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Dresden

DANK DEN SOLISTEN!

„Tristan + Isolde“ als Ballett von David Dawson an der Semperoper Dresden



Mit der Choreografie verhält es sich ähnlich wie mit der Musik Szymon Brzóskas. Sie konzentriert sich auf einige Akzente und Motive dieser Geschichte, ist vornehmlich an Isolde, Tristan, König Marke und Melot interessiert - und überzeugt nur partiell.


  • "Tristan + Isolde" an der Semperoper in Dresden Foto © Ian Whalen

Es ist eine große Geschichte der Weltliteratur um Tristan und Isolde, deren Herkunft sich nicht mehr ganz zurück verfolgen lässt, am besten noch in der fragmentarisch erhaltenen Fassung des Versromans des Gottfried von Straßburg aus dem 13. Jahrhundert. Es gibt viele Bearbeitungen, die Tragödien von Hans Sachs oder Karl Immermann, am bekanntesten wohl das Musikdrama von Richard Wagner als Handlung in drei Aufzügen von 1859, worauf auch die Novelle von Thomas Mann aus dem Jahre 1901 anspielt. In neuerer Zeit spielt der Stoff in unterschiedlichen Varianten in der Mittelalterszene wieder eine Rolle.

Für Choreografen bietet der Stoff offensichtlich immer wieder Anregungen. An die 20 Ballette dürfte es geben, bedeutende Choreografen des 20. Jahrhunderts wie Léonide Massine, Frederick Ashton, Maurice Béjart, John Cranko, Glen Tetley oder John Neumeier ließen sich von diesem Stoff anregen. Da wurde auch immer wieder Wagners Musik verwendet, Krzysztof Pastor kombinierte Motive des Musikdramas mit den fünf Liedern nach Gedichten von Mathilde Wesendonck und stellte so den Bezug zu Wagners eigenem „Tristankonflikt“ her. Aber auch andere Komponisten widmeten sich dem Thema. Boris Blacher schrieb eine Tristanmusik und in den 90er Jahren gab es in Dresden in der Semperoper John Neumeiers „Tristan“ mit der Musik von Hans-Werner Henze.

Für die Uraufführung „Tristan + Isolde“ von David Dawson, der in Dresden einige Jahre als Hauschoreograf gearbeitet hat und dessen erfolgreiche Choreografie des Klassikers „Giselle“ nach wie vor im Repertoire ist, hat für seine Fassung von „Tristan + Isolde“ eine Komposition in Auftrag geben lassen und so ist der Abend eine Uraufführung im doppelten Sinne, die Ballettmusik des polnischen Komponisten Szymon Brzóska, mit dem Dawson bereits in Amsterdam gearbeitet hat, erklang zum ersten Mal.

Diesmal stand er vor einer großen Herausforderung, der er sich mutig gestellt hat. Er ist in seiner Modernität sehr moderat, der Melodik treu, seine Musik klingt nicht experimentell, sie gleitet mitunter ab in die Großflächigkeit von Filmmusiken und sie begleitet eher, als dass sie wirklich eigene, starke Akzente setzen würde. Überraschungen oder gar Verunsicherungen bleiben aus, damit aber auch die Spannung.
Dynamik wird oft akustisch erzeugt, mitunter hört man minimalistische Passagen, kammermusikalische Sphärenklänge hoch gestimmter Violinen, im Vorspiel zum zweiten Akt dann in einer Passage für Violoncello klingt sogar etwas wie eine Referenz an Richard Wagner an.

Mit der Choreografie und Inszenierung von David Dawson, der zudem für die Konzeption verantwortlich ist und auch das Libretto selbst verfasst hat, verhält es sich ähnlich wie mit der Musik. Sie konzentriert sich auf einige Akzente und Motive dieser Geschichte, ist vornehmlich an Isolde, Tristan, König Marke und Melot interessiert. Brangäne, Isoldes Vertraute, gibt es zwar, würde sie aber fehlen, würde das nicht auffallen. Das ist verwunderlich, zumal mit Anna Merkulova eine Tänzerin dabei ist, der es weder an technischem Können noch an darstellerischer Präsenz mangelt. Ungenutzt bleibt die Chance, etwa in einem Duett der beiden Frauen, zu vermitteln, warum sie Isolde den Liebestrank und nicht das von ihr erbetene tödliche Gift reicht.

David Dawsons Choreografie nutzt die Traditionen der Neoklassik, dazu kommen bei ihm die hoch geführten Arme und in der Höhe dann abgeknickten Händen. Er schafft die stärksten Momente in den Varianten der Entwicklung der Beziehung zwischen Tristan und Isolde mit vier Pas de deux für sie, wobei die erste Begegnung und beider Tod, hier als gemeinsamer Liebestod, von stärkster Wirkung sind.

Plakativ hingegen wirken die tänzerische Militanz am Hofe König Markes und im Gegensatz dazu das fröhliche, bunte Jugendleben um Isolde. Wenn Markes schwarze Mannen als brutale Brautwerber auftreten und die bunten jungen Leute zusammenschlagen, wobei sich Tristan in Markes Auftrag besonders hervortut, und Isoldes Onkel Marold totschlägt und selbst gefährlich verwundet wird, dann wird der Zeigefinger zum Schlagstock. Ansonsten ist die Handlung wie gehabt, Isolde rettet Tristan mit ihren Heilkünsten, das vermeintliche Gift ist kein Liebestrank, sondern Pulver mit Glitzereffekt, tut aber den üblichen Dienst. Und leider immer wieder, besonders bei den Szenen für die Tänzerinnen und Tänzer des Corps de ballet, tritt das Geschehen auf der Stelle, die Spannung geht verloren, was ganz sicher nicht an den Fähigkeiten der Kompanie liegt. Diese Stagnationen können auch noch so toll getanzte Passagen der Solisten nicht wett machen.

Dennoch, sie retten den Abend! Sie setzen mit ihrem Engagement und mit der Kunst ihres Tanzes die Lichtpunkte. Courtney Richardson kann diese Zerrissenheit in der Unbedingtheit ihrer Liebe zu Tristan überzeugend darstellen. Fabien Voranger nimmt man ab, dass er von einem bislang nicht gekannten Gefühl überwältigt wird und Raphaël Coumes-Marquet ist am Ende ein gebrochener Mann. Jón Vallejo als Melot hat nur ein kurzes Solo, er ist ja der Verräter der Beziehung zwischen Tristan und Isolde, aber dieses kurze Solo, so expressiv und voller Kraft bei furiosem Tanz, das hat es in sich. Einer von jenen Momenten, die weit über das sonstige Maß des Abends hinausweisen.

Veröffentlicht am 16.02.2015, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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