HOMEPAGE



Oldenburg

LIEDER DER WELT

Antoine Jully: "Die schönste aller Welten" am Staatstheater Oldenburg



Im zweiten Ballettabend stellt der französische Choreograf seine fabelhafte kleine Truppe ganz persönlich vor. Man glaubt dieser BallettCompagnie Oldenburg, dass die Bühne für sie - wie für Chopin die Metropole Paris - "Die schönste aller Welten" ist.


  • Antoine Jullys Ballettabend "Die schönste aller Welten" in Oldenburg - "Favorite Words" Foto © Martina Pipprich
  • Antoine Jullys Ballettabend "Die schönste aller Welten" in Oldenburg - "Ein Blick - ein Fenster" Foto © Martina Pipprich

Worte und Klänge aus Frankreich, Italien, Kuba, Brasilien und Japan verschmelzen zu einem heiteren Potpourri. Weiße Capri-Hosen, hauchzarte Sommer-Kleider und lässige Tops, so bunt wie die Welt, unterstreichen die unbeschwerte Fröhlichkeit der neun charmanten Szenen von "Favourite Words" - einer Auswahl von Liedern, Chansons und Texten aus den Heimatländern der fünf Tänzerinnen und vier Tänzer. Witz und Schabernack finden Ausdruck in Gestik und Mimik des sehr präsenten Ensembles. Oldenburgs französischer Chefchoreograf Jully, der auch für die Ausstattung verantwortlich zeichnet, bedient sich der Gebärdensprache und erfindet dazu allerlei ulkige Körperverknotungen, Spreizungen, Hebungen und Verfremdungen. Man staunt über das technische Repertoire und die Versiertheit der vorzüglich harmonierenden Kompanie. Wovon die Musik erzählt, lässt sich meist nur mutmaßen.

Mit einem koketten Pas de deux von Eleonora Fabrizi und Marco Russo Volpe beginnt der Reigen. Im Hintergrund "lustwandeln" die anderen. Nicol Omezzolli tanzt danach in sehr apartem Kleidchen, wie selbstvergessen. Aus dem Off tauchen zwei mindestens drei Meter hohe Riesen in schwarzen Röcken auf. Marié Shimada beeindruckt mit weiten, raffinierten Sprüngen im folgenden Solo. Drei Gartenbänke - als Wippe, Rutschbahn und Turnbalken benutzt - unterstützen eine Gruppenszene. Jully selbst hat ein kleines Video gedreht, in dem die Tänzer nur als winzige Püppchen sichtbar sind. Seine kleine Weltreise endet, wenn alle aus dem "Oldenburg!"-Bus steigen. Gespreizte Zitterhände, Schattenspiele und ein uraltes Grammophon, aus dem Edith Piaf "Non, je ne regrette rien" schmettert (ausgewählt von der Französin Marjorie Lenain), unterhalten bestens. Danach fasziniert auf Boris Vians rührendes Gedicht eines ratlosen Dichters "Einer mehr" (Un de plus) Timothée Cuny mit einer Pantomime. Ein Pas deux des quirligen Lester René González Álvarez und der eleganten Eleonora Fabrizi mit Gruppe beendet die Vorstellung.

Auch wenn nicht nur diese letzte Nummer perfekt für vier Paare passt, ist's schade, dass ausgerechnet die lustige Französin Jossia Clement mit ihren wippenden Kringellöckchen in dieser Vorstellung des neuen Ensembles fehlte (nach langer Krankheit ohne Vorbereitung). Im ersten Teil fällt sie um so angenehmer auf.
Wider Erwarten abstrakt kommt auch der erste Teil des Abends über. Dabei beschäftigt sich Jully in "Ein Blick - ein Fenster" mit der Beziehung Fréderic Chopins zu George Sand. Aber, wie er betont, gelingt ohnehin nur ein Blick wie durch ein Fenster auf die Persönlichkeit eines Menschen, erst recht auf die Beziehung zweier so unterschiedlicher Künstler wie der polnische Musiker und die französische Schriftstellerin waren.

In jedem Fall liefern die Walzer, Polonaisen, Préludes und Nocturnes eine vielschichtige Grundlage für diese Choreografie. Eisblau sind die einheitlichen ärmellosen weißen Raffmieder mit wellenförmigen Längsstreifen zu den knappen schwarzen Höschen für die Herren und in umgekehrter Farbstellung der Oberteile für die Damen. Das aber ist auch der Hauptunterschied. Denn jeder ist mal der Komponist, jeder mal die Diva. Konkrete Episoden oder Situationen sind nicht erkennbar. Wie komplex das Geflecht von Eigenschaften und Kontakten ist, verdeutlicht eine besonders raffinierte Szene mit sechs meterlangen Gummibändern, die in den Händen von Herick Moreira zusammenlaufen.

Man glaubt dieser BallettCompagnie Oldenburg, dass die Bühne für sie - wie für Chopin die Metropole Paris - "Die schönste aller Welten" ist.

Veröffentlicht am 21.02.2015, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 2996 mal angesehen.



Kommentare zu "Lieder der Welt"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    FLUSS UND RHYTHMUS DES LEBENS

    Uraufführung im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters

    Mit den Luca Veggettis „Am Ende unser Schatten“ und Antoine Jullys Interpretation von „Le Sacre du Printemps“ gibt es in Oldenburg erneut einen lohnenswerten Tanztheaterabend, dessen Stücke in ihrer Unterschiedlichkeit gut harmonieren.

    Veröffentlicht am 16.04.2019, von Martina Burandt


    OLDENBURG LÄSST DIE PUPPEN TANZEN

    „Drei Generationen“ bei der BallettCompagnie Oldenburg

    Mit Choreografien von Lester René González Álvarez, Tanzdirektor Antoine Jully und Altmeister Alwin Nikolais entsteht ein abwechslungsreicher Tanztheaterabend.

    Veröffentlicht am 16.11.2017, von Martina Burandt


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    EINE MILLIARDE EURO FÜR "NEUSTART KULTUR"

    Die Bunderegierung legt im Zuge der Corona-Krise ein Förderprogramm für die Kultur vor
    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


    REPERTOIRE

    TanzFaktur wagt in neuer Spielzeit einen für Köln einmaligen Schritt
    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


    IMPROVISATION IN ZEITEN DES IMPROVISIERENS

    "Our Daily Post" von Katja Wachter im schwere reiter München
    Veröffentlicht am 01.07.2020, von Peter Sampel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ARTORT 020 „GEISTERSPIELE - FEST DER KÜNSTE“

    Das beliebte Heidelberger Kunstereignis im öffentlichen Raum findet statt - mit Publikum und mit variiertem Konzept!

    ARTORT 020 „Geisterspiele - Fest der Künste“ findet an acht Abenden von 9. bis 12. Juli und 16. bis 19. Juli ab 20.30 auf dem Festgelände Heidelberger Airfield in Kirchheim/Pfaffengrund statt. Pro Vorstellung sind voraussichtlich 99 Personen zugelassen.

    Veröffentlicht am 16.06.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    EINE WARMHERZIGE UND STARKE FRAU

    Marlis Alt ist am 19. Juni verstorben

    Veröffentlicht am 29.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    DIE PREISTRÄGER*INNEN STEHEN FEST

    Preisvergabe beim 24. Internationalen Solo-Tanz-Theater Festival Stuttgart 2020

    Veröffentlicht am 29.06.2020, von Pressetext


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    DANCE!

    Lucinda Childs wird 80 und wirkt heute noch radikal und neu

    Veröffentlicht am 25.06.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP