HOMEPAGE



Hamburg

MENSCHEN AUF DEM WEG

Wiederaufnahme der „Winterreise“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett



"Die ‚Winterreise’ konfrontiert uns mit einer sehr extremen Form von Exil: dem Exil in sich selbst, verloren gegangen zu sein, mitten in der Welt.“


  • „Winterreise“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett: Aleix Martínez Foto © Holger Badekow
  • „Winterreise“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett: Aleix Martínez Foto © Holger Badekow
  • „Winterreise“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett: SilviaAzzoni, KonstantinTselikov, AleixMartínez Foto © Holger Badekow
  • „Winterreise“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett: Ensemble Foto © Holger Badekow
  • „Winterreise“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett: Otto Bubenicek Foto © Holger Badekow
  • „Winterreise“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett: Ensemble Foto © Holger Badekow
  • „Winterreise“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett: AleixMartínez, OttoBubenicek Foto © Holger Badekow

Die Parallelität war fast schon gespenstisch, die sich bei der Premiere am vergangenen Sonntagabend aufdrängte: am 16. Dezember 2001 stand die schon lange für diesen Zeitpunkt terminierte Uraufführung noch ganz unter den Erschütterungen des 11. September, bei der Wiederaufnahme nach elf Jahren jetzt unter dem Schock der German-Wings-Katastrophe, die sich erst wenige Tage zuvor ereignet hatte. Die „Winterreise“ ist wie geschaffen für die Nachdenklichkeit, die sich im Zusammenhang mit solchen Katastrophen unter den Menschen ausbreitet. Zu diesem Bezug zu aktuellen Ereignissen, die die Welt erschütterten, sagte Neumeier 2001: „Es ist der Verlust des Vertrauten und auch vielleicht des Vertrauensvollen, den wir so stark spüren, damals wie heute. Irgendwie ist es, als fühle man Symptome, aber kenne die Krankheit nicht. Die ‚Winterreise’ konfrontiert uns mit einer sehr extremen Form von Exil: dem Exil in sich selbst, verloren gegangen zu sein, mitten in der Welt.“

Und so war es auch bezeichnend, dass es mehrere Sekunden dauerte, bis der Schlussapplaus losbrach, nachdem sich der Vorhang über der Szenerie gesenkt hatte, und es ist ja gerade dieses Innehalten des Publikums, das zeigt, dass ein Stück die Zuschauer ganz und gar ergriffen hat – mithin das größte Kompliment, das ein Auditorium einem Künstler machen kann.

Tatsächlich ist die „Winterreise“ eines von Neumeiers dichtesten Werken, gerade weil es so reduziert ist, weil es ganz und gar auf das Wesentliche in der Bewegung zurückgenommen und so gar nicht auf Effekte aus ist. Und gerade deshalb berührt es den Zuschauer auch bis ins Innerste und fügt es sich kongenial in die spannende Interpretation Schuberts Musik durch Hans Zender und ebenso in das geniale Bühnenbild von Yannis Kokkos, der auch für die schlichten Kostüme verantwortlich zeichnet. Zender arrangierte den 24-teiligen Liederzyklus als eigenständiges Werk, verwendet neben Streichern und Bläsern auch Akkordeon, Gitarre und diverses Schlagwerk, was die Ecken und Kanten, die Rauheit, das Zornige, aber ebenso das Liebliche, Leichtfüßige in Schuberts Komposition fast noch stärker heraushebt als es der Liedgesang allein vermag.

