KRITIKEN 2014/2015



Berlin

NACHTS SIND ALLE KATZEN BUNT UND SCHILLERN

Alfredo Zinola beflügelt mit "Nero" die Fantasie von 2- bis 5-Jährigen



In seinen bisherigen Arbeiten hat sich der Folkwang-Absolvent und ausgebildete Anthropologe mit interkulturellen Themen beschäftigt und den Körper in seinen sozialen Gefügen choreografisch erforscht.



Als der hellwache Fonds mitten in der Nacht seinen Vater weckt, um nicht alleine in der Dunkelheit spazieren zu gehen, stößt er auf Unverständnis: „Nachts wird geschlafen“, da gäbe es nichts zu sehen. Doch die Collagen in Wolf Erlbruchs Bilderbuchkleinod „nachts“ beweisen das Gegenteil. Sie zeigen, was Kinderaugen alles in der Dunkelheit entdecken, wenn die Farben verschwinden und die Welt nur noch in Umrissen sichtbar ist: Im blassen Schein des Mondlichts zeichnen sich dann plötzlich freundliche Gesichter in Baumwipfeln ab oder erinnern Wolken an fliegende Riesenerdnüsse.

Der Dunkelheit und ihrem kindlichen Fantasiepotenzial widmet sich auch Alfredo Zinola mit seiner Tanz-Performance "Nero - ein Schritt zusammen ins Dunkle Blau". In seinen bisherigen Arbeiten hat sich der Folkwang-Absolvent und ausgebildete Anthropologe mit interkulturellen Themen beschäftigt und den Körper in seinen sozialen Gefügen choreografisch erforscht. Seit 2013 sucht er nach Möglichkeiten, Körper objektiv auf der Bühne agieren zu lassen. Das zeigt auch "Nero", in dem nicht Menschen die Hauptdarsteller sind, sondern abstrakte Gebilde, die aus dem Zusammenspiel von Körper-, Bewegungs-, Licht- und Kostümmaterial entstehen.

In elegant schillernden, dunklen Paillettentrikots stehen Alfredo Zinola und sein amerikanischer Performer-Kollege Maxwell McCarthy am Rand der mit schwarzen Stoffbahnen verhangenen Bühne – ein experimentelles und geheimnisvolles Fantasiebeflügelungskabinett, in das sie etwa 20 Kinder zwischen 2 und 5 Jahren und deren Betreuerinnen behutsam hineinführen. Mit dem orangen und weißgelben Licht zweier Straßenlaternen tasten die Performer die Wände des Raumes ab. Assoziationen zu Sonnenunter- und Mondaufgängen oder zu Satelliten, die den nächtlichen Himmel streifen, werden freigesetzt. Dabei umkreisen die Performer in ruhigem Tempo und mit synchronen Bewegungen die ZuschauerInnen wie Zwillingsplaneten eine unbekannte Sonne.

Der kontemplative und beinahe schwerelos anmutende Raumrhythmus bleibt auch dann noch erhalten als die Performer den Wahrnehmungsradius der kleinen Zuschauer verengen, indem sie dichter an diese herantreten. Im blau-weißen Schein zweier Taschenlampen werden in gleichbleibendem Tempo persönliche Details freigelegt: Schuhe, Hände, Hosenbeine. Dieses körpernahe Detektiv- und Selbsterkennungsspiel befriedigt die kindliche Entdeckerlust und gibt den Kindern Sicherheit: in der Dunkelheit, in der sich alles Beständige aufzulösen scheint, sind ihre Körper eine verlässliche Konstante.

Es ist eine faszinierende Zwischenwelt, die den Kindern mithilfe ihrer jeweils individuellen Wahrnehmung in "Nero" eröffnet wird. So auch besonders im zweiten Teil des Stücks, in dem die Performer die Pailletten ihrer Kostüme aus verschiedenen Distanzen heraus und mit unterschiedlichen Bewegungsrhythmen beeindruckend in Szene setzen: Taschenlampen suchen sich ihre Projektionsfläche dann nicht mehr nur auf Wänden und Böden, um kaleidoskopartige Muster aufzuwerfen. Sie schlüpfen auch schon mal unter die halbtransparenten und wie Zeltwände vor den Körpern der Performer aufgespannten T-Shirts, um darunterliegende Paillettenhemden in sanft glitzernde Bergkristalle zu verwandeln.

Mit viel Erfindergeist und dem nötigen Bewegungs-Know-How zaubern Alfredo Zinola und Maxwell McCarthy einen nächtlichen Ort auf die Bühne, in dem die Fantasie der Kinder – wie der kleine Fonds in Wolf Erlbruchs Kinderbuch – spazieren geht. Auch die kleinsten Zuschauer werden so auf behutsame Weise mit aktuellen performativen Verfahren des zeitgenössischen Tanzes vertraut gemacht. Dabei verfolgt Zinola auf äußerst spannende Weise seine Idee von einer Bühnenkörperästhetik, die sich vom Subjekt zu distanzieren sucht und die Aktion selbst in den Vordergrund stellt.

Veröffentlicht am 20.03.2015, von Christine Matschke in Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3328 mal angesehen.



Kommentare zu "Nachts sind alle Katzen bunt und schillern"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    BALLETTDIREKTOR DER PARISER OPER BENJAMIN MILLEPIED CHOREOGRAPHIERT „DER NUSSKNACKER“ AM BALLETT DORTMUND

    Premiere am Sonntag, 18. Oktober 2015, im Opernhaus Dortmund
    Veröffentlicht am 26.09.2015, von Pressetext


    PREISVERLEIHUNG DES DEUTSCHEN TANZPREISES 2021 // TANZ-GALA AM 23. OKTOBER

    TANZ-GALA am 23. Oktober
    Veröffentlicht am 17.09.2021, von Anzeige


    ECTOPIA

    Choreographie Richard Siegal 2021, aufgeführt mit SHOOTING INTO THE CORNER (2008-09) von Anish Kapoor
    Veröffentlicht am 16.09.2021, von Anzeige



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ECTOPIA

    Choreographie Richard Siegal 2021, aufgeführt mit SHOOTING INTO THE CORNER (2008-09) von Anish Kapoor

    Seit 2015 bringt das Tanztheater neben Stücken aus dem Repertoire von Pina Bausch auch Kreationen verschiedener Gastchoreograph*innen auf die Bühne.

    Veröffentlicht am 16.09.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    REISE DURCH DIE MENSCHLICHKEIT

    HUMAN – Musik- und Tanzpremiere feiert großen Erfolg in Bremen

    Veröffentlicht am 30.08.2021, von Renate Killmann


    JÖRG MANNES GEHT ANS THEATER MAGDEBURG

    Neuer Intendant Julien Chavaz stellt sein Leitungsteam vor

    Veröffentlicht am 26.08.2021, von Pressetext


    DIE WEIßEN MIT UNSEREN GEFÜHLEN KONFRONTIEREN

    Ein Gespräch vor der Berliner Premiere von „Ubiquitous Assimilation“ der Grupo Oito

    Veröffentlicht am 24.08.2021, von Volkmar Draeger


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick



    BEI UNS IM SHOP