fünften Variation ein einsamer, zarter Spitzentanz mit Ayana Kamemoto.

Eine andere Schlüsselszene ist ein wundersames Duett mit Yuliya Gerbyna und Michal Sedláček, zur Sopranarie „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ und dem folgenden Chorsatz, in dem es um die Hoffnung über den Tod hinaus geht. Das ist grandios, da die Tanzpartner am Boden und doch so leicht, geradezu schwebend, eine so zärtliche wie berührende Vision schaffen, in der die Verbindung der Körper nicht mehr zu unterscheiden ist.
Und darauf, als gelte es der ungezügelten Freude über eine solche Erfahrung Ausdruck zu geben, nimmt in furiosen Sprüngen, Drehungen und dem erlösenden Lächeln eines glücklichen Menschen der Tänzer Jonathan dos Santos zu Gospelmusik aus dem Album „A Souluful Celebration“ nach Händels Messias die Bühne ein.

Ralf Rossa verwendet auch Teile aus einer Messias-Komposition von Sven-David Sandström, geboren 1942, und bringt damit den Klang des 20. Jahrhunderts ein, mit entsprechend harten Passagen und zeitgenössischen, meditativen Klängen. Auch Händels Oratorium ist gekürzt, es gibt keine Wiederholungen der Arien, und die musikalischen Brüche entsprechen denen des Tanzes, wo sich so gut wie alle Stile finden: neoklassische Passagen mit Spitzentanz oder auf halber Spitze, Elemente der Show kommen vor, immer wieder Bilder, etwa die ganze Kompanie im Gegenlicht mit sehr filigranen Haltungen der Hände. Und nicht zu vergessen, der Humor kommt nicht zu kurz, etwa beim berühmten „Halleluja“, bei dem alle 22 Tänzerinnen und Tänzer in einen fröhlichen Rausch von Befreiung geraten und der eingangs angesprochene Traum für Momente wahr zu werden scheint.

Die Kostümbildnerin Carla Caminati hat zunächst die Arbeitskleidung der Tänzer gestaltet, die sich dann in leichten Veränderungen präsentiert und bis in die aktuelle Modeszene junger Menschen führt. Der große leere Raum der Bühne erfährt durch Matthias Hönig lediglich Begrenzungen durch leuchtende Rahmen. Nach hinten verjüngt sich der Raum, der Tanz und die Musik kommen aus einem Zeittunnel, der sich dem Publikum gegenüber öffnet. Dieser Raum kann aber in seinen Begrenzungen auch bedrohlich aus den Fugen geraten und seine Lichtstimmungen geben manches Rätsel auf.

Natürlich stellt sich die Frage, wie diese Kreation mit der religiösen Thematik des Werkes umgeht. Diese bleibt ganz und gar nicht auf der Strecke, sie wird sehr ernst genommen und deshalb mitunter auch wunderbar heiter behandelt. Ralf Rossas messianische Vision besteht darin, dass er den Versuch unternimmt, diesen Messias - den Erlöser und Retter - im Gegenüber und auch in sich selbst zu entdecken. Der Tanz ist eben genau jene Kunst, die Grenzen und Begrenzungen überwinden kann. Der Messias, das ist die Kraft zu leben, wohl wissend, dass das Leben kein unbeschwerter Tanz ist. Nicht umsonst steht im Programmheft ein Satz aus einem Brief des Theologen und 1945 hingerichteten Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer aus dem Gefängnis, vom 18. Juli 1944: „Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion auf, sondern zum Leben.“ Von diesem Ruf zum Leben kann man in diesem Ballettabend etliches vernehmen.

Veröffentlicht am 20.04.2015, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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