Die Choreografie folgt dieser Vorgabe auf eigenen Wegen – und die TänzerInnen des Hamburg Ballett werden dem aufs Feinste gerecht. Allen voran Aleix Martínez, der den großen Solopart übernommen hat, den 2001 Yukichi Hattori so einzigartig mit kreiert hat. Aleix Martínez gibt dieser Rolle eine jugendliche Frische, aber auch eine melancholische Schwere, und dank seiner brillanten Technik eine präzise und ausdrucksstarke Bewegungsfülle. Nicht minder großartig die anderen SolistInnen: Silvia Azzoni, Hélène Bouchet, Leslie Heylmann, Emilie Mazon, Lucia Rios, Anna Laudere, Alexandre Riabko, Otto Bubenicek (der leider zum Sommer seine Tänzerkarriere beenden wird), Florian Pohl, Konstantin Tselikov, Carsten Jung. Auffallend schlicht und gerade deshalb so eindrücklich: Hayley Page mit ihrer feinen und edlen Linie. Lloyd Riggins übernahm in der ihm eigenen Souveränität und Intensität den Part des „anderen“, „auf dem WEG“ Befindlichen bzw. des „Leiermanns“, den seinerzeit Neumeier selbst getanzt hat.

Schade nur, dass der Gesang des Tenors Rainer Trost so gar nicht diesem Niveau gerecht wurde – weder in der Artikulation der Texte, die kaum verständlich waren, noch in Phrasierung und Ausdruck. Das war aber auch der einzige Wermutstropfen in dieser zum Schluss mit viel Beifall und Standing Ovations für den Choreografen bedachten Vorstellung.

An dieser Stelle soll auch einmal die Gestaltung des exzellenten Programmheftes herausgehoben werden. Hier hat Holger Badekow wieder einmal ein Meisterwerk geschaffen, das viele wichtige Informationen zu Choreografie, Musik und Bühnenbild bereithält und gleichermaßen großartige Fotos aus 2001 und 2015.


Weitere Aufführungen am 12. April (nachmittags und abends), 16. April und 9. Juli 2015. Kartentelefon 040-356868 oder www.hamburgballett.de

Veröffentlicht am 02.04.2015, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2014/2015

Dieser Artikel wurde 2649 mal angesehen.



Kommentare zu "Menschen auf dem Weg "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    EINE SPÄTE, ABER UMSO TIEFERE LIEBE

    John Neumeiers „Beethoven-Projekt“ erlebte eine umjubelte Uraufführung

    Die Liebe des Hamburger Ballettintendanten zu Beethoven ist eine späte Liebe. Dafür ist sie umso heftiger, vielfältiger und kraftvoller. Der dreiteilige Abend ist seine 160. Kreation, die er skizzenhaft verstanden haben will, nicht als Handlungsballett.

    Veröffentlicht am 25.06.2018, von Annette Bopp


    WARUM IN DIE FERNE SCHWEIFEN ...

    ... wo die Guten sind so nah: Gastauftritte von Bolschoi-Solisten und Rollendebuts bei der „Kameliendame“ in Hamburg

    In der Vielfalt der Interpretationen zeigen sich unterschiedlichste Facetten dieses Ballett-Klassikers - wenn auch nicht alle Interpreten überzeugen.

    Veröffentlicht am 24.05.2018, von Annette Bopp


    JOHN NEUMEIER BIS 2023 INTENDANT DES HAMBURG BALLETT

    Erfolgsgeschichte des Hamburg Ballett soll weiter ausgebaut werden

    John Neumeier übernahm 1973 die Leitung des Hamburg Ballett und ist damit der dienstälteste Ballettdirektor der Welt.

    Veröffentlicht am 26.03.2018, von Pressetext


    EIN MEISTERWERK IM DOPPELPACK

    „Turangalîla“ eröffnet die 42. Hamburger Ballett-Tage

    Schon seit Jahrzehnten hegte Hamburgs Ballett-Intendant John Neumeier den Wunsch, Olivier Messiaens 1949 beim Boston Symphony Orchestra unter Leonard Bernstein uraufgeführte Sinfonie in zehn Sätzen „Turangalîla“ als Ballett auf die Bühne zu bringen.

    Veröffentlicht am 05.07.2016, von Annette Bopp


    JOHN NEUMEIER. THE HAMBURG BALLET.

    Der Kalender des Hamburg Ballett für das Jahr 2016

    Holger Badekow portraitiert John Neumeier, das Ensemble des Hamburg Ballett sowie Gäste

    Veröffentlicht am 16.11.2015, von Volkmar Draeger


    WAS DAS LEBEN ERZÄHLT

    Wiederaufnahme von „Peer Gynt“ beim Hamburg Ballett zum Auftakt der 41. Ballett-Tage

    26 Jahre nach seiner Uraufführung erscheint John Neumeiers „Peer Gynt“ noch dichter, tiefgründiger und gewaltiger als zuvor.

    Veröffentlicht am 01.07.2015, von Annette Bopp


    DIE KUNST DER SCHWERELOSIGKEIT

    Wiederaufnahme von John Neumeiers „Giselle“ beim Hamburg Ballett

    Neumeiers radikal entstaubte neue Fassung nach der eher traditionellen Version von 1983 war im Jahr 2000 auf Anhieb ein riesiger Publikumserfolg, blieb aber nicht lange auf dem Spielplan. Jetzt kehrt sie auf die Bühne der Hamburgischen Staatsoper zurück.

    Veröffentlicht am 23.09.2014, von Annette Bopp


    ERSTE SCHRITTE – AUF HOHEM NIVEAU

    Die Ballettschule des Hamburg Ballett präsentiert ihr Können

    Alle zwei Jahre zeigen die Schülerinnen und Schüler der Ballettschule des Hamburg Ballett, was sie können. In diesem Jahr war es eine Art Premiere und erster Spiegel einer neuen Ära: Seit einem knappen Jahr steht die Schule unter der pädagogischen Leitung von Gigi Hyatt.

    Veröffentlicht am 10.06.2014, von Annette Bopp


    KONDENSAT DES WESENTLICHEN

    Wiederaufnahme von John Neumeiers „Messias“ beim Hamburg Ballett

    Die langjährige Tradition, alljährlich in der Karwoche das wohl wichtigste sakrale Ballett John Neumeiers aufzuführen, die „Matthäus-Passion“, wurde dieses Jahr durchbrochen und von dem zweitwichtigsten Werk abgelöst: „Messias“ zu dem gleichnamigen Oratorium von Georg Friedrich Händel.

    Veröffentlicht am 20.04.2014, von Annette Bopp


     

    LEUTE AKTUELL


    DANKE REGINE!

    Renate Killmann erinnert an Regine Popp
    Veröffentlicht am 12.07.2019, von Gastbeitrag


    CLAUS SCHULZ ZUM 85. GEBURTSTAG

    Geburtstag zweier Größen der Ballettwelt
    Veröffentlicht am 02.07.2019, von Günter Pick


    "DAS GROßE DANKE"

    Yuki Mori – große Gefühle beim Abschied
    Veröffentlicht am 16.06.2019, von Michael Scheiner



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    CREATING DANCE IN ART AND EDUCATION – TANZPÄDAGOGIK UND CHOREOGRAFIE

    Berufsbegleitende Weiterbildung der TanzTangente Berlin in Kooperation mit dem Berlin Career College der Universität der Künste Berlin startet mit neuen Partnern die neue Bewerbungsrunde. Anmeldefrist ist der 1. November 2019

    In dieser Weiterbildung können TänzerInnen und Menschen mit fundierter Bewegungserfahrung Methoden erlernen, um tanzpädagogische Projekte in unterschiedlichsten Kontexten zu leiten und den Tanz in all seiner Vielfalt an Laien jeden Alters zu vermitteln.

    Veröffentlicht am 11.06.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    ZU EHREN TERPSICHORES

    "Terpsichore-Gala I" im Nationaltheater zum 10jährigen Bestehen des Bayerischen Staatsballetts

    Veröffentlicht am 09.10.1999, von Katja Schneider


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal

    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    DAS WAR’S

    Rückblick auf die Tanzwerkstatt Europa 2019 in München

    Veröffentlicht am 15.08.2019, von Vesna Mlakar


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    JOHANN KRESNIK IST TOT

    Das deutsche Tanztheater hat einen seiner Pioniere verloren

    Veröffentlicht am 28.07.2019, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP