HOMEPAGE



München

STADION-ATMOSPHÄRE FREI HAUS

Drei Fußballstücke am Gärtnerplatztheater in München



Jo Strømgren, Marco Goecke und Jacopo Godani beschäftigen sich im Ballettabend "Hattrick" mit dem Thema Fußball - das funktioniert, weil der zeitgenössische Tanz, den das Gärtnerplatz-Ensemble pflegt, dem Rasensport optisch recht nahe kommt.


  • HATTRICK »A Dance Tribute to the Art of Football« Choreografie Jo Strømgren Tänzer Matteo Carvone, Rita Barão Soares Foto © Marie-Laure Briane
  • HATTRICK »Cry Boy« Choreografie Marco Goecke Tänzer Javier Ubell Foto © Marie-Laure Briane
  • HATTRICK »VERSUS STANDARD« Choreografie Jacopo Godani Tänzer Davide Di Giovanni, Giovanni Insaudo, Sandra Salietti, Russell Lepley Foto © Marie-Laure Briane
  • HATTRICK »VERSUS STANDARD« Choreografie Jacopo Godani Tänzer Russell Lepley, Giovanni Insaudo, Sandra Salietti, Anna Calvo, Isabella Pirondi Foto © Marie-Laure Briane

Nijinskys „Jeux“ (Spiele) zu Musik von Debussy, 1913 in Paris uraufgeführt von Diaghilews Ballets Russes, war, eingebettet in ein Intermezzo amoroso, ein frühes sportliches Ballett um einen Tennisball. Ein „Fußball-ett“, wie es das Münchner Gärtnerplatztheater jetzt wagte, wäre damals noch nicht vorstellbar gewesen. Immerhin: gemeinsam sind Ballett und Fußballspiel die Kopf-Disziplin, die extreme körperliche Anstrengung, der Showeffekt und der Wille zum Ruhm. Und nicht zuletzt pflegt das Gärtnerplatz-Tanzensemble den zeitgenössischen Tanz, der mit seinen völlig freien, meist ausgesprochen athletischen und erlaubt brutalen Bewegungen schon rein optisch dem Rasensport recht nahe kommt. Genau deswegen funktioniert auch der von drei Gastchoreografen gestaltete neue Abend „Hattrick“ – betitelt nach dem Coup des „Drei-Tore-Schießens“. Das untheatrale Off-Quartier Reithalle lieferte Stadion-Atmosphäre frei Haus.

Der Norweger Jo Stromgren, der immer auch als Theatermann choreografiert (er schreibt selbst Stücke und inszeniert), packt das Thema mit seinem „A Dance Tribute to the Art of Football“ (von 1997, für München überarbeitet) inhaltlich und dabei gesellschaftskritisch an. In die von rockigen und Techno-Rhythmen angetriebene wilde zeitgenössische Gruppen-Tanzakrobatik – dies auch eine Metapher für die extreme physische Selbstausbeutung in Tanz und Ballsport – mischt sich immer wieder ganz Konkretes aus dem Kicker-Universum: die sieghaften Luftsprünge und Team-Ringelreihen der Spieler, die gewalttätigen Fouls, das Hinstürzen, die wutverzerrten Gesichter und das Herumpöbeln. Hier profilieren sich in der neuzeitlichen Kampfarena unsere Sport-Gladiatoren, die, wenn auch ungewollt, Testosteron-gestresste Fans zu grölenden Hooligans heranzüchten. Und Stromgrens ironischer Blick hinter die virile Heroen-Fassade zeigt die Typen mit den durchtrainierten Götterkörpern in ihren sentimentalen und homoerotischen Neigungen und bei narzißtischer Bodypflege unter der Dusche. Das etwas zu lange, aber gekonnt abbildende Stück ist sicher ein guter Tanz-Türöffner für ein breites Publikum.

Interessant die ganz anderen Ansatzpunkte von Stuttgarts Hauschoreograf Marco Goecke und dem künftigen Forsythe-Company-Chef Jacopo Godani. Goeckes Solo „Cry Boy“ (zu Popmusik von The Cure) ist ein Eintauchen in die seelische Verfasstheit eines Sportlers oder Tänzers. Und sein Interpret Javier Ubell, die Kämpfe zwischen Sehnsüchten und Ängsten aus jedem einzelnen Muskel herauspeitschend, wird zu einem faszinierend über die Bühne flatternd-zuckenden Traumtanzwesen.

Ganz Forsythe-gemäß konzentrierte sich Godani in seinem „Versus Standard“ auf den strukturellen Aspekt. So erscheinen die sich unentwegt verändernden räumlichen Figurationen der sechs Tänzer wie ein Echo auf die Spielzug-Taktik. Und im Sog dieser von harten Rhythmen und Klanginseln umhallten Choreografie, gleichsam ein Perpetuum mobile hochartifizieller weich und dennoch kraftvoll durch die Körper rollenden Bewegungen, schafft sich da eine spannungsgeladene Energie, wie sie dem Fußballmatch nicht unähnlich ist. In enger Zusammenarbeit mit den Münchner Komponisten Siegfried Rössert und Ulrich Müller von 48nord ist Godani ein Stück wie aus einem Guss gelungen. Getanzt wurde, wie immer von diesem Ensemble, phänomenal gut.

Veröffentlicht am 12.03.2015, von Malve Gradinger in Homepage, Kritiken 2014/2015

Dieser Artikel wurde 4461 mal angesehen.



Kommentare zu "Stadion-Atmosphäre frei Haus"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    GELD FÜR DIE KÖLNER TANZSZENE

    905.000 Euro kommen vom NRW-Kultursekretariat und dem Landesministerium
    Veröffentlicht am 16.05.2019, von tanznetz.de Redaktion


    BERUFEN!

    Katja Schneider wird erste Professorin für Tanzwissenschaft an der HfMDK
    Veröffentlicht am 14.05.2019, von Pressetext


    CLAUDIA JESCHKE ERHÄLT MÜNCHNER TANZPREIS

    Die Tanzwissenschaftlerin Prof. Dr. Claudia Jeschke wird geehrt
    Veröffentlicht am 03.05.2019, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    NICE TO MEET YOU? TANZABEND VON TIAGO MANQUINHO

    Premiere: Donnerstag, 23. Mai 2019, 19.30 Uhr Kleines Haus des Theaters Münster

    Tagtäglich sehen und begegnen wir Menschen, die wir nicht kennen. Sie sind uns fremd, die meisten bleiben es auch. Und doch entscheiden die ersten Augenblicke, welches Bild wir vom anderen haben.

    Veröffentlicht am 23.05.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    BERUFEN!

    Katja Schneider wird erste Professorin für Tanzwissenschaft an der HfMDK

    Veröffentlicht am 14.05.2019, von Pressetext


    CLAUDIA JESCHKE ERHÄLT MÜNCHNER TANZPREIS

    Die Tanzwissenschaftlerin Prof. Dr. Claudia Jeschke wird geehrt

    Veröffentlicht am 03.05.2019, von Pressetext


    ABER WIR HATTEN SPAß!

    „Bilderschlachten“ von Stephanie Thiersch in Nîmes

    Veröffentlicht am 11.05.2019, von Gastbeitrag


    ZUM WELTTANZTAG!

    Welttanztag-Botschaft der ägyptischen Choreografin Karima Mansour

    Veröffentlicht am 28.04.2019, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP