HOMEPAGE



Paris

SYMBOLISCH KARG

John Neumeier am Ballett der Pariser Oper



"Das Lied von der Erde" könnte sein letzter Mahler sein, ließ der Choreograf verlauten. Einzig ein Kreissegment in veränderlicher Farbe strahlt auf die Bühne, das an die abstrakten Gemälde von seinem Tänzer-Idol Nijinsky erinnert.


  • Neumeiers "Das Lied von der Erde" an der Pariser Oper Foto © Ann Ray / Opéra national de Paris
  • Neumeiers "Das Lied von der Erde" an der Pariser Oper Foto © Ann Ray / Opéra national de Paris
  • Neumeiers "Das Lied von der Erde" an der Pariser Oper Foto © Ann Ray / Opéra national de Paris
  • Neumeiers "Das Lied von der Erde" an der Pariser Oper Foto © Ann Ray / Opéra national de Paris

Neben Bach und den Neusichten der großen Ballettklassiker gehört John Neumeiers choreografisches Hauptinteresse seit Anbeginn den Werken Gustav Mahlers. Mit dem Ballett der Pariser Oper hat er nun "Das Lied von der Erde" erarbeitet, Mahlers Opus magnum von sinfonischem Anspruch, mit dem er abergläubisch der todbringenden Neunten ausweichen wollte. Und doch vor der Uraufführung starb. Vorbei sind die kraftvollen Kämpfe, Zitate von Märschen und Volksliedern, die auch Neumeier stets zu wunderbaren Gruppenchoreografien und sich rasant abwechselnden Tableaus inspirierten, denn fast alle Sinfonien und Lieder Mahlers hat er schon choreografiert. "Das Lied von der Erde" könnte sein letzter Mahler sein, ließ er verlauten. Dafür hat er noch einmal Tabula rasa gemacht, läßt einzig ein Kreissegment in veränderlicher Farbe auf die Bühne strahlen, das an die abstrakten Gemälde von Neumeiers Tänzer-Idol Nijinsky erinnert. Über allem ein Spiegel, auf dem Boden ein allerdings sehr irdisches Rasenstück.

Gereinigt, symbolisch karg sind auch die Bewegungen, die Hände vor den Augen, die gebückte Drehung um die Beine des Partners, eine Geste des Trinkens, das etwas pantomimisch-klischeehafte Ertasten unsichtbarer Wände. Sie kehren alle stetig wieder in diesem erinnerten Lebenslauf, zu dem der Protagonist Mathieu Ganio noch einmal traumwandlerisch aufbricht. Denn meist bleibt er Beobachter, immer Fremder im Geschehen, kann nicht wie die (Lebens)Trunkenen mit den Mädchen tollen. Die klassischen Tours en l'air und Jetés der Jungs bricht Neumeier mit abgewinkelten Füßen und Händen, gibt dem Trunkenen im Frühling von Vincent Chaillet lustig-eckige Beinarbeit. Schon die Frauen wirken immer umflort, werden waagerecht vor die Brust erhoben wie Opfergaben, schweben schließlich wie Verwandte der Wilis auf Spitze im Raum. So wie Mahler in dieser Sinfonie auf Worte des Abschieds Abschied nimmt von seiner früh verstorbenen Tochter, von seinem manneskräftigen Leben vor der Diagnose seiner Herzkrankheit.

In einem Prolog hat Neumeier Ganio ein Alter Ego an die Seite gestellt. Der blonde Karl Paquette scheint unbeschwerter ins Leben zu ziehen. Er kommt zum letzten langen Abschiedslied zurück wie ein Freund aus Jugendtagen, wie das Leben selbst. Ganio kann auch ihn nicht gleich fassen, so wie sich ihm immer wieder Figuren kurz vor der Berührung entzogen haben. Er war der Welt wohl immer schon etwas abhanden gekommen. Nun erst kann er seinen Kopf doch noch im Schoß des Freundes bergen, Paquette streichelt ihn, dann streben sie an langen Armen auseinander. Denn mit Laetitia Pujol tritt die Frau, die Mutter, die Erde auf, sie bilden den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens. Ganio umfasst sie, hebt sie, trägt sie wenig weiter und umrundet sie, um diesen Ablauf zu wiederholen, "ewig, ewig" klingt es dazu aus dem Lied, dann weichen sie ins Gegenlicht, sind Schatten geworden.

Das gelingt rührend, Ganio ist ein Melancholiker von aufgeräumter Traurigkeit, und Pujol eine Frau von strenger Noblesse. Konsequent hat Neumeier alles Jugendstilartig-Poetische ausgetrieben. Was in den lebensvolleren Passagen etwas schroff und nackt wirken kann. Über allem schwebt ein asiatischer Minimalismus, der jede Bewegung ins Symbolische hebt, wo auch mal Leichtigkeit und Ungezwungenheit berühren würden. Den Ton einwilligender Weltentsagung, der Mahlers Weltabschiedswerk durchweht, trifft Neumeier freilich präzise.

Viel Applaus und Bravos für Neumeier, die Tänzer und die hervorragenden Gesangssolisten Burkhard Fritz und Paul Armin Edelmann unter Patrick Lange am Pult.

Veröffentlicht am 25.02.2015, von Andreas Berger in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1566 mal angesehen.



Kommentare zu "Symbolisch karg"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    SEIT 45 JAHREN WAHLHAMBURGER

    John Neumeier als „Optimist des Jahres“ ausgezeichnet

    Eine besondere Ehrung wurde John Neumeier, dem weltweit dienstältesten Ballettdirektor, am Samstag im Rahmen des jährlichen Frühjahrstreffens des „Club der Optimisten“ in der Hanse Lounge in Hamburg zuteil.

    Veröffentlicht am 29.05.2018, von Pressetext


    WARUM IN DIE FERNE SCHWEIFEN ...

    ... wo die Guten sind so nah: Gastauftritte von Bolschoi-Solisten und Rollendebuts bei der „Kameliendame“ in Hamburg

    In der Vielfalt der Interpretationen zeigen sich unterschiedlichste Facetten dieses Ballett-Klassikers - wenn auch nicht alle Interpreten überzeugen.

    Veröffentlicht am 24.05.2018, von Annette Bopp


    „ILLUSIONEN - WIE SCHWANENSEE“

    Ein Fotoblog von Dieter Hartwig

    Zum dritten Mal begleitet der Berliner Fotograf einen Schwanensee mit seiner Kamera. Diesmal anlässlich der Wiederaufnahme von John Neumeiers „Illusionen - wie Schwanensee“ an der Hamburger Staatsoper.

    Veröffentlicht am 11.04.2018, von Dieter Hartwig


    JOHN NEUMEIER BIS 2023 INTENDANT DES HAMBURG BALLETT

    Erfolgsgeschichte des Hamburg Ballett soll weiter ausgebaut werden

    John Neumeier übernahm 1973 die Leitung des Hamburg Ballett und ist damit der dienstälteste Ballettdirektor der Welt.

    Veröffentlicht am 26.03.2018, von Pressetext


    EINE HEUTIGE ANNA KARENINA

    John Neumeier eröffnet die 43. Hamburger Ballett-Tage mit einer großartigen Uraufführung

    Neumeiers „Anna Karenina“ nach Leo Tolstois Roman ist ein Meisterwerk geworden. Obwohl man sich daran gewöhnen muss, dass das Ballett nicht im 19. Jahrhundert, sondern in heutiger Zeit spielt.

    Veröffentlicht am 04.07.2017, von Marlies Strech


    DIE SPHÄREN DES VASLAV NIJINSKY

    Neumeiers „Le Pavillon d’Armide“ und „Le Sacre“ am Wiener Staatsballett

    Jedes Mal beweist John Neumeier auf's Neue, dass er ein großer Verwandlungskünstler ist. Seit 1977 führt er das Wiener Staatsballett mit seinen Einstudierungen in neue Sphären, immer wieder in den Ballets Russes-Kosmos.

    Veröffentlicht am 21.02.2017, von Andrea Amort


    DOPPELT GEEHRT

    John Neumeier erhält Erich-Fromm-Preis und Auszeichnung des Prix de Lausanne

    Der Intendant des Hamburger Balletts erhält den mit 10 000 Euro dotierten Erich-Fromm-Preis für sein künstlerisches Wirken als Botschafter des Humanen sowie im Rahmen des diesjährigen Prix de Lausanne eine Auszeichnung für sein Lebenswerk.

    Veröffentlicht am 18.01.2017, von tanznetz.de Redaktion


    DIE VIELEN FACETTEN DES VASLAV NIJINSKY

    Wiederaufnahme von „Nijiinsky“ beim Hamburg Ballett mit spannender zweiter und dritter Besetzung

    Es ist eines von John Neumeiers besten und eindrucksvollsten Werken und wurde jetzt nach längerer Pause endlich wiederaufgenommen: „Nijinsky“.

    Veröffentlicht am 09.10.2016, von Annette Bopp


    EIN MEISTERWERK IM DOPPELPACK

    „Turangalîla“ eröffnet die 42. Hamburger Ballett-Tage

    Schon seit Jahrzehnten hegte Hamburgs Ballett-Intendant John Neumeier den Wunsch, Olivier Messiaens 1949 beim Boston Symphony Orchestra unter Leonard Bernstein uraufgeführte Sinfonie in zehn Sätzen „Turangalîla“ als Ballett auf die Bühne zu bringen.

    Veröffentlicht am 05.07.2016, von Annette Bopp


    DIE PERSONALISIERTE LIEBE ZUR KUNST

    Silvia Azzoni als Eleonora Duse in Hamburg

    Es erschließt sich dank Azzoni noch zwingender, was John Neumeier mit "Duse" wohl beabsichtigt hat: eine Huldigung an die reine, die unverstellte, aus tiefstem Herzen empfundene Kunst, und an die Künstlerin, die sie ausübt.

    Veröffentlicht am 16.02.2016, von Annette Bopp


     

    LEUTE AKTUELL


    KINSUN CHAN WIRD TANZCHEF IN ST. GALLEN

    Der Schweiz-Kanadier übernimmt auf die Spielzeit 2019/2020 die Nachfolge von Beate Vollack
    Veröffentlicht am 24.05.2018, von Pressetext


    SPRECHENDE SCHULTERN, SCHREIENDE ELLBOGEN UND FLÜSTERNDE KNIE

    Interview mit Wayne McGregor: Neuer Ballettabend am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 15.04.2018, von Vesna Mlakar


    STAKEHOLDER IN STRUMPFHOSE ODER BETRIEBSJUBILÄUM AUF DER BÜHNE

    Jason Reilly – ein Interviewportrait von Alexandra Karabelas
    Veröffentlicht am 13.03.2018, von Alexandra Karabelas



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    „TANZ, TANZ... WIR"

    Jugendtanzpojekt „tanz, tanz... wir" am 15. und 17.06.2018 im Haus der Jugend Barmen & Geschwister-Scholl-Platz in Wuppertal.

    Das Spektrum reicht von Aufführungen selbst entwickelter Arbeiten, Installationen, Ausstellungen, Filme über Workshops und Improvisationen, bis hin zu Diskussionsforen.

    Veröffentlicht am 11.06.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    GOECKE GEHT NACH HANNOVER

    Der neue Ballettdirektor am STAATSTHEATER HANNOVER steht fest. Marco Goecke übernimmt zur Spielzeit 2019/20 die Leitung.
    Veröffentlicht am 21.02.2018, von Pressetext

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    BESTLEISTUNG

    Die Palucca Hochschule für Tanz Dresden zeigt in der Semperoper ihre beste Leistungsschau seit Jahren

    Veröffentlicht am 01.06.2018, von Rico Stehfest


    VON GANZEM HERZEN ENTERTAINER

    Ben Van Cauwenbergh feiert Jubiläum

    Veröffentlicht am 17.06.2018, von Marieluise Jeitschko


    AUGENSCHMAUS

    "Ballett-Akademie en scène" im Prinzregententheater München

    Veröffentlicht am 10.06.2018, von Sabine Kippenberg


    EINDRUCKSVOLL

    "100°C" des Semperoper Ballett Dresden

    Veröffentlicht am 04.06.2018, von Boris Michael Gruhl


    CREATING DANCE IN ART AND EDUCATION

    Tanzpädagogik/ Choreografie Berufsbegleitende Weiterbildung am UdK Berlin Career College ab Oktober 2018

    Veröffentlicht am 20.04.2018, von Anzeige



    BEI UNS IM SHOP