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Dresden

TANZ AN SEINEM RAND

Leipzig, Prag und Dresden vereint: Das Dance transit Festival in Hellerau



In allen drei Städten wurden Choreografien gezeigt, deren Entstehung durch das Lofft in Leipzig, das Archa Theater und das Theater Ponec in Prag und eben durch das Festspielhaus in Dresden gefördert worden waren.


  • Dance Transit Festival: Wolfgang Kurtz und Irene Schröder mit „Levitation“ Foto © Stephan Floß
  • Dance transit Festival: Hermann Heisigs „STRTCH“ Foto © Stephan Floss
  • Dance Transit Festival: Markéta Vacovská von der Spitfire Company mit "One Step Before The Fall“ Foto © Stephan Floß
  • Dance transit Festival: Tereza Ondrová und Peter Šavel mit „Boys Who Like To Play With Dolls“ Foto © Antonin Matejovsky
  • Dance transit Festival: „Correction“ der VerTeDance Company Foto © Vojtech Brtnicky

Am Freitag ging mit der Verleihung eines Koproduktionspreises in Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste Dresden das Dance transit Festival zu Ende, das Leipzig, Prag und Dresden auf einer Achse vereint hat. In allen drei Städten wurden Choreografien gezeigt, deren Entstehung durch das Lofft in Leipzig, das Archa Theater und das Theater Ponec in Prag und eben durch das Festspielhaus in Dresden gefördert worden waren.

Den Auftakt machten Wolfgang Kurtz und Irene Schröder mit ihrer „Levitation“, in der hauchdünne Plastikfolien bewegte Architektur schufen. Allerdings schienen sie sich zu stark auf die optischen Effekte zu stützen. Das Publikum wirkte weniger überzeugt. Ebenso die Jury des 1. Sächsichen Tanzpreises, für den diese Arbeit nominiert war. In die Endrunde hat es „Levitation“ nicht geschafft. Anders hingegen Hermann Heisigs „STRTCH“, der seine Arbeit als Solo noch einmal zeigte. Mit ihm hat es nur ein Vertreter der jüngeren Künstler bis ins Finale geschafft. Ob der Gewinner der ersten Sächsischen Tanzplattform auch hier wieder punkten kann, wird erst im April bekannt. Dann nämlich wird in Leipzig der 1. Sächsische Tanzpreis verliehen.

Punkten konnten im Rahmen des Dance transit Festivals aber in jedem Fall die tschechischen Arbeiten. So war es am Ende auch die Choreografie von Markéta Vacovská von der Spitfire Company, die den Koproduktionspreis erhielt. Ihr energiegeladener Boxkampf „One Step Before The Fall“ mit und gegen emotionale Höhen und Tiefen, denen die Karriere Muhammad Alis zugrunde liegt, überzeugte die Jury vor allem durch prägnante körperliche Präsenz.
Damit steht diese Arbeit tatsächlich stellvertretend für alle anderen, denn alle künstlerischen Ansätze hatten gemeinsam, die Ausdrucksform Tanz an ihren Rand zu bringen und zu testen, wo Tanz aufhört und weitere Formen des körperlichen Ausdrucks anfangen.

Tereza Ondrová und Peter Šavel zeigten beispielsweise in ihrem wunderbar ironisch leichtfüßigen „Boys Who Like To Play With Dolls“ 'Gender bending at its best'. Grundlegend sind beide eigentlich nur nebeneinander durch den Raum gelaufen. Hauptsächlich. Das Wie allerdings war verblüffend. Ausgehend von geradezu ausdruckslosem Gang entwickelten beide jeweils Gangarten, die keinen Zweifel an ihrem Geschlecht ließen. Man mag das Klischee nennen oder nicht. Verblüffend wurde es genau dann, wenn beide Tänzer die Geschlechter mühelos innerhalb von nur zwei Schritten tauschten, indem ihre jeweilige Körpersprache vom anderen übernommen wurde. Geschlechtergrenzen wurden dadurch mit einer Handbewegung vom Tisch gefegt.

Schritte gab es im „Correction“ der VerTeDance Company hingegen keinen einzigen. Kann man tanzen, ohne die Füße vom Boden zu heben? Es dauerte in dieser Arbeit tatsächlich eine ganze Weile, bis deutlich wurde, dass die Schuhe der „Tänzer“ am Boden befestigt waren. Nebeneinander stehend in einer Reihe blieb ihnen nichts anderes übrig, als mit dem jeweils Nebenstehenden irgendwie zu agieren. Das war charmant und witzig, trug aber durchaus seine eigene Tragik in sich. Welche Form der Freiheit ist wünschenswert? Und wozu? Die Befreiung der „Tänzer“ am Ende überraschte. Ihr Befreiungsschlag zielte nämlich gerade nicht auf die Schuhe ab. Ja, man kann auch „ohne Füße“ tanzen.

Genau das hat auch die „Simulante Bande“ gezeigt, eine weitere Arbeit der VerTeDance Company. Vier Tänzer, zwei von ihnen mit körperlichen Einschränkungen. Ein Rollstuhl war von Anbeginn assoziiert. Da anfangs aber alle vier am Boden saßen war geraume Zeit unklar, wer hier körperlich beeinträchtigt ist und wie genau die Beine nicht so wollen, wie sie vielleicht sollten. Wie an unsichtbaren Fäden wurden immer wieder einzelne Extremitäten angehoben und neu platziert. Und wenn das mit den Beinen nicht so richtig geht, dann tanzt man eben Walzer zu dritt. Zweifellos einer der bewegendsten Momente innerhalb dieser Erörterung von Integration, Ausschluss, nicht gewolltem Mitleid und überbordender Hilfsbereitschaft.

Die Veranstalter zeigten sich am Ende allesamt ausgesucht zufrieden mit dem gesamten Festival, so dass diese ohnehin seit Jahren bestehenden Zusammenarbeiten weiterhin ausgebaut werden sollen. Konkrete Pläne gibt es bereits in Leipzig. Das Lofft will ab November Dance transit zu einer festen Veranstaltungsreihe machen.

Veröffentlicht am 09.03.2015, von Rico Stehfest in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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Kommentare zu "Tanz an seinem Rand"



